Kein Ende der Schlacht um Mossul in Sicht

Analyse4. Jänner 2017, 06:00
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Die Verluste der irakischen Armee beim Vormarsch auf die IS-Hauptstadt sind groß. Nun läuft die "zweite Phase" an

Bagdad/Wien – Gut 500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Aleppo und Mossul, es könnten auch 5000 sein, was die internationale Wahrnehmung der gleichermaßen schrecklichen Schlachten um die beiden arabischen Großstädte betrifft. Wohl ist ein politischer Vergleich unzulässig – in Mossul versucht eine internationale Allianz, bei der sogar die USA und der Iran auf einer Seite stehen, den "Islamischen Staat" (IS) zu besiegen. Die Angreifer töten nicht, wie das Assad-Regime in Aleppo, wahllos Zivilisten, auch wenn es immer wieder Opfer von Luftangriffen gibt. Und blieben Menschenrechtsverletzungen der Rebellen an Zivilisten in Aleppo in einer Grauzone, so gibt es über die Verbrechen des IS keine Zweifel.

Aber auch der Krieg um Mossul ist blutig und verlangt der Bevölkerung viel ab. Und der irakischen Armee: Ihre Verluste sind so groß, dass die Offensive in der zweiten Novemberhälfte, also bereits einen Monat nach Beginn, stockte und später teilweise angehalten werden musste. Die Opferzahlen werden von der irakischen Regierung unter Verschluss gehalten. Seit Ende Dezember rücken die Iraker in der "zweiten Phase" der Schlacht erneut vor, laut US-General Rick Uribe, dem US-Vizekommandanten, sind sie "wieder auf der Höhe".

120.000 Flüchtlinge

Sechzig Prozent des Ostens der Stadt, durch die der Tigris fließt, sollen befreit sein. Der Ostteil ist der größere, aber im Westen leben mehr Menschen. 120.000 Flüchtlinge haben die Stadt verlassen, Hunderttausende könnten noch dazukommen, wenn die Kämpfe den Westen erreichen, wo aber auch der harte Kern der IS-Anhänger vermutet wird.

Immer wieder gibt es Behauptungen in irakischen Medien, dass der IS seine Familien aus der Stadt bringe und in Auflösung begriffen sei: Nichts davon hat sich bestätigt. US-Militärs tendieren auch zur Ansicht, dass der Führer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi – ein Iraker aus Samarra, der eigentlich Ibrahim Awad al-Badri heißt -, am Leben sei und weiter an der Spitze stehe. Ob er sich in Mossul aufhält, weiß man allerdings nicht.

Über die Aussage des irakischen Premiers Haidar al-Abadi, der IS werde bis Jahresende aus Mossul vertrieben sein, hatten Experten bereits im Herbst den Kopf geschüttelt. Auch Abadis neue Einschätzung – drei weitere Monate – wird als ehrgeizig betrachtet. Der IS setzt für seinen Widerstand noch mehr Energie frei als erwartet, der große Schrecken für die vorrückenden Truppen sind Selbstmordattentate. Das klingt nach Verzweiflung, ist aber militärisch bestens koordiniert: Zuletzt versuchte der IS mithilfe eines Krans mit Bomben gespickte Fahrzeuge über eine zerstörte Tigrisbrücke vom Westen in den Ostteil der Stadt zu hieven, das wurde allerdings verhindert.

Am Montag erlebte die Front mit Frankreichs Präsident François Hollande ihren bisher höchsten Besuch. Frankreich ist Mitglied der US-geführten Anti-IS-Koalition und fliegt mit in Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten stationierten Rafale-Kampfjets Einsätze. Aber Frankreich hat auch 500 Soldaten am Boden, die irakische Truppen ausbilden. Eine Ironie des Schicksals: Die US-Intervention 2003 hatte Paris vehement abgelehnt, ein jahrelang beschädigtes Verhältnis mit Washington war der Preis. Die Folgen von 2003 – der Aufstieg des Jihadismus – haben das Terroropfer Frankreich jedoch doch noch in den Irak gebracht.

IS ist noch bewegungsfähig

Hollandes Besuch wurde von mehreren schweren IS-Anschlägen in Bagdad und Samarra überschattet – und von mehreren Ausfallsversuchen des IS, der kurzfristig sogar die Straße von Mossul nach Bagdad unterbrechen konnte. Die Schwierigkeiten der Armee nähren Spekulationen, ob nicht doch die schiitischen Volksmobilisierungskräfte (PMF), die im Westen von Mossul, beim mehrheitlich schiitischen Tal Afar, erfolgreich kämpfen, auch in Mossul zum Einsatz kommen werden – wo sich jedoch die sunnitische Bevölkerung vor ihnen fürchtet. Übergriffe etwa bei der Schlacht von Falluja sind dokumentiert.

Im irakischen Parlament haben sich der sunnitische und der schiitische Block auf ein nationales Versöhnungsprogramm geeinigt, das nach der Befreiung von Mossul umgesetzt werden soll. Die Identifizierung von Zivilisten in Mossul, die den IS unterstützt haben, gestaltet sich schwierig: Einerseits will es keiner gewesen sein, andererseits sind Denunziationen Tür und Tor geöffnet. (Gudrun Harrer, 4.1.2017)

  • Flüchtlinge warten in Bartella östlich von Mossul auf ihren Weitertransport in Lager.
    foto: ap/mohammed

    Flüchtlinge warten in Bartella östlich von Mossul auf ihren Weitertransport in Lager.

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