Vom Durchschnittsbürger Josef Mayer lernen

Kommentar der anderen3. Jänner 2017, 14:23
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Wider die Lust am "starken Mann": Wie man Demokratieüberdruss bekämpfen soll

Vor exakt 75 Jahren starb der gelernte Schuster Josef Mayer. Sein Leben war bis wenige Tage vor seinem Tod unauffällig verlaufen, zuletzt stand er als Wehrmachtssoldat im Feld. Zu Weihnachten 1941 bekam er Fronturlaub und traf am späten Abend des 22. Dezember überraschend zu Hause in Neukirchen an der Enknach nahe Braunau ein. Sein Bett aber war in dieser Nacht schon vom NS-Bürgermeister des Ortes besetzt, der mit Mayers Frau eine Affäre laufen hatte. Es kam zu einer Auseinandersetzung, der Bürgermeister trollte sich.

Am nächsten Morgen wurde Mayer abgeholt und ins Arbeitserziehungslager St. Pantaleon-Weyer eingeliefert, wo er über die Feiertage auf bestialische Weise nach allen Regeln der Kunst von den SA-Aufsehern totgefoltert wurde. Am 27. Dezember hatte er es überstanden.

Josef Mayer war eines jener vielen NS-Opfer, die keiner der allseits bekannten Opfergruppen zuzuordnen sind: Weder war er Jude noch Zigeuner, homosexuell oder behindert, Widerstandskämpfer oder Bibelforscher. Er war der Durchschnittsbürger, wie er im Buche steht, Hausbesitzer und Mitglied der Tischgesellschaft Rauchklub Neukirchen. Sein Pech war seine attraktive Frau.

Immer wieder kann man in diesen Monaten von der wachsenden Lust am starken Mann lesen, die diverse Umfragen belegen. Und vom damit verbundenen Demokratieüberdruss. Es wäre, glaube ich, eine gute Idee, Schicksale wie jenes des Innviertlers Josef Mayer mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, als schlagende Beispiele für die himmelschreiende Willkür diktatorischer Systeme, deren Funktionäre auf allen Ebenen nicht nur das Recht nach Belieben beugten, sondern auch über Leben und Tod bestimmen konnten, etwa weil ihnen Verordnungen einräumten, jedermann zum Asozialen, Arbeitsscheuen zu erklären und hinter Lagertoren verschwinden zu lassen.

Jederzeit konnte es alle treffen. Vielleicht würde schlichtes historisches Wissen etliche von denen doch zum Nachdenken bringen, die sich der Illusion hingeben, der starke Mann und seine verlängerten Arme würden bloß die anderen verräumen, aus den Augen schaffen, die dem Glück einer homogenen Volksgemeinschaft im Wege stehen. (Ludwig Laher, 3.1.2017)

Ludwig Laher ist Schriftsteller, zuletzt erschien von ihm sein Roman "Überführungsstücke" (Wallstein).

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