Seelöwen-Dilemma: Lernen wird wie eine Epidemie bekämpft

7. Jänner 2017, 14:02
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Forscher zogen Modelle zur Seuchenausbreitung heran, um zu untersuchen, wie sich unter den Robben fatales Fischfang-Wissen ausbreitet

Sacramento – Für Tierschützer ist das eine echte Zwickmühle: An der Küste Kaliforniens haben sie es mit zwei Spezies zu tun, die unter dem Schutz verschiedener Gesetze stehen: der Lachs unter dem Endangered Species Act und der Seelöwe unter dem Marine Mammal Protection Act. Problematisch wird es, wenn die Tiere selbst zu Gesetzesbrechern werden.

Unter den Seelöwen macht sich nämlich eine neue Jagdstrategie breit: Sie versammeln sich am Columbia River, wo man für die migrierenden Lachse Fischleitern eingerichtet hat, damit sie die Staumauer des Bonneville-Damms überwinden können. Diese Leitern wirken wie ein Flaschenhals, an dem es ein entsprechendes Gedränge gibt – für die Seelöwen kommt das einer gedeckten Tafel gleich.

Für die Fischbestände können sich die Robben mit ihrer schlauen Strategie zu einem echten Problem auswachsen. Schon seit einigen Jahren entfernen die Umweltschutzbehörden der US-Staaten an der Westküste mit Erlaubnis der staatlichen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) regelmäßig Seelöwen aus dem Umfeld der Lachsleitern. Wird für sie kein Platz in einem Zoo oder anderswo gefunden, dürfen sie auch eingeschläfert werden. Diese Erlaubnis ist inzwischen um weitere fünf Jahre verlängert worden.

Wissen als Seuche

Ein Forscherteam hat nun untersucht, wie effektiv diese Notmaßnahme ist. Die in den "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlichte Studie kam zum Schluss, dass der systematische Fischraub dadurch tatsächlich etwas eingebremst werden konnte – auch wenn es besser gewesen wäre, wenn man schon ein paar Jahre früher damit begonnen hätte.

Originell war der Ansatz der Studie: Die Forscher zogen nämlich Modelle zur Ausbreitung von Seuchen heran, um zu berechnen, wie sich das Wissen um die günstigen Jagdgründe unter der kalifornischen Seelöwenpopulation "epidemisch" ausbreitet. Und so wie eine Seuche am besten bekämpft werden kann, wenn man die ersten Infizierten so früh wie möglich isoliert, so sei auch hier rasches Eingreifen oberstes Gebot.

"Andernfalls gerät es rasch außer Kontrolle", sagt Studienkoautor Michael Buhnerkempe. Seelöwen mit dem Wissen um die günstigen Jagdbedingungen an Lachsleitern müssten rasch entfernt werden, ehe sie immer mehr Artgenossen damit "anstecken" – welche dann ebenfalls entfernt werden müssten. (jdo, 7. 1. 2017)

  • Ein Seelöwe hat einen Lachs am Bonneville-Damm des Columbia River erbeutet.
    foto: us army corps of engineers

    Ein Seelöwe hat einen Lachs am Bonneville-Damm des Columbia River erbeutet.

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