Prozess um Morddrohung: Der explodierende Kranke

5. Jänner 2017, 10:00
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Ein 45-Jähriger soll einem Angestellten gedroht haben, ihn zu erstechen. Er kann glaubhaft schildern, in welchem Ausnahmezustand er war

Wien – Der Fall von Olaf C. zeigt, wie wichtig es ist, dass sich das Gericht einen persönlichen Eindruck von einem Angeklagten verschaffen kann. Dem 45-Jährigen wird vorgeworfen, im Oktober 2015 einen Bankangestellten mit dem Umbringen bedroht zu haben. Die Geschichte dahinter ist tragisch.

C. tritt auf einen Rollator gestützt vor Richterin Katharina Adegbite-Lewy. Er schaut nicht gesund aus und ist es auch nicht, wie sich herausstellt. Fünfmal sei er in den vergangenen Jahren im Koma gelegen, erzählt er, wegen zahlreicher gesundheitlicher Probleme ist er in Berufsunfähigkeitspension.

Zum Vorwurf der gefährlichen Drohung bekennt er sich grundsätzlich schuldig. Er war in eine Western-Union-Filiale am Praterstern gegangen, um Geld zu überweisen. Möglicherweise war ihm die Schlange zu lang, er sagt, er sei "böse auf den Mann" gewesen. Der Angestellte habe schon zweimal C.s Frau, die sich dadurch belästigt fühlte, unmotiviert auf einen Kaffee eingeladen.

"Dann steche ich dich ab!"

Jedenfalls drohte er seinem Gegenüber schreiend: "Wenn ich dich draußen erwische, dann steche ich dich ab!", ehe er das Geschäftslokal verließ. "Ich bin halt explodiert. Was mir leidtut", sagt C. nun geknickt. An den genauen Wortlaut könne er sich heute aber nicht mehr erinnern. Als Nebenaspekt zeigt seine Darstellung auch, wie tief manche Wörter im Sprachgebrauch verwurzelt sind. Alle Prozessbeteiligten bezeichnen den Bedrohten konsequent als "Bankbeamten".

Dann erzählt C. ruhig die Vorgeschichte: Er sei relativ kurz vor der Tat aus dem Koma erwacht. "Ich habe gerade wieder zu gehen angefangen." Er habe auch massive Dosen Antidepressiva verschrieben bekommen. Ein Mitgrund dafür: Damals kümmerte er sich ein Jahr lang um einen Sterbenden, der ihn aufgezogen hat. "Ich war in einem Ausnahmezustand", bedauert er. Seit April suche er aber bereits freiwillig eine psychologische Beratung auf.

Eine Zeugin, die in der Schlange gestanden ist, schildert, dass ihr der Mann "geistig nicht in Ordnung" vorgekommen sei. "Heute ist er gut beisammen", vermittelt sie Adegbite-Lewy ein plastisches Bild. "Es tut mir leid, wenn Sie sich beeinträchtigt gefühlt haben", entschuldigt C. sich bei der Zeugin. "Ach, am Praterstern bin ich solche Sachen schon gewöhnt", winkt die Frau ab.

Schon einmal Diversion

"Was machen wir jetzt?", wendet sich die Richterin an die Staatsanwältin. Ihr Problem ist nämlich, dass der Angeklagte im Vorjahr bereits einmal eine Diversion wegen versuchter Nötigung bekommen hat – was eigentlich eine weitere ausschließt.

"Ich überlege auch. Aber mit so besonderen Umständen ist eine weitere Diversion schon möglich", sagt die Anklägerin. Das Verfahren wird also rechtskräftig mit einer Probezeit von einem Jahr eingestellt. "Aber in der Zeit müssen Sie sich beherrschen", warnt Adegbite-Lewy. "Sicher. Ich bin froh, wenn ich wieder meinen Frieden habe. So wie früher", sagt C., ehe er sich bedankt, verabschiedet und mit dem Rollator den Saal verlässt. (Michael Möseneder, 5.1.2017)

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