Deutsche Schifffahrt am Weg ins Trockendock

2. Jänner 2017, 18:18
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Viele deutsche Schiffe fahren gratis und erwirtschaften ihre Betriebskosten nicht. Nicht alle Unternehmen werden die hartnäckige Krise überleben

Hamburg – Eigentlich dachten die deutschen Reeder und die Schiffsbanken, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Und doch hat sich die Krise der Schifffahrt, die ins neunte Jahr geht, verschärft. Viele Schiffe fahren quasi gratis, sie erwirtschaften ihre Betriebskosten nicht. Die Banken bekommen keine Zinsen und keine Tilgung für Kredite, die sie vor Jahren vergeben haben. Es werden Schiffe abgewrackt, die keine zehn Jahre alt sind, gebrauchte sind kaum mehr wert als ihr Schrottgewicht.

Bertram Rickmers stammt aus uraltem hanseatischem Reeder-Adel. Sein Blick reicht weit zurück. "Eine Krise wie diese gab es zuletzt nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71", sagt er. Die Hamburger Rickmers-Gruppe ist ein maritimer Dienstleister, der Schiffe an die großen Linienreedereien verchartert und sie bereedert. Rickmers oder seinen Anlegern gehören die Schiffe. Auf dem Schiffsrumpf steht nicht sein Name, sondern der von Maersk, MSC oder Hamburg Süd.

Vor allem Familienbetriebe

Die Linienreedereien chartern die Schiffe, bezahlen für die Bereederung und kümmern sich selbst um Ladungsströme und Containertransport. Fast alle deutschen Reedereien sind Charterreedereien. Und fast alle sind kleiner als die Rickmers-Gruppe. Der Hamburger Reeder managt um die 120 Containerschiffe. Die Mehrzahl der 364 Reedereien in Deutschland hat höchstens vier Schiffe und ist ein kleiner Familienbetrieb. Den Kleinen fehlen finanzielle Reserven und der Zugang zu frischem Kapital. Rickmers hat versucht, sein Unternehmen früh auf neue Zeiten vorzubereiten. Er hat modernes Rechnungs- und Berichtswesen aufgebaut und eine Anleihe ausgegeben. Das Ziel war der Börsengang.

Dafür aber boten weder die Schifffahrtsbranche noch das Börsenumfeld den richtigen Rahmen. Die Linienreederei Hapag-Lloyd schaffte es im Herbst 2015 noch gerade so an die Börse, dann war das Zeitfenster zu. "Wir haben das nach wie vor im Auge", sagt Bertram Rickmers. Erst einmal geht es für ihn wie für die gesamte Branche aber darum, lebend durch die Krise zu kommen. Mittelgroße Containerschiffe, die vor einigen Jahren noch eine Tagescharter von 25.000 Dollar einbrachten, sind jetzt für 4000 Dollar (3800 Euro) pro Tag zu haben. Rund 400 Schiffe unter deutschem Management haben aufgegeben.

Reeder müssen draufzahlen

Die deutsche Handelsflotte ist laut Reederverband um ein Viertel geschrumpft. Die Reeder haben hohe Millionenbeträge verloren, Verluste zum Teil aus ihrem Privatvermögen abgedeckt. Viele Anleger, die mit Schiffen Geld verdienen oder Steuern sparen wollten, erlitten einen Crash. Banken, in deren Büchern noch etliche Milliarden an Schiffskrediten stehen, müssen die Schiffswerte weiter abschreiben.

"Wir zahlen jetzt alle für unsere Fehler in der Vergangenheit – Reeder, Anleger und Banken", sagt Rickmers. Er hat einen dreistelligen Millionenbetrag in sein Unternehmen gesteckt. Für heuer hat er wenig Zuversicht: "2017 wird noch nicht besser, aber 2018 könnte der Umschwung kommen." Spätestens 2020, wenn strengere Umweltregeln für Schiffe in Kraft treten, stehe eine Verschrottungswelle bevor. Bis dahin erwartet der Hamburger Reeder Fusionen, Übernahmen, Kooperationen und Pleiten. (dpa, 2.1.2017)

  • Die Preise für gebrauchte Schiffe fallen, technologisch  hochwertige, neugebaute Schiffe sind günstiger.
    foto: apa/dpa/ingo wagner

    Die Preise für gebrauchte Schiffe fallen, technologisch hochwertige, neugebaute Schiffe sind günstiger.

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