Papiertheater: Die "artistische Anstalt" im eigenen Wohnzimmer

2. Jänner 2017, 17:40
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Die Ausstellung "In den eigenen vier Wänden" im Österreichischen Theatermuseum widmet sich dem frühen Hobby der biedermeierlichen Papiertheaterkunst. Herzstück ist die animierte Version eines Märchens – auf Bildschirm

Wien – Als es noch keine Bildschirme gab, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten, fanden Menschen, vornehmlich jene, die auf ihr bürgerliches Heim etwas hielten, im Papiertheater eine ideale Form der häuslichen Beschäftigung. Schon am Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten Verlage Bilderbögen, von denen neben dem Bühnenbild auch Figuren, Kostüme und Requisiten ausgeschnitten werden konnten. Je nach Ausgabe waren Textbücher beigelegt, die man in verteilten Rollen ablas. Gespielt wurde per Hand. Vorläufer dieser Papiertheatersets waren sogenannte Mandlbögen (thematische Ausschneidebögen), die in Form von "Stickerheften" bei Kindern soeben ein Revial erleben.

kunsthistorisches museum wien

Der insbesondere zwischen 1820 und 1880 beliebten Papiertheaterpraxis widmet das Österreichische Theatermuseum in seinen Parterreräumen eine schöne, kleine Ausstellung. Die diesbezüglichen Sammlungsbestände des Museums sind zwar bescheiden, auch ist grundsätzlich nicht viel Originalmaterial erhalten, da in Gebrauch befindliches Papier rasch abgenützt und kaputt wird. Doch einige Exponate, die die Bandbreite der Bilderbogenkultur des 19. Jahrhunderts widerspiegeln, wurden nachgebaut, so etwa eine vierstöckige Fastenkrippe, in der biblische Szenen pyramidenförmig angeordnet sind.

Eine der wichtigsten Quellen für die Papiertheaterkunst war in Wien der Verlag der Brüder Trentsensky. Matthias und Joseph Trentsensky spezialisierten sich auf eine der Barockbühne ähnelnde Papiertheaterform mit trapezförmiger, also sich nach hinten verjüngender Grundfläche samt Proszenium, auf der die Kulissen und Figuren positioniert wurden. Die jeweiligen Papierbögen konnten in Trafiken und Buchläden zu günstigen Preisen gekauft werden.

Designs von Hans Makart

Namhafte Künstler wie Moritz von Schwind oder Hans Makart entwickelten Designs für diese Ausschneidebögen. Sie wurden oft den aktuellen Spielplänen der Wiener Bühnen angepasst, bis hin zu den Kostümen der Schauspielstars. Die Ausstellung belegt das mit einem Vergleich von Fotografien und Papiertheaterbögen, etwa von Ferdinand Raimunds Der Bauer als Millionär oder Friedrich Schillers Wilhelm Tell.

Hans Makart hat beispielsweise 50 Ausschneidebögen anlässlich des Huldigungsfestzugs zur Silberhochzeit von Kaiser Franz Joseph und Elisabeth 1879 entworfen. Mit der drucktechnischen Entwicklung zur Massenware wurde diese romantische Bilderbogenkunst aber bald entzaubert. Andere Formen der leistbaren Ablenkung waren geboren.

Eine verwandte Form des Papiertheaters war das Mechanische Theater, für dessen Demonstration das Theatermuseum Figuren eigens nachbauen ließ. Wurden mit dem "Theatrum mundi" meist Szenen spektakulärer Ereignisse nachgestellt, so sind in der Schau nur ein paar einzelne Sets aus dem Alltagsleben zu sehen, so etwa Frau mit Trunkenbold, bei dem man als Besucher selbst Hand anlegen kann.

Erst an Erwachsene gerichtet

Herzstück der Ausstellung ist aber das Märchenspiel Prinzessin Wunderhold, ein animiertes Papiertheater auf großem Videobildschirm (30 Minuten). Vorentwürfe, Detailkulissen mit filigranen Tierfiguren und Pflanzen sowie die Bauanleitung sind ebenso ausgestellt. Richteten sich die Papiertheater des 19. Jahrhunderts als "artistische Anstalt" zu Hause fast ausschließlich an Erwachsene, so folgt dieses um 1930 entwickelte Märchen Motiven eines Biedermeierkinderspiels.

Es trägt wie alle Papiertheater stolz seine dicke Patina. Sitzt man vor den zum Teil wie Wimmelbilder wirkenden, sich langsam verschiebenden Kulissen, so mag man nachempfinden, wie sich die Zeit vor der Bildschirm-Ära angefühlt haben muss. (Margarete Affenzeller, 2.1.2017)

Bis 20. 3.

Theatermuseum

  • "Frau mit Trunkenbold", ein Figurenensemble des Mechanischen Theaters (o. J.). Zu sehen und eigenhändig in Gang zu setzen in der aktuellen Papiertheater-Ausstellung im Theatermuseum.
    foto: theatermuseum wien

    "Frau mit Trunkenbold", ein Figurenensemble des Mechanischen Theaters (o. J.). Zu sehen und eigenhändig in Gang zu setzen in der aktuellen Papiertheater-Ausstellung im Theatermuseum.

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