Terror in Istanbul: Der Neujahrsanschlag nach der Moralpredigt

3. Jänner 2017, 07:18
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Massaker im Istanbuler Nachtklub folgte auf Kritik der offiziellen Türkei an Feiern zu Neujahr. Der Attentäter ist weiter auf der Flucht

Istanbul/Athen – Der autoritär herrschende türkische Staatschef Tayyip Erdoğan und seine Regierung sehen sich nach dem Terroranschlag in Istanbul, wo ein Islamist trotz Großaufgebots der Polizei in einen Nachtklub eingedrungen ist, sechs Gewehrmagazine leergeschossen hat und dann offenbar mühelos in einem Taxi entkommen konnte, vielen Fragen ausgesetzt. Neben eklatanten Mängeln im Sicherheitsapparat steht aber auch der konservativ-islamische Diskurs der Führung in Ankara zur Debatte, der sich gegen den säkularen, nicht Erdoğan wählenden Teil der türkischen Gesellschaft richtet.

Selbst am Tag nach dem Massaker bei der Silvesterfeier im Nobelnachtklub Reina in Istanbul gab ein bevorzugter Zeitungschef des Staatspräsidenten auf einem der Regierungskanäle Folgendes zum Besten: "Wir sind absolut gegen das Neujahr. Wir werden dies bis zum Ende bekämpfen." Die Äußerungen von Serdar Arseven, Kolumnist und Leiter der islamistischen Tageszeitung "Milat" und Mitglied der kleinen Pressemannschaft, die in Erdoğans Präsidentenmaschine mitfliegt, konnten als Billigung des Attentats auf die Feiernden im Nachtklub Reina verstanden werden.

Charakter einer Strafaktion

39 Menschen erschoss der Attentäter in der Neujahrsnacht kurz nach ein Uhr morgens, allein sieben der ausländischen Opfer stammten aus dem erzkonservativen Saudi-Arabien. Weitere elf kamen ebenfalls aus muslimischen Ländern. "Allah ist groß", soll der Todesschütze nach Aussagen von Zeugen gerufen haben, während er auf die Gäste feuerte. Am Montag bekannte sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu der Tat. Der jüngste Anschlag in Istanbul hat nun auch den Charakter einer islamistischen Strafaktion gegen Muslime erhalten, die gegen die Gebote des Koran verstoßen.

Mehmet Görmez, der Leiter der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, die mittlerweile einen der größten Budgetposten im türkischen Haushalt hat, verurteilte zwar am Sonntag rasch den Terrorakt. "Es gibt keinen Unterschied zwischen einen unmenschlichen Angriff auf einen Unterhaltungsort, einem Marktplatz oder einem Gebetshaus", hieß es in der Erklärung von Görmez. Der einzige Unterschied zwischen dem jüngsten Terroranschlag und früheren ist, dass er Aufruhr stiften soll zwischen Menschen mit verschiedenen Lebensstilen.

"Andere Kulturen"

Doch in der Freitagspredigt vor Neujahr, die das Diyanet an alle Moscheen in der Türkei aussendet, warnte die Religionsbehörde die Gläubigen ausdrücklich vor Neujahrsfeiern. Unziemend sei es, sich selbst zu vergessen und ein Verhalten an den Tag zu legen, das "in keiner Weise mit unseren Werten übereinstimmt". Wörtlich heißt es weiter in der Predigt: "Es ist besorgniserregend, dass die ersten Stunden eines neuen Jahres vergeudet werden mit Unterhaltung anderer Kulturen und anderer Welten zu Neujahr. Es ist betrüblich, dass die Stunden, die mit dem Nachdenken über gute und schlechte Taten, über das Gute und das Böse verbracht werden sollen, mit Spielen und Glücksspielen wie die Lotterie verschwendet werden mit dem Wunsch, reich zu werden, ohne zu arbeiten."

Milli Piyango, die Volkslotterie, ist in der Türkei vor allem in den unteren Schichten weiterhin populär. Ein Spieler in Istanbul zog bei der Silvesterziehung das Gewinnlos mit der Rekordsumme von 60 Millionen Lira, derzeit umgerechnet 16,5 Millionen Euro. Auch die nächsten beiden Lose mit zehn und fünf Millionen Lira gingen an Spieler in Istanbul.

Aktionen gegen "Christenfeste"

Zwei Wochen vor dem Anschlag im Reina häuften sich Stellungnahmen der offiziellen Türkei wie Aktionen islamistischer Gruppen gegen die "Christenfeste". Der Publizist und Historiker Baskin Oran listete sie am Montag kommentarlos in einer Kolumne auf: das Weihnachtsverbot an der deutschen Schule in Istanbul (es wurde nach Protesten wieder zurückgenommen); ein Ausgehverbot zu Neujahr, von Schulbehörden zunächst in Adana, dann in einer Vorortstadt im Westen Istanbuls erlassen; der bewaffnete Angriff einer national-islamistischen Gruppierung in Aydin an der Ägäis-Küste auf einen Türken, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hatte; die Freitagspredigt des Diyanet; eine Protestaktion des Vereins "Anatolische Jugend" gegen Weihnachten und Neujahr auf dem Gelände der Istanbul-Universität.

Neue Bilder des mutmaßlichen Täters

Acht Personen nahm die Polizei nach dem Massaker im Reina mittlerweile in Haft. Sie sollen in einem Zusammenhang mit dem Anschlag stehen. Die Nachrichtenagentur DHA meldete zudem, in Istanbul sei es am Montagabend zu einer Operation von Anti-Terror-Einheiten gekommen.

Neue Bilder des mutmaßlichen Attentäters wurden veröffentlicht, das Gesicht des etwa 25 Jahre alten Mannes ist darauf klar zu erkennen. Er soll aus Kirgistan oder Usbekistan stammen wie auch die IS-Terroristen, die im Juni vergangenen Jahres den Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen verübt hatten. Viele seiner Opfer tötete er mit einem Kopfschuss, berichteten türkische Medien am Montag. Anschließend wechselte er in einer Restaurantküche des Nachtklubs seine Kleidung, ließ eine Jacke zurück, die angeblich in China gefertigt wurde, und entkam in der allgemeinen Panik. Als Weihnachtsmann war er nicht verkleidet. Die Kamerabilder vom Mann mit der Zipfelmütze, die nach dem Anschlag in den sozialen Medien verbreitet wurden, seien irreführend, sagen die Ermittler. (Markus Bernath, 2.1.2017)

  • Während die Tatortermittlungen vor dem Nachtklub Reina auch am Montag weitergingen, wurde weiter nach dem Täter gefahndet.
    foto: apa/afp / yasin akgul

    Während die Tatortermittlungen vor dem Nachtklub Reina auch am Montag weitergingen, wurde weiter nach dem Täter gefahndet.

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