650 Fahrzeuge in Silvesternacht in Frankreich angezündet

2. Jänner 2017, 16:59
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945 Autos sollen zerstört worden sein – Regierung erklärt, das Phänomen im Griff zu haben

Es ist ein Feuerwerk der besonderen Art, das Frankreich bei jedem Jahreswechsel erlebt: Mehrere Hundert Autos sowie ein paar Motorräder gehen in Flammen auf. In dieser Silvesternacht seien 650 Fahrzeuge in Brand gesteckt worden, teilte die französische Regierung am Montag mit. Innenminister Bruno Le Roux meinte dessen ungeachtet, insgesamt sei die Neujahrsnacht "ohne größeren Zwischenfall verlaufen". Gemeint war damit auch das Ausbleiben von Terroranschlägen, wofür er sich bei der Polizei bedankte.

Über den Silvesterbrauch des Autoabfackelns spricht er weniger gern. Die Regierung vermag der Bevölkerung nur mit Mühe zu erklären, wie es erneut zu hunderten Brandstiftungen kommen konnte, obschon im Rahmen des geltenden Ausnahmerechts in ganz Frankreich mehr als 100.000 Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute im Dienst waren.

Von Städten in kleinere Orte

Zudem hat das "Banlieue-Ritual" eine soziale Komponente. Entstanden ist es Ende des 20. Jahrhunderts in den Vorstädten der Elsässer Metropole Straßburg; seither hat es vor allem auf Städte wie Paris und Marseille übergegriffen. Inzwischen sind auch kleinere Orte betroffen. In Oyonnnax unweit von Genf wurde am Sonntag ein Feuerwehrmann mit Steinwürfen verletzt, als er einen Autobrand löschen wollte.

Über die Motive der Brandstifter gehen die Meinungen auseinander. Politische Bekenntnisse werden damit nicht verbunden. Nach Unruhen im nahöstlichen Gazastreifen hatte die Polizei 2008 zwar vorübergehend eine Zunahme der ausgebrannten Autos festgestellt. Ein ermittelnder Staatsanwalt meinte aber, das Silvester-Zündeln der Vorstadtkids sei eher "spielerisch" als sozialpolitisch. Im Internet konnte man schon von einem "Feuerwerk der Armen" lesen. Erwiesen ist ferner, dass neuerdings auch Autobesitzer ihr eigenes Gefährt in Brand stecken, um die Versicherungsprämie zu kassieren. Einer wurde in flagranti erwischt, als er gerade ein Streichholz in den Kofferraum seines Wagens warf.

Wie auch immer: Die Zahl von 650 angezündeten Fahrzeugen in einem Land, das sich polizeirechtlich im Ausnahmezustand befindet, ist kein Ruhmesblatt für eine Regierung. Im Vorjahr hatte die Zahl der in Brand gesteckten Autos bei 602 gelegen. Le Roux meint, man habe das Phänomen "im Griff": Auf die vergangenen fünf Jahre gerechnet sei ein Rückgang um 20 Prozent festzustellen.

Kritik an Statistik

Die Zeitung "Le Monde" warf dem Minister vor, er verfälsche die Statistik. Denn Le Roux zählte 2017 zunächst nur die Brandstiftungen, nicht die Gesamtheit ausgebrannter Autos. Da das Feuer aber zum Teil auf andere Fahrzeuge übergreift, liegt die effektive Zahl der Autowracks höher – "Le Monde" kam auf rund 950. In einer späteren Mitteilung des Innenministeriums war dann von 945 beschädigten Autos die Rede – ein Plus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Le Roux ist nicht der erste Regierungsvertreter, der die Brandlegungen zu Silvester herunterzuspielen versucht. Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy hatte die polizeiliche Neujahrsstatistik sogar 2010 vorübergehend ausgesetzt – um keine Nachahmer zu provozieren, wie er erklärte. Der sozialistische Innenminister Manuel Valls gab die Zahl ausgebrannter Autos ab 2013 wieder bekannt. Ein Versicherungsexperte hat ausgerechnet, dass die verkohlten Autowracks einer Neujahrsnacht aneinandergereiht eine Kolonne von drei Kilometern Länge ergäben. (Stefan Brändle aus Paris, 2.1.2017)

  • Rund um den Eiffelturm brannte kein Auto – dafür 650-mal im restlichen Frankreich.
    foto: apa/afp/martin bertrand

    Rund um den Eiffelturm brannte kein Auto – dafür 650-mal im restlichen Frankreich.

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