Einbruchsprozess: Der 20-Jährige mit der Wartephobie

9. Jänner 2017, 07:37
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Einem 20-Jährigen werden drei Delikte vorgeworfen, er bekennt sich zu einem teilschuldig. Der Richterin geht er einigermaßen auf die Nerven

Wien – Richterin Daniela Zwangsleitner hat keine rechte Freude mit Sascha B., der wegen dreier Anklagepunkten vor ihr sitzt. Im September soll der 20-Jährige mit zwei Bekannten das Zündschloss eines Mopeds geknackt und das Gefährt gestohlen, seine Halbschwester mit dem Umbringen bedroht und einer jungen Frau die Tür auf die Hand geschlagen haben.

Zugute kann man dem Mindestsicherungsbezieher halten, dass er überhaupt gekommen ist. Seine beiden Mitangeklagten sind nämlich nicht hier. Zwangsleitners Unmut erregt eher, was B. so von sich gibt.

Zum Beispiel zur Sache mit dem Moped. "Wir haben die Exfreundin von einem nach Wolkersdorf begleitet", erzählt er. Der Erstangeklagte habe zunächst probiert, bei einem anderen Zweirad das Zündschloss zu knacken. "Ich habe viermal zu ihm gesagt, er soll den Scheiß lassen."

Sorge um Exfreundin des Freundes

"Warum sind Sie dann bei der Gruppe geblieben?", wundert sich Zwangsleitner. "Wegen der Exfreundin." – "Warum? Das war doch die Freundin eines anderen, warum haben Sie sich verantwortlich gefühlt?" – "Na ja, der hat auch eine Marihuanapflanze daheim." – "Sie wollten Sie vor den Drogen beschützen???" – "Nein, ich habe mir gedacht, dass er sie vielleicht im Unterbewusstsein schlägt", lautet die kryptische Antwort.

Jedenfalls hätten seine beiden Begleiter dann ein anderes Moped geknackt und seien damit Richtung Bahnhof gefahren. Er habe mit der Tat selbst aber nichts zu tun. "Ich bin dann zum Bahnhof gegangen und habe gesehen, dass der nächste Zug erst in einer Stunde fährt. Und eine Stunde warten will ich nicht wirklich", erklärt er, warum der ÖBB-Takt daran schuld ist, dass er schließlich doch mit dem gestohlenen Moped zurück nach Wien gefahren ist.

Den Schaden will er ersetzen, beteuert auch, sich gebessert zu haben. "Ich will auch keinen Kontakt mehr zu solchen Leuten, nie wieder!" – "Na ja, Sie sind nicht viel besser als die anderen. Sie haben ja genau gewusst, dass die ein Moped gestohlen haben, und sind trotzdem mitgefahren."

Verwirrende Familienverhältnisse

Die Drohung gegen die Halbschwester streitet er völlig ab. "Die hat sogar geleugnet, meine Halbschwester zu sein!", empört der Vorbestrafte sich. "Warum?", wundert sich Zwangsleitner. "Schau ...", beginnt er die Richterin zu duzen. "Ich schau schon", reagiert Zwangsleitner trocken. B. erklärt ihr dann doch in der Höflichkeitsform, dass sein Vater den anderen Kindern gegenüber die Vaterschaft abgestritten habe.

Die Verwandte gibt vor Gericht durchaus zu, die Halbschwester zu sein, macht als Zeugin aber nicht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Und sie erzählt die Geschichte so: Ihr Zwillingsbruder und B. seien unterwegs gewesen, sie habe den Zwillingsbruder angerufen. Im Hintergrund habe B. mehrmals gebrüllt, er bringe sie um. Warum, weiß sie eigentlich nicht so genau.

Die Reaktion aus dem Publikum goutiert Zwangsleitner nicht. Zwei junge Frauen, eine davon angeblich B.s Verlobte, murren hörbar über die Aussage. Die Richterin droht ihnen mit dem Saalverweis. Auch den sehr, sehr entspannt und lässig auf der Bank sitzenden Angeklagten ermahnt sie: "Lümmeln Sie nicht so herum!"

Bedingte Aussagebereitschaft

Der Zwillingsbruder der Zeugin – und damit ebenfalls B.s Halbbruder – ist sich nicht ganz sicher, was er machen soll. "Wollen Sie aussagen?", fragt ihn Zwangsleitner. "So fifty-fifty", antwortet er. "Entweder ja oder nein", belehrt ihn die Richterin.

Er will doch. Und sagt, B. habe direkt mit der jungen Frau telefoniert, er hat eigentlich gar nicht so viel mitbekommen. Bei der Polizei hat er die Drohungen dagegen noch eindeutig bestätigt. "Du lügst!", wirft ihm der Angeklagte vor. "Blödsinn, du hast mir gestern sogar ein Handy versprochen, wenn ich falsch aussage!"

Die Staatsanwältin spitzt die Ohren und dehnt die Anklage um den Punkt der Bestimmung zur Falschaussage aus. "Ich werde dich wegen Verleumdung anzeigen!", kündigt B. dem Zeugen Rache an. "Sollte er Sie nach der Verhandlung bedrohen, machen Sie eine Anzeige bei der Polizei", gibt Zwangsleitner dem Zeugen einen Tipp.

"Die sind behindert und lügen nur!"

Den dritten Anklagepunkt, dass er einer jungen Frau seine Wohnungstür auf die Hand gedonnert habe, bestreitet B. ebenfalls. "Die sind behindert und lügen nur!", argumentiert der ohne Verteidiger erschienene Angeklagte. Er habe gar nicht bemerkt, dass eine Hand dort gewesen sei.

Eine Version, die sogar stimmen könnte, denn die Verletzte schwächt ihre Aussage vor Gericht deutlich ab. Sie habe die Hand nicht am Türstock gehabt, sondern in der Luft. "Ich wollte sie aufdrücken", gibt sie zu.

Wegen notwendig gewordener Ladung der beiden fehlenden Angeklagten und weiterer Zeugen muss Zwangsleitner schließlich vertagen. (Michael Möseneder, 9.1.2017)

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