Brasilien: 56 Tote bei Drogenkrieg in Gefängnis

3. Jänner 2017, 11:22
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Opfer wurden erschossen, geköpft oder verbrannt. Kriminelle Banden bekämpfen einander in den Haftanstalten, der Staat ist machtlos

Am Sonntagnachmittag werfen Insassen des Gefängniskomplexes Anísio Jobim im Bundesstaat Amazonas sechs enthauptete Leichen über die Gefängnismauern. Es ist der Beginn eines der blutigsten Gefängnisaufstände in der Geschichte Brasiliens. 17 Stunden dauerte der Kampf zwischen verfeindeten Gangs. Als die Polizei endlich die Haftanstalt stürmt, findet sie ein Blutbad mit 56 Toten vor – erschossen, geköpft oder verbrannt. In zahlreichen Gebäudeteilen wurde Feuer entzündet. Die Polizei stellt Waffen und Messer sicher. Die Haftanstalt in der Nähe der Bundeshauptstadt Manaus gehört zu den brutalsten und menschenunwürdigsten des Landes. Der Komplex ist nur für 454 Insassen ausgelegt, aber mit 1.226 Gefangenen hoffnungslos überfüllt.

Hinter brasilianischen Gefängnismauern herrscht eine brutale Parallelwelt. Das Sagen haben kriminelle Banden, der Staat hat sich schon lange zurückgezogen. Angezettelt hat die Meuterei laut Gefängnisleitung die kriminelle Organisation Familie des Nordens FDN, die den Drogenhandel im Norden und Nordosten Brasiliens kontrolliert. Die meisten Opfer sind Mitglieder der verfeindeten Gang PCC (Erstes Hauptstadtkommando) aus São Paulo. "Die Rebellion ist ein weiteres Kapitel des schonungslosen Drogenkrieges", sagt Sicherheitsstaatssekretär Sérgio Fontes. Nach Angaben von brasilianischen Medien hatte die Polizei schon lange Kenntnis von Plänen, dass das Kartell FDN mit Waffengewalt die Vorherrschaft über alle Gefängnisse im Norden des Landes erlangen will.

Wärter als Geiseln genommen

Seit Sonntagnacht hatten Sicherheitskräfte mit den Insassen verhandelt, die auch zwölf Wärter als Geiseln genommen hatten. Erst am Montagvormittag ergaben sich die Meuterer. Noch immer ist unklar, was genau hinter den Mauern der Haftanstalt geschah. Mehrere Gefangene hätten einen Richter und die Präsenz von Pressevertretern verlangt, um auf die schlechten Haftbedingungen aufmerksam zu machen, heißt es. Keine Übersicht hat die Polizei auch, wie viele Gefangene fliehen konnten. Sie spricht von etwa 100.

Als Reaktion auf die Gefängnisrevolte sind laut brasilianischen Medienberichten knapp 130 Häftlinge mit Verbindungen zu einer der beteiligten Banden in eine andere Anstalt verlegt worden. Sie hätten Todesdrohungen erhalten und seien in ein Gefängnis im Zentrum von Manaus gebracht worden

Der Gefängniskomplex Anísio Jobim ist laut der Anwaltsvereinigung OAB einer der schlechtesten des Landes. Es gebe keine Resozialisierungsmaßnahmen, unzureichend seien Hygiene-, Essens- und medizinische Versorgung. "Brasilianische Gefängnisse sind eine wahre Schule des Verbrechens", hatte bereits Ex-Justizminister José Eduardo Cardozo eingestanden. In Brasilien herrsche eine "Kultur des Wegschließens", die aber die Probleme nicht löse.

Uno: "Brutal, inhuman, entwürdigend"

Brasilien steht international schon lange in der Kritik wegen seiner menschenunwürdigen Haftbedingungen. "Brutal, inhuman, entwürdigend" hatten die Vereinten Nationen in einem Sonderbericht die Bedingungen in den Haftanstalten bezeichnet. Insgesamt sind laut Amnesty International mehr als 622.000 Menschen in Haft – das sind vier Mal mehr als noch vor zehn Jahren. Damit ist Brasilien weltweit eines der Länder mit den meisten Häftlingen proportional zur Bevölkerung. Zwar stieg die Zahl der Gefangenen, nicht aber die der Haftanstalten an. Das Problem ist laut vieler Experten das völlig überholte brasilianische Rechtssystem, das bereits bei geringeren Vergehen Haft als einzige Strafe vorsieht. So gibt es beispielsweise keine Form der gemeinnützigen Arbeit und auch fast keine Resozialisierungsmaßnahmen. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 3.1.2017)

  • Polizeigroßeinsatz aufgrund der Gefängnisrevolte.
    afp

    Polizeigroßeinsatz aufgrund der Gefängnisrevolte.

  • Der Gefängniskomplex Anísio Jobim.
    afp

    Der Gefängniskomplex Anísio Jobim.

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