Einbruchsprozess: Der von Mama subventionierte junge Raucher

2. Jänner 2017, 12:56
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Ein 15-Jähriger will keine Sozialstunden ableisten, sondern lieber eine Vorstrafe. Die Richterin erfüllt ihm diesen Wunsch

Wien – Nun muss man natürlich festhalten, dass Dragan B. kein Schwerverbrecher ist. Der 15-Jährige ist vor über einem Jahr erwischt worden, als er mit einem zweiten Jugendlichen Zeitungskassen aufgebrochen hat. Berichtenswert ist die Geschichte aus einem anderen Grund: Der junge Mann will lieber eine Vorstrafe, anstatt Sozialstunden in einem Kindergarten zu leisten.

Für Richterin Daniela Zwangsleitner gestaltet es sich zunächst schwierig, über die Causa zu entscheiden. Geladen ist B. für 10.05 Uhr, gekommen ist er nicht. Die Richterin spielt zunächst mit dem Gedanken, ihn von der Polizei vorführen zu lassen, entscheidet sich aber doch dafür, es telefonisch bei seiner Mutter zu versuchen.

Eine Stunde Verspätung

Diese erreicht Zwangsleitner sogar. Wie sich herausstellt, warten Mutter und Sohn vor der Kanzlei von Verteidigerin Sonja Scheed. Sie werden herbeordert, treffen um 11.07 Uhr ein. B. hat noch nicht einmal auf dem Anklagestuhl Platz genommen, als sich die Mutter lautstark zu Wort meldet. "Er möchte nicht Kindergarten machen, sondern Haft", erklärt sie.

Beim ersten Termin hat sich Zwangsleitner für eine Diversion für den unbescholtenen Teenager entschieden: Er hätte einige Stunden gemeinnützige Leistungen erbringen müssen.

Wollte er nicht, obwohl er durchaus Zeit hätte. "Machen Sie irgendwas?", will Zwangsleitner wissen. "Schule, Beruf?" – "Nein, nix." – "Sind Sie beim AMS?" – "Ja." Wieder mischt sich die Mutter ein, es stellt sich heraus, dass der Serbe nicht beim Arbeitsamt gemeldet ist, da sein Visum noch fehlt.

Vage Zukunftspläne

"Was wollen Sie machen?", interessiert sich die Richterin weiter. "Arbeit suchen." – "Wo?" – "So am Bau." – "Sie wirken mir ein wenig lethargisch", diagnostiziert Zwangsleiter bei dem lustlos vor sich hinnuschelnden Angeklagten.

Emotionen zeigt der junge Mann nur, als es ums Geld geht. "Sie bekommen jeden zweiten Tag von Ihrer Mutter 20 Euro, um sich Zigaretten zu kaufen?", wundert sich die Richterin. "Das ist aber nicht sehr sinnvoll." – "Das ist ja mein Problem und nicht Ihres!", braust der geständige Angeklagte auf.

Für die Staatsanwältin ist es "absolut unbegreiflich", dass man lieber eine Vorstrafe statt einer Diversion nimmt. Verteidigerin Scheed sieht das ebenso. "Ich kann mich der Staatsanwältin nur anschließen. Aber jetzt müssen Sie zeigen, dass Sie sich selbst bewähren können."

Verurteilung ohne Strafe

Zwangsleitner verurteilt ihn rechtskräftig, spricht aber keine Strafe aus. B. bekommt einen Bewährungshelfer und darf ein Jahr nichts Illegales mehr machen. "Es ist trotzdem eine Vorstrafe. Und ein Bewährungshelfer ist keine Strafe, sondern eine Chance, sage ich immer", belehrt sie den Burschen. "Der kann Ihnen auch helfen, eine Arbeit zu finden."

Am Ende stellt sie sich noch selbst eine Frage. "Was soll man Ihnen wünschen? Alles Gute." Die Reaktion ist Schweigen. (Michael Möseneder 2.1.2017)

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