"Tour der Kleptokratie": Warum im Westen der Rubel rollt

    2. Jänner 2017, 09:52
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    In London kann man im Rahmen einer geführten Tour teure Liegenschaften besichtigen, die in die Hände meist russischer Oligarchen fielen. Der deutsche Essayist Wolfgang Kemp hat dem neuen Reichtum ein Buch gewidmet

    Wien – Eine touristische Neuigkeit des vorigen Jahres war die sogenannte Tour der Kleptokratie. Sie führt durch London und macht Station bei den Liegenschaften sehr reicher Menschen, die ihren Wohlstand im Wesentlichen der Ausplünderung von Nachfolgesystemen der ehemaligen Sowjetunion verdanken.

    Man könnte eine ähnliche Tour ohne weiteres auch in Wien anbieten, allerdings tritt der entsprechende Reichtum hier ein wenig diskreter auf, und es fehlt an einschlägigen Flagship-Adressen wie dem Witanhurst, das der "New Yorker" passenderweise in einer großen Reportage in House of Secrets umbenannt hat. Die Geheimnisse sind die von Menschen auf der Flucht: Briefkastenfirmen besitzen Immobilien, in denen nur fallweise jemand lebt.

    Leerstand zwecks Zuflucht

    Dieser Leerstand hat mit einem Charakteristikum der modernen Oligarchen zu tun, wie es Wolfgang Kemp in seinem Buch "Der Oligarch" herausarbeitet: Dieser lebt, bildlich gesprochen, "unter drei Flaggen" (wobei man dabei durchaus auch an eine Piratenflagge denken darf). Wichtig ist aber, dass ihm immer eine Zuflucht bleibt – vor der Justiz, den Finanzämtern oder einfach nur der Öffentlichkeit.

    Wolfgang Kemp, emeritierter Kunsthistoriker und Essayist, hat mit "Der Oligarch" ein Buch des Jahres geschrieben – und zwar gerade auch deswegen, weil es nach dem Wahlsieg von Donald Trump als dringend überarbeitungsbedürftig erscheinen mag. Der Oligarch ist für Kemp "die soziale Ungleichheit in Person", über die er als Typus eine "Physiologie" verfasst hat. Dabei bezieht Kemp sich auf eine Textgattung aus der Aufklärung, als wache Zeitgenossen nach "Sozialfiguren" suchten, die man als "instructif de l'epoque actuelle" empfand.

    Schwache Staaten

    Als ein solcher Zeittyp galt früher einmal der Spekulant, für die Epoche nach 1989 erwies sich allerdings eine besondere Spekulation als entscheidend: die auf einen schwachen Staat, der seiner Ausplünderung nicht nur nichts entgegensetzen konnte, sondern diese vielfach selbst mitorganisierte. Russland und die Ukraine sind die Beispiele, auf die Kemp sich beschränkt. Dabei geht es ihm nicht darum, mit neuen Recherchen den Befund zu stützen, sondern Kemp macht das, was ein vernünftiger Zeitgenosse tun kann: Er sieht sich das veröffentlichte Material an, und zwar mit großer Gründlichkeit auch entlegenere Untersuchungen, konkret zu den Prozessen einer vollständig missratenen Privatisierung von Volksvermögen nach dem Kollaps der kommunistischen Systeme.

    Dabei kommt er zu Schlüssen, die der neueren veröffentlichten Mainstream-Meinung entgegenstehen. So sieht er etwa Michail Chodorkowski, der sich während seiner langen Haft zu einem modernen Asketen und Heiligen stilisierte, deutlich kritischer als der Großteil der westlichen Presse. Vor allem aber hat Kemp den anfänglichen Kompagnon von Chodorkowski im Visier: Leonid Newslin. Gemeinsam schrieben die beiden Banker und Ölmagnaten ein Buch mit dem Titel "Der Mann mit dem Rubel". Newslin lebt heute in Israel, wo er vor internationaler Strafverfolgung sicher ist.

    Yachten sind typisch

    An diesen Geschichten interessiert Kemp jeweils eben das Typische einer neuen ursprünglichen Akkumulation, die mit ihren sagenhaften Erfolgsgeschichten auch dazu geführt hat, dass ganze Systeme dem "resource curse" zum Opfer gefallen sind. Der Rohstofffluch hindert Volkswirtschaften an einer gedeihlichen Produktivität, weil diese eine komplexere Wertschöpfung voraussetzen würde als jene der bloßen Abschöpfung. Typisch an dem ungeheuerlichen Neureichtum ist letztlich das Bestreben, den Besitz zu veredeln.

    Die zentralen Passagen seines Buchs widmet Kemp der Yacht als dem Statussymbol Nummer eins, das mehr ist als eine Rumpf gewordene Allegorie auf das je größere Gemächt: mit der Yacht als dem wichtigsten Offshore-Instrument bekunden die Oligarchen gleichsam überdeutlich, dass sie sich als exterritorial sehen.

    Ihr Wirtschaftskreislauf erweist sich erst auf dieser Ebene als wirklich verderblich, denn er läuft vielfach auf die Umwandlung realen Reichtums in virtuellen hinaus: Aus Öl wird schwarzes Geld, oder – wie Kemp sich eine gute Pointe nicht verkneift – das Geld des Öls wird in Ölgemälden zu einem anderen Reichtum.

    Starker Status

    Hier beginnt sich der Kreis, den Kemp zieht, zu schließen. Denn der ungeheuerliche Reichtum erzeugt erst so richtig Genugtuung, wenn er neben den unmittelbaren Befriedigungen (Orgien auf Yachten) Anschluss an das kulturelle Kapital bietet. Dafür brauchen die Oligarchen den Westen, woraus zumindest in Russland mit der weitgehenden Wiederverstaatlichung der Oligarchie unter Putin ein Widerspruch erwächst. Der Ukrainer Len Blawatnik kann sich einen Privattempel an der Universität Oxford errichten lassen, den er ungeniert zu einer School of Good Governance erklärt.

    Kemps Buch wird man vor allem mit Gewinn lesen, wenn man durch das Anekdotische und den Sozialtyp Oligarch hindurchschaut auf eine abstraktere Oligarchie, die alle Staatswesen bedroht. Sie zeigt sich überall dort, auch im demokratischen Europa, wo das Regierungshandeln wiederholt die Interessen weniger Privilegierter wichtiger nimmt als das Recht der Allgemeinheit, nicht um Grundgüter betrogen zu werden. Und diese Gefahr droht nun einmal vor allem dort, wo Privatisierung zum Dogma wird, wie es im Neoliberalismus der Fall ist – und wie wir nun mit dem US-Präsidentenamt am offenen Herzen der freien Welt live beobachten können. Mit dem nicht groß relevanten Unterschied, dass die Yacht von Donald Trump ein Tower ist. (Bert Rebhandl, 2.1.2017)

    Wolfgang Kemp, "Der Oligarch". € 18 / 176 Seiten. Zu Klampen!, Springe 2016

    • Vor dem Witanhurst im Nordwesten Londons steht man vor geschlossenen Toren. Blickdicht sind aber auch die im Hintergrund ablaufenden Finanzierungen meist russischer Oligarchen.
      foto: gareth e. kegg

      Vor dem Witanhurst im Nordwesten Londons steht man vor geschlossenen Toren. Blickdicht sind aber auch die im Hintergrund ablaufenden Finanzierungen meist russischer Oligarchen.

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