Ein Rapper gegen Nordkoreas Kim-Diktatur

2. Jänner 2017, 08:00
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Der geflüchtete Kang Chun-hyuk rappt in Seoul über seine Jugend in Nordkorea und kritisiert dabei das Regime in Pjöngjang scharf

Freitagabend im Seouler Studentenviertel, eine Kellerbar mit Wohnzimmerflair, das junge Publikum nippt an Flaschenbier und Longdrinks. Als Kang Chun-hyuk auf der Bühne zum Mikrofon greift, muss er gleich einmal etwas klarstellen: "In meiner Musik möchte ich euch von meiner Heimat erzählen – einem Land, über das ihr nicht viel wisst." Sein schmaler Körper lässt den 30-Jährigen wie einen Heranwachsenden erscheinen, doch die ernsten Gesichtszüge wirken wie die eines alten Mannes. "Vielleicht werdet ihr dabei merken, dass die Leute dort gar nicht so viel anders sind, wie ihr glaubt", ruft Kang in die Menge, während eine bedrohlich anmutende Pianospur aus den Boxen erklingt, gefolgt von tiefen Bässen und einer peitschenden Snare Drum.

Sobald Kang Chun-hyuk anfängt zu rappen, wird seine Stimme um eine Oktave tiefer, formen sich seine Worte zu Maschinengewehrsalven, erklingt jede Silbe scharf wie ein Projektil. "Während ihr euch mit importiertem Whisky besauft, musste ich aus dreckigen Schlammpfützen trinken", rappt er in der ersten Strophe. Die Wut im Bauch richtet sich gegen die Diktatorenfamilie aus Pjöngjang, jede Zeile ist ein verbaler Mittelfinger an das nordkoreanische Regime.

Propaganda von der Girlband

Ein Rapper aus Nordkorea: Für viele ist dies eine solch außergewöhnliche Paarung, dass zu Kang Chun-hyuks erstem Konzert sogar ein Fernsehteam aus Japan gekommen ist. Wie fast alle Bereiche des Lebens wird Musik in Nordkorea staatlich streng kontrolliert. Das bisher größte Zugeständnis des Kim-Regimes an zeitgenössischen Pop ist eine 18-köpfige Girlband mit Föhnfrisuren, 1980er-Jahre-Synthesizern und surreal anmutenden Propaganda-Lyrics. Dass nun ein nordkoreanischer Flüchtling zum Mikrofon greift, ist für die anwesenden Journalisten eine erstaunliche Story.

Kang Chun-hyuk hingegen beschreibt seinen Weg zur Rapmusik als naheliegende Wahl. Er könne sich eben sehr gut mit dem Hip-Hop-Gedanken identifizieren, sagt er dem STANDARD nach dem Konzert: "Wir nordkoreanischen Migranten haben hier schließlich ganz ähnliche Probleme wie damals die afroamerikanischen Jugendlichen in der Bronx." Vor allem aber gefalle ihm, dass man sich kein Blatt vor den Mund nehmen müsse. Und zu erzählen hat Kang Chun-hyuk mehr als genug.

Stehlen, um zu essen

Bereits als Kind entkommt er nur knapp der wohl schwersten Hungersnot des Landes, bei der hunderttausende Nordkoreaner sterben. Später wird sein Vater beim Fluchtversuch nach China von den Behörden verhaftet. Seine Mutter erkrankt bei der Arbeit in den Minen an Tuberkulose. Als Jugendlicher zieht er fast täglich zum Stehlen auf die Märkte, um seinen knurrenden Magen zu stillen. Erst als der Familie die Flucht nach China und später Südkorea gelingt, nimmt sein noch junges Leben eine positive Wendung.

Mittlerweile leben rund 30.000 Nordkoreaner südlich der demilitarisierten Zone. Ihr Schicksal ist dennoch kein leichtes. "Sie haben mit Vorurteilen zu kämpfen, bekommen schlechtere Jobs und fühlen sich nicht wirklich willkommen", sagt Lauren Walker von der "Citizens' Alliance for North Korean Human Rights". Die 31-jährige US-Amerikanerin hat mit ihrer NGO dabei geholfen, Kang Chun-hyuks Konzert zu organisieren. Auf diesem Weg hofft sie, mit den gängigen Stereotypen über Nordkoreaner zu brechen. Einer wie Kang Chun-hyuk, sagt sie stolz, hätte das Zeug, für seine Altersgenossen ein Vorbild zu sein.

Lange Eingewöhnungszeit

Nordkoreaner benötigen oft mehrere Jahre, um sich an die fremd anmutende, kapitalistische Gesellschaft in Südkorea zu gewöhnen. Bei Kang Chun-hyuk lassen sich die Eltern bald nach der Ankunft scheiden. Er verlässt die Schule ohne Abschluss und verdingt sich als Tagelöhner auf Baustellen. Mit Mitte zwanzig besinnt er sich auf seine Leidenschaft, die ihn bereits seit Kindheitstagen begleitet: das Malen. Über ein Jahr lang bereitet er seine Bewerbungsmappe für eine renommierte Kunst-Uni vor, setzt alles auf eine Karte. Heuer hat Kang dort sein Diplom absolviert und sich während des Studiums ein weiteres Standbein als Rapper aufgebaut.

"Irgendwann habe ich realisiert, dass es nichts bringt, ständig der Gesellschaft die Schuld an allem zu geben", sagt Kang. "Natürlich ist das Leben hart, aber das Beste ist, du gehst einfach raus und kommst damit klar." (Fabian Kretschmer aus Seoul, 2.1.2017)

  • Kang Chun-hyuk bei einer Ausstellung seiner eigenen Bilder.
    foto: kretschmer

    Kang Chun-hyuk bei einer Ausstellung seiner eigenen Bilder.

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