"Diablo" im Retrotest: Schaurig-schöne Wiederkehr nach Tristram

    5. Jänner 2017, 11:00
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    1996 schickte Blizzard einen namenlosen Helden los, um dem Höllenfürsten das Handwerk zu legen

    "MUAHAHAHAHAAA" grüßt ein wohlig-schauriges, tiefes Lachen beim Öffnen des Installationsprogramm. Die dämonische gehörnte Fratze im Hintergrund lässt auch keinen Zweifel, wer da lacht. Es ist Diablo, der Herr des Schreckens, den Blizzard Entertainment vor fast genau 20 Jahren zum ersten Mal auf die virtuelle Menschheit losgelassen hat.

    Genug Grund für eine Rückkehr zur Geburtsstunde des "Hack and Slay". Ausgangspunkt der mittlerweile drei Teile umfassenden Reihe ist das einst beschauliche Örtchen Tristram. Der GameStandard hat die Truhe gepackt und sich auf Zeitreise begeben.

    Altes Spiel in neuer Auflösung

    Zwei Jahrzehnte sind in der Geschichte der Videospiele eine verdammt lange Zeit. 1996 dominierten Games in 2D-Grafik noch das Feld, Games in echten drei Dimensionen waren noch vergleichsweise selten anzutreffen. "Diablo" stellt da keine Ausnahme dar, das Spiel präsentierte sich in klassischer isometrischer Perspektive. Und in der heute altertümlich anmutenden Auflösung von 640 x 480 Pixel.

    foto: screenshot

    Ein Hinweis vorweg: Unter Windows 10 war das erste "Diablo" nur unter erschwerten Bedingungen zum Laufen zu bringen. Daher kam der "Diablo HD Mod" zum Einsatz. Dieser erlaubt dem Spiel nicht nur, auf modernen Systemen bei üblichen Auflösungen problemlos zu laufen, sondern ergänzt auch Inhalte. So gibt es etwa zwei neue Klassen (Barbar, Assassine), Zugang zu Quests, die Blizzard nachweislich für das Spiel geplant, aber nie implementiert hatte, neue Items, Charakterfertigkeiten, Zauber und eine Reihe anderer Erweiterungen. Darüber hinaus wurde auch das Interface etwas überarbeitet.

    Die Änderungen, obwohl zahlreich, ändern nicht viel am Charme des Oldies aus 1996. Der Schwierigkeitsgrad zieht jedoch gefühlt etwas an. Das mag jedoch auch daran liegen, dass der Autor dieser Zeilen sich nicht wie einst als Krieger in das Abenteuer gewagt hat, sondern als Magier auf recht unbekanntem Terrain unterwegs war.

    diablochronicle

    "Hello my friend, stay a while and listen"

    Einst herrschte König Leoric über Tristram und machte sich lange einen Namen als gütiger, gerechter Herrscher. Dort ließ er auch eine Kathedrale für die Zakarum, einer an das katholische Christentum erinnernden Religion, errichten. Tief verborgen unter den heiligen Gemäuern war einst Diablo selbst bezwungen und in einen Seelenstein gebannt worden.

    Dazu muss man wissen, dass der Kampf zwischen Himmel und Hölle das Leitmotiv der "Diablo"-Mythologie und darin sogar ursächlich für die Entstehung des Universums ist. All zu viel Vorgeschichte wird in dem Spiel nicht geliefert, über eine Reihe vorhergehender Ereignisse erfahren Spieler erst in Teil 2 und 3.

    screenshot: derstandard.at

    "Your death will be avenged"

    Der Seelenstein jedenfalls erwies sich als zu schwach, um die Macht des Schreckensherren vollständig einzudämmen. Dieser nutzte seinen Einfluss, um zuerst Gefolgsleute von Leoric in den Wahnsinn zu treiben. Einer von diesen stieg hinab ins Finstere, befreite Diablo schließlich aus seinem magischen Gefängnis und entführte anschließend Königssohn Albrecht. Leoric stürzte sein Land letztlich in einen sinnlosen Krieg, der ihm den Tod brachte.

    Auf der Suche nach Albrecht, angelockt von Leorics ehemaligem Berater, verschwanden zahlreiche Einwohner in den Katakomben. Tristram wurde entvölkert und der blühende Ort verwandelte sich in eine Destination für Abenteurer, die auf der Suche nach Ruhm dem finsteren Treiben auf den Grund gehen wollten.

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    "Ahh, fresh meat!"

    Hier folgt nun der Auftritt des Spielers, der dieser Verlockung gefolgt ist. Tristram begrüßt ihn dabei mit einem eingängigen Lied, das wohl jedem Kenner von "Diablo" Gänsehautfeeling bescheren dürfte. Überhaupt: Selbst wenn der Umfang des Soundtracks im Vergleich zu vielen modernen Games relativ knapp ist – verstecken muss sich das Game musikalisch nicht. Und auch die restliche akustische Untermalung – vom Röcheln der Zombies über das Klimpern von Goldmünzen bis hin zu den entfernt hallenden Schreien der Verdammten – überzeugt auch im Jahr 2017 noch.

    Tristram ist gleichermaßen Ausgangspunkt der Story, als auch "Basislager". Seine Einwohner bieten verschiedene Dienste und Waren an. Der Schmied Griswold verkauft herkömmliche Waffen, Schilde und Rüstungen und repariert außerdem beschädigtes Equipment. Heiler Pepin stellt die Gesundheit wieder her und bietet Heiltränke feil. Deckard Cain weiß vieles zu erzählen und kann unbekannte Gegenstände und deren Eigenschaften identifizieren. Wer nach Magietränken und anderem Zaubererbedarf sucht, muss sich an den Dorfrand zu Hexe Adria bemühen.

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    "I sense a soul in search of answers"

    Teils verzweifeltes Gestammel und teils wertvolle Hinweise gibt der vom Schicksal geplagte Trunkenbold Farnham. Wirt, der Junge mit dem Holzbein, wartet auch mit traumatischer Vergangenheit auf und verscherbelt mitunter sehr interessante Items, verlangt aber bereits Geld dafür, nur einen Blick darauf werfen zu können. Weitere Handlungsschnipsel und Aufträge steuern Taverneninhaber Ogden und Barfrau Gillian bei. Im HD Mod gesellen sich außerdem der aus dem Originalspiel ausgesparte Priester Tremain und der fahrende Händler Gheed als Bezugsquelle für exotische Items hinzu.

    Letzterer taucht ursprünglich erst in "Diablo 2" auf, ebenso wie das auf Wegpunkten basierende Speichersystem. Mutmaßlich aus technischen Gründen merkt sich der Mod auf diese Weise, wie weit man bereits hinab vorgedrungen ist. Die einzelnen Level werden aber nach jedem Wiedereinstieg in den Speicherstand neu generiert. Nur Charakter, Werte und Inventar bleiben erhalten. Eine Schwäche im Vergleich zur unmodifizierten Version, in der freies Speichern möglich ist und das Spiel sich auch die Level merkt.

    mountain ninja

    "Much has changed since you lived here, my friend"

    "Diablo" gehört zu jenen Spielen, das seine Karten von einem Algorithmus bauen lässt und somit jedem neuen Helden eine frische Erfahrung beschert. Auch Fundorte von Kisten, Positionen von Gegnern und sogar grundsätzliche Eigenschaften vieler Feinde und kleinerer Zwischengegner (Anführer einzelner Gruppen) würfelt das Spiel aus. Lediglich manche Sonderabschnitte und die in die Handlung eingewobenen, größeren Widersacher sind vorgegeben.

    Ein Mechanismus, der im Gegensatz zu "No Man‘s Sky" in seiner Ursprungsfassung nicht zum Selbstzweck verkommt, sondern der einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat, dass "Diablo" gut gealtert ist. Denn der zufällige, aber nie übertrieben Labyrinth-artige Grundriss der einzelnen Spielabschnitte harmoniert gut mit dem Sammel- und Entdeckertrieb. Anno 1996 war prozedurale Kartenerzeugung allerdings kein Novum mehr. Diese Technologie kam – wenn auch in vergleichsweise begrenzter Form – schon viele Jahre vorher zum Einsatz, etwa in Titeln wie "Rogue" (1980), "Elite" (1984) oder "Nethack" (1987).

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    "Look, I'm running a business here"

    Zwar gibt es in Tristram passable Gegenstände zu erstehen, doch diese kosten wertvolles Gold, das besser in Heiltränke, Manatränke und Spruchrollen investiert ist. Das wirklich "gute Zeug" lauert in den Dungeons und verlangt als Gegenleistung nur ein wenig Erkundungseifer und Kampfesmut. So hat man auch viel länger Freude am Spiel, denn theoretisch kann der Marsch durch die 16 Ebenen unter der Kathedrale auch in zwei bis drei Stunden absolviert werden.

    Während das im Vergleich zu vielen modernen RPGs und Actionrollenspielen winzige Inventar und seine fitzelige Bedienung schnell ein echter Störfaktor sind – wer seine Schätze loswerden will, muss zwangsläufig an die Oberfläche – ist die grundsätzliche Bedienung ein Kinderspiel. Per Maus wird der Held herumgelotst, mittels Links- und Rechtsklick können zwei vorher festgelegte Attacken ausgeführt werden. Über die Nummerntasten gibt es Schnellzugriff auf Tränke und Schriftrollen. Ein System, auf dem viele Actionrollenspiele und Games verwandter Genres bis heute aufbauen.

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    "They stab, they bite, they go all around you"

    Wie 1996 üblich war die künstliche Intelligenz der Gegner noch eher bescheiden ausgeprägt. Gefahr ging daher hauptsächlich von einzelnen, stärkeren Widersachern oder großen Horden von Dämonenwesen aus. "Diablo" bot zwar beides, die meiste Zeit entpuppte sich allerdings die Quantität an Gegnern als größte Herausforderung. Dementsprechend galt es, taktisch vorzugehen, sich Gruppen langsam anzunähern und jeweils nur wenige Widersacher anzulocken. Blindlings in einen Raum zu schreiten, dessen Türe man gerade erst geöffnet hat, ist auch heute noch ein verlässlicher Weg, einen flottenHeldentod zu provozieren.

    Zum taktischen Aspekt gehört auch die Vorratshaltung bei Tränken und Spruchrollen. Denn kaum etwas ist frustrierender, als einen mächtigen Questboss an den Rand seines Ablebens zu bringen, nur um im letzten Moment den eigenen Zauberer ein stoisches "Not enough Mana" aussprechen zu hören. Denn verlässt man ein Level, muss man sich das nächste Mal einem erholten Bösewichten stellen.

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    "May light be your guide and your defender"

    Auch in der ungewohnten Haut eines Magiers statt in der bekannt-bequemen Kriegerrüstung kann das alte "Diablo" motivieren. Die Umstellungsphase vom Haudrauf-Spielstil zu einem "distanzierteren" Vorgehen zieht zwar den einen oder anderen Unfall nach sich, dafür entschädigt aber das befriedigende Gefühl, das eintritt, wenn eine ganze Horde Gegner in einem Stakkato an Blitzen nahezu zeitgleich kollabiert.

    Zu Langzeitmotivation trägt auch die Rollenspielmechanik bei. Wenngleich "Diablo" primär ein Actiontitel ist, sollte man beim Verteilen der Skillpunkte beim Aufleveln mit Bedacht vorgehen. Denn eine nachträgliche Änderung ist in dem Spiel nicht vorgesehen. Erst in "Diablo 2" wurde diese Möglichkeit in limitierter Form nachträglich per Patch eingefügt, allerdings erst acht Jahre nach Release. In "Diablo 3" ermöglicht Blizzard sehr umfassende Änderungen.

    foto: derstandard.at/pichler

    "How could you even think about going back to that place?"

    Wenngleich viele Fans "Diablo 2" als besten Teil der Serie sehen, kann auch das erste "Diablo" heute noch grandiose Suchtwirkung entfalten. Die Mischung aus Kampf, Magie und Sammelwut mit einer Prise Rollenspiel, eingebunden in eine düstere Story mit überraschenden Ausgang, funktioniert auch heute noch. Die Grafik mag zwar pixelig sein, offenbart aber Liebe zum Detail, die Sounduntermalung komplettiert die schaurige Atmosphäre.

    Wer Zugriff auf eine "Diablo"-CD hat und sich den HD-Mod herunterlädt, das Licht im Zimmer ab- und die Lautsprecher aufdreht, kann sich auch heute noch einen teuflisch guten Abend beim Ausflug in die Hölle machen. (Georg Pichler, 5.1.2017)

    Update, 16:30 Uhr: Korrektur bezüglich prozeduraler Levelerzeugung. "Diablo" war entgegen der ursprünglichen Formulierung nicht einer der ersten Titel, welche stark auf diese Technologie bauten. Dies wurde im Fließtext entsprechend berichtigt.

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