Gasspeicher voll, der Winter kann kommen

Analyse1. Jänner 2017, 12:00
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Die Sticheleien zwischen Russland und der Ukraine, für Europas Gasversorgung entscheidende Länder, nehmen zu

Wien/Moskau/Kiew – Es ist beinahe ein Ritual, was zwischen Ost und West in Sachen Erdgas geschieht: Kaum sinkt das Thermometer unter null, lassen Russland und die Ukraine ihre Muskeln spielen.

Kurz vor Weihnachten hat Gazprom-Chef Alexej Miller Alarm geschlagen. Es könne Unterbrechungen bei Gaslieferungen nach Europa geben. Und zwar dann, wenn die Ukraine illegalerweise Gas abzweige, wie sie das in der Vergangenheit öfter getan habe.

Gazprom ist mit der Tochter Gazprom Export wichtigster Gaslieferant Europas. Ein entsprechend mulmiges Gefühl stellt sich ein, wenn die Töne zwischen Moskau und Kiew rauer werden.

grafik: standard

Angst, dass gasbeheizte Häuser und Wohnungen rasch kalt werden könnten, müssen Haushalte dennoch nicht haben, schon gar nicht in Österreich. Nirgendwo sonst in Europa gibt es pro Kopf so viel eingelagertes Gas wie hierzulande. Derzeit stehen in Österreich insgesamt neun Erdgasspeicher mit einem Arbeitsgasvolumen von zusammen etwa 8,3 Mrd. Kubikmeter zur Verfügung (siehe Grafik). Betreiber sind die OMV und die Rohölaufsuchungsgesellschaft RAG, die sich in Haidach (OÖ) mit Gazprom zusammengetan hat.

Speicher gut gefüllt

Mit 61.700 Gigawattstunden (GWh; 6,2 Mrd. m³) sind die Speicher zu rund 74 Prozent gefüllt; das ist für Ende Dezember ein beruhigend hoher Wert. Im Vorjahr waren zur selben Zeit nach Angaben der E-Control neun Prozent weniger Gas eingelagert. Zum Vergleich: Der Jahresverbrauch in Österreich liegt zwischen acht und neun Mrd. Kubikmeter – abhängig von der Strenge des Winters. Auch in anderen europäischen Ländern sind die Speicher zumindest nicht schlechter gefüllt als im Vorjahr. Insgesamt waren in der EU zu Weihnachten 718.600 GWh Erdgas gespeichert, das sind umgerechnet knapp 72 Mrd. Kubikmeter.

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, dem wichtigsten Transitland für russisches Erdgas Richtung Westen, hat sich am Preis entzündet. Russland hat dem einstigen Bruderland Gas deutlich teurer verkauft als EU-Ländern mit wesentlich längerem Lieferweg – eine Retourkutsche für Kiews Hinwendung zum Westen.

In Erinnerung geblieben sind insbesondere die Jahre 2009 und 2012, als auch in Österreich nach Ausbleiben von Gaslieferungen Notfallpläne gewälzt wurden. Die hätten vorgesehen, dass zuerst die Industrie ihren Gasbezug drosselt.

Erst ganz zum Schluss hätten sich auch Haushalte einschränken müssen. So weit ist es aber in Österreich, anders als beispielsweise in Rumänien oder Bulgarien, nie gekommen. Die Ukraine kauft seit November 2015 kein Gas mehr in Russland, sondern versorgt sich über die EU. Im Dezember etwa gingen täglich 54 Millionen Kubikmeter Gas aus EU-Ländern Richtung Ukraine.

Probleme könnten sich dafür in den kommenden Jahren auftun: Wegen zu geringer Wirtschaftlichkeit sind in Europa bereits einige Speicher geschlossen worden, weitere dürften folgen. Ein Speicher, der geschlossen wird, ist aber für immer verloren. Das könnte sich in Zukunft rächen. (Günther Strobl, 1.1.2017)

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