Krisenkolumne: Fake-News und Schmähtandler

30. Dezember 2016, 14:02
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Im Internet biegen sich die Balken

Für uns Repräsentanten der Lügenpresse ist der kometenhafte Aufstieg der Fake-News zum Massenphänomen eine schlechte Nachricht. Jahrzehntelang genossen wir das geile Alleinprivileg, Fakten zu erfinden, zu verschweigen und zu verdrehen. Jeden Morgen wurde man in der Blattkritik für die frechsten Fehlmeldungen gelobt, und der größte Lügenschippel der Redaktion bekam am Ende des Jahres von den Herausgebern feierlich den Prix Pinocchio verliehen.

Diese Zeiten sind vorbei. Dank des Internets hat sich die Lizenz zum Lügen in alle Schichten, Alters- und Berufsgruppen ausgebreitet, sodass den Lügenredakteuren und Lügenkolumnisten heute eine scharfe Konkurrenz von Lügenpostern, Lügenbloggern, Lügenfacebookern und Lügentwitterern erwachsen ist.

Kein Geringerer als Donald Trump, der frisurtechnisch stets sattelfeste amerikanische Demnächstpräsident, beweist tagtäglich mit ein paar saftigen Tweets, dass der alte journalistische Grundsatz "Check – Recheck – Doublecheck" ausgedient hat. Und das zu Recht! Postfaktische Internetemanationen nach dem Motto "Dreck – Redreck – Doubledreck" sind ja auch viel lustiger.

Demokratiepolitisch ist dies alles eine schöne Entwicklung. Und, gesellschaftlich gesehen, auch triebökonomisch günstig. Wer weiß, wie viele Internetuser ihrer Gattin ein Veilchen schlügen oder ihrem Dogo Argentino in den Hintern träten, hätten sie nicht Gelegenheit, im wohligen Schutzmantel des Anonymats ein paar gepfefferte Hasspostings oder gepflegte Falschmeldungen abzusetzen ("Perverser Afghane vergewaltigt oberösterreichischen Kanarienvogel", "Zusammenarbeit in der Bundesregierung funktioniert wie am Schnürchen", "Mit einem Kanzler Strache wäre Flüchtlingsproblem schnell gelöst" usw.).

Der Krisenkolumnist hat vorgestern, was er als Fan der medialen Nahversorgung nur im seltensten Fall tut, bei Amazon eine DVD geordert. Bei der Bestellung erschien auf der Amazon-Website eine digitale Uhr im Countdownmodus sowie die Nachricht, dass man die Ware garantiert morgen geliefert bekomme, wenn man sie vor Ablauf des Countdowns bestelle. Das habe ich getan, und dennoch bleibt mein Postkasten seit zwei Tagen gähnend leer. Nun ja. Was Lügenpostern und Lügenkolumnisten erlaubt ist, sollte auch den Internetschmähtandlern nicht verboten sein. (Christoph Winder, 30.12.2016)

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