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3. Jänner 2017, 12:00

Robert Meeropol muss schmunzeln, wenn er von seinem jüngsten Besuch im Weißen Haus erzählt. Anfang Dezember waren sie dort, er und sein Bruder Michael, zwei ältere Herren, ergraute Vollbärte, Wollpullis unterm Jackett. Eigentlich wollten sie dem Präsidenten Barack Obama einen Brief übergeben. Wobei sie wussten, es wäre ein Wunder gewesen, hätte er sie empfangen, ohne Anmeldung, völlig spontan. Jedenfalls fragten sie die Wachleute des Secret Service im Pförtnerhäuschen am Gitterzaun der Residenz, ob sie vielleicht dieses Schreiben ins Oval Office bringen könnten. Worauf sie zu hören bekamen, dass man Briefe ans Weiße Haus bei der Post aufgebe. Seither üben sie sich in Geduld.

foto: ap photo/alex brandon/picturedesk
Michael und Robert Meeropol vor dem Weißen Haus. Ihren Brief an Präsident Obama konnten sie nicht persönlich übergeben.

"Nun ja, wir sind keine Hollywoodstars", sagt Robert Meeropol. "Wir sind nur zwei Leute, die auch noch etwas von Obama wollen. Jetzt, wo zum Schluss alle Schlange stehen bei ihm." Aber bisweilen, schiebt er hinterher, ringe sich ein Präsident am Ende seiner Amtszeit zu bemerkenswerten Entscheidungen durch. Obama, bittet Meeropol, soll seine Mutter rehabilitieren. Er soll erklären, dass sie zu Unrecht verurteilt und auf den elektrischen Stuhl geschickt wurde.

Als er sechs Jahre alt war, stand Robert Meeropol schon einmal vorm Weißen Haus, um eine Petition abzugeben. Ein Gnadengesuch. Seine Eltern, Julius und Ethel Rosenberg, saßen im New Yorker Gefängnis Sing Sing, sie waren zum Tode verurteilt, nachdem eine Geschworenenjury sie der Atomspionage für die Sowjetunion für schuldig befunden hatte. Begleitet von Verwandten, fuhren die beiden Brüder im Frühjahr 1953 nach Washington. Bis zu Dwight Eisenhower, dem damaligen Staatschef, kamen sie nicht, auch damals kamen sie nur bis zur Pforte, obwohl das Weiße Haus noch nicht die weiträumig abgeriegelte Festung war, die es heute ist.

An die letzte Woche im Leben seiner Eltern hat Robert Meeropol noch sehr genaue Erinnerungen: "Es war eine Achterbahn der Emotionen." Erst schob einer der Richter am Supreme Court die Hinrichtung auf und verabschiedete sich in die Sommerpause. Für kurze Zeit schien es, als hätten die Rosenbergs wertvolle Zeit gewonnen, als komme womöglich eine Dynamik in Gang, die ihnen das Schlimmste ersparen würde. Dann aber setzte der Vorsitzende des Gerichtshofs kurzerhand eine Sondersitzung an, um das Urteil bestätigen zu lassen.

foto: ap photo/picturedesk
Michael (links) und Robert Rosenberg verlassen im Februar 1953 das berüchtigte Gefängnis Sing Sing in New York, nachdem sie ihre beiden Eltern Julius und Ethel besucht haben. Wenige Monate später wurden die Eltern wegen Spionage hingerichtet.

Den Tag der Exekution, den 19. Juni 1953, einen Freitag, verbringen Robert und Michael in einer Kleinstadt in New Jersey, bei Freunden der Familie, bei denen sie untergekommen sind. Im Garten spielen sie Baseball, bis sich im Dunkeln nichts mehr erkennen lässt. Michael, der Ältere, begreift schnell, dass seine Eltern nicht mehr am Leben sind. Burschikos, wie es seine Art ist, hat er die Erwachsenen am Abend gefragt, was denn nun passiert sei. Man habe auf vielen Radiosendern die Nachrichten gehört, und alle meldeten das Gleiche, erwiderten sie. Vor Robert, dem Jüngeren, versuchen sie die Wahrheit noch eine Weile zu verbergen, aber nach einer Woche spielte Michael das Spiel nicht mehr mit.

"Wir verschwanden praktisch von der Bildfläche"

Für ein paar Monate lebt das Bruderpaar bei einer Großmutter, dann in einem Kinderheim, dessen Verhältnisse, so schildert es Robert, an einen der düsteren Romane von Charles Dickens denken ließen. Die Schule in New Jersey, an die sie aus ihrer Heimatstadt New York gewechselt waren, schmeißt sie raus, nachdem Eltern protestiert hatten: Man könne ihren Kindern nicht zumuten, mit den Söhnen der Rosenbergs in einem Klassenzimmer zu sitzen.

"Wir mussten einfach aus der Deckung kommen."

Schließlich erklärt sich ein New Yorker Ehepaar bereit, die beiden zu adoptieren – Anne und Abel Meeropol, sie Lehrerin, er Liedermacher. "Mit dem neuen Familiennamen zog Ruhe ein", erzählt Robert Meeropol. "Wir verschwanden praktisch von der Bildfläche." Bis 1973 ein hochkarätiger Rechtsanwalt namens Louis Nizer ein Buch über den Fall Rosenberg schrieb und behauptete, die Kinder von Julius und Ethel hätten ihre Namen geändert, weil sie unbehelligt Karriere machen wollten und ablehnten, wofür ihre Eltern gestanden hätten. "Hätten wir nicht reagiert, wäre es das gewesen, was die Leute fortan geglaubt hätten", sagt Robert Meeropol. "Wir mussten einfach aus der Deckung kommen."

foto: ap photo
Julius und seine Ehefrau Ethel Rosenberg im März 1951, während sie von US-Marshalls abgeführt werden.

Der 69-Jährige empfängt in Easthampton, einer Kleinstadt in Massachusetts, im dritten Stock einer alten Textilfabrik. Backsteinfassade, im Parterre Kunstgalerien, ein Yogastudio, ein Gitarrenladen. Der "Rosenberg Fund for Children" hat hier sein Büro, gegründet, um Kindern, deren Eltern hinter Gitter sitzen, zu helfen. Mit Musikunterricht, einem Sommer im Camp, Therapiestunden, Computern, Büchern. Oder einfach mit Geld für die Fahrt ins Gefängnis.

Randlose Brille, ein bunter Pullover: Robert Meeropol ist exakt der Typ des amerikanischen Ostküsten-Intellektuellen, wie man sich das Klischee eines Ostküsten-Intellektuellen vorstellt. Bis zu seiner Pensionierung war er Anwalt, kein Mann der lauten Töne, eher einer der leisen Ironie. "Ich mag kein großes Gewese", sagt er. "Großes Gewese bedeutete für mich immer, dass etwas Schlimmes passieren würde." Schon in Sing Sing, der Haftanstalt, war das so. Seine Eltern hätten versucht, ihren Söhnen Normalität vorzuspielen, bloß kein Drama, und er habe sich bereitwillig darauf eingelassen. Auf Fotos aus jener Zeit ist häufig zu sehen, wie sich Robert schüchtern versteckt, hinter Verwandten, hinter Anwälten, hinter seinem Bruder.

foto: frank herrmann
Robert Meeropol im Büro seiner Stiftung in Easthampton, einer Kleinstadt in Massachusetts. Vor einem Foto, das Julius und Ethel Rosenberg in einem New Yorker Park zeigt.

Dass er sich nun an Obama wendet, hat auch mit der Wahl Donald Trumps zu tun. Mit der Rehabilitierung seiner Mutter, sagt er, könne der scheidende Präsident ein Zeichen gegen autoritäre Anwandlungen setzen, wie sie das liberale Amerika mit der Person Trumps verbinde. Der Fall Rosenberg sei ein Lehrbeispiel, schrieben Robert und Michael in ihrem Brief ans Oval Office. Er zeige, wie die Gerechtigkeit in Zeiten der Hysterie auf der Strecke bleibe, wenn der Staat seine Macht gegen politisch unpopuläre Gruppen missbrauche, in diesem Fall gegen Kommunisten.

foto: ap photo/file
David Greenglass (am Foto im April 1951), Bruder von Ethel Rosenberg, belastete seine Schwester vor Gericht.

Es mangelte an Beweisen

Spätestens seit dem vergangenen Jahr weiß man, dass der wichtigste Belastungszeuge Dinge zu Protokoll gab, von denen er wusste, dass sie nicht stimmten. Von denen auch die Kläger des amerikanischen Justizministeriums wussten, dass sie nicht stimmten. David Greenglass arbeitete als Maschinist in Los Alamos, der Fabrik in New Mexico, in der die Atombombe gebaut wurde. Er war der Bruder Ethel Rosenbergs. Noch im Sommer 1950, vor Beginn des eigentlichen Prozesses, hatte er unter Eid ausgesagt, mit seiner Schwester nie über Spionage geredet zu haben. Im Gerichtssaal behauptete er später, Ethel habe Informationen, die er aus Los Alamos besorgte, sauber mit der Schreibmaschine abgetippt. Greenglass belastete seine Schwester, um seine Frau Ruth zu retten, der man, wie auch ihm, die Todesstrafe angedroht hatte.

Vor kurzem stießen Jurastudenten der Seton Hall University, einer Privatuniversität in New Jersey, auf ein internes Memorandum des FBI, verfasst im Juli 1950, wenige Wochen vor Ethels Festnahme. Es mangele an Beweisen, um ein Verfahren gegen die Frau zu eröffnen, dennoch könne sie als Hebel benutzt werden, um ihren Mann zum Reden zu bringen. Es war Roy Cohn, ein junger Staatsanwalt, der den Rat in die Tat umsetzte. Im Prozess gegen die Rosenbergs vertrat er die Anklage, bevor er als Rechtsberater bei Joseph McCarthy anheuerte, dem Senator, dessen Hexenjagd im Kongresskomitee für unamerikanische Aktivitäten die antikommunistische Hysterie auf die Spitze trieb. Später zählte ein junger Bauunternehmer namens Donald Trump zu den Mandanten des Anwalts Cohn.

Von Cohn stammt die vom Wahlkämpfer Trump oft wiederholte These, dass man zehnmal härter zurückschlagen müsse, wenn man attackiert werde. Seine Skepsis gegenüber dem neuen Präsidenten habe nicht zuletzt persönliche Gründe, sagt Robert Meeropol.

Dass Julius Rosenberg ebenso wie David und Ruth Greenglass zu einem Agentenring des KGB gehörten, auch wenn sie keine verwertbaren Atomgeheimnisse weitergaben, daran lässt die Seton-Hall-Studie keinen Zweifel. Ethel dagegen sei auf dem elektrischen Stuhl gestorben, obwohl die Regierung gewusst habe, dass es keine Belege für ihre Schuld gab.

foto: everett collection / picturedesk.com
Julius und Ethel Rosenberg wurden am 19. Juni 1953 in New York auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Ja, Ethel sei Kommunistin gewesen, doch mit Spionage habe sie nichts zu tun gehabt, sagt Robert Meeropol und denkt eine Weile nach, bevor er Sätze formuliert, von denen er sich wünscht, dass er sie im Jänner auch aus dem Weißen Haus hört. Man habe Beweise fabriziert, um eine Verurteilung zu rein politischen Zwecken zu erreichen: "So handelt ein autoritäres Regime, aber keine offene Gesellschaft." Wie schnell es manchmal gehe, sich angesichts aufgeputschter Emotionen auf diesen Irrweg zu begeben, dies vor allem wolle er deutlich machen, sagt Robert Meeropol. (Frank Herrmann, 3.1.2017)