Jüdisches Museum Hohenems: Im Zeichen der Achtung des Anderen

1. Jänner 2017, 13:00
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Das Haus hat zeit seines Bestehens seinen Status als lebendige, lernfähige, kraftvolle und innovative Institution unter Beweis gestellt. Eine Hommage aus Anlass seines 25. Geburtstags

Ein kleines "Spezialmuseum", das bald 20.000 Besucher im Jahr hat, dessen Freundesverein über 500 Mitglieder auf allen Kontinenten zählt, das weit über die Grenzen seines Bundeslandes und Landes hinaus bekannt ist und das eine buchstäblich weltweite Community hat – so ein Museum soll es in Österreich geben? Ja, in der kleinen Vorarlberger Stadt Hohenems – ich spreche vom Jüdischen Museum, das in diesem Jahr sein 25-Jahr-Jubiläum feiert.

Hier geht es aber ausnahmsweise mal nicht um die Statistik der Besuche, sondern um die Einbettung eines Hauses, seines Teams und dessen Arbeit in einen vielstimmigen Zusammenhang, in unterschiedlichste Öffentlichkeiten, um eine höchst lebendige und produktive Beziehung des Museums zu Besuchern, Experten, Unterstützern, Trägern, Förderern, Gästen. Und so kann der heutige Direktor des Museums, Hanno Loewy, mit Recht sagen: "Ich kenne keine Institution, die von so vielen Menschen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft aus Überzeugung und mit Emotion, aus Neugier, mit Witz und politischer Wachheit getragen wird."

Geschichte mit Leerstellen

Dieses Museum habe ich im Jahr seiner Gründung, also 1991, kennengelernt als ein sorgfältig geführtes Haus und eine ebenso klug gestaltete Dauerausstellung, die in der Villa Heimann-Rosenthal untergebracht war. Nun war dieses Haus ein Erinnerungsort geworden, der an die einst vom Hohenemser Fürsten protegierte und nun gänzlich verschwundene jüdische Gemeinde erinnerte.

Der Gründung ging ein jahrelanger, zeitweise heftig geführter Konflikt voraus, in dem der Stellenwert der Geschichte des Judentums in Vorarlberg erörtert wurde, aber auch, in welcher Form und mit welchen Schwerpunkten man diese Geschichte darstellen sollte. Dieser vielfach geschichtete Konflikt – ein Generationenkonflikt, ein ideologischer Dissens, einer zwischen "Schulen" der Historikerzunft – mündete in eine Museumsgründung, die sich von Anfang an als nicht bloß lebensfähig, sondern als kraftvoll und innovativ erwies: konzeptuell, architektonisch und museumspolitisch.

Wer das Museum besucht, wird nichts Spektakuläres vorfinden. Es gibt keine glanzvolle Judaikasammlung, sondern eine Dauerausstellung, welche, zusammengesetzt aus Spuren, Überbleibseln und Relikten, die von vielen Leerstellen durchsetzte Geschichte der jüdischen Gemeinde, die Umstände ihrer gewaltsamen Vertreibung und Vernichtung und die Einzeichnung dieser Geschichte in das Stadtbild erzählt.

Was dem zufällig vorbeikommenden Besucher verborgen bleiben wird, sind die vielen Veranstaltungen, die sich in vielen Formaten an vielerlei Adressatenkreise wenden und in denen ebenso vielfältige Themen diskutiert werden. Das reicht von der Debatte um ein bemerkenswertes einzelnes Objekt aus der derzeit laufenden Sonderausstellung Übrig im kleinen Kreis, in der sowohl die im und vom Museum aus betriebene genealogische Forschung als auch die dokumentarische Bedeutung von Sammlungsobjekten zur Sprache kommt, bis zur großen Diskussion mit an die fünfzig Expertinnen und Experten aus Anlass des Jubiläums. Dort ging es um nicht mehr und nicht weniger als um die wünschbare Zukunft jüdischer Museen generell und des Hohenemser Museums im Besonderen.

Geschichte deuten

Was unser Einmalbesucher vielleicht spüren wird, ist, wie sehr das kleine Museum Ort der Vergesellschaftung ist, ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um den Grund und die Weise ihres Zusammenlebens zu ergründen, manchmal vielleicht auch zu erneuern, ihre gemeinsame Geschichte zu deuten, die Beziehung zu ihren sozialen Umwelten zu erforschen, zum Fremden und Anderen. Zu den herausragenden Möglichkeiten von Museen gehört die Möglichkeit, dem "Anderen" in einem geschützten Raum und in einem zivilen Rahmen zu begegnen.

Deswegen sind Museen auch geeignet, eine wesentliche demokratische Aufgabe wahrzunehmen – die Sorge um Minderheiten, um die immer wieder von Konflikten bedrohte Wechselbeziehung von Mehrheit und Minderheit. Jüdische Museen bleiben unausweichlich an historische und aktuelle Konflikte gebunden. Denn während die ersten jüdischen Museen Ende des 19. Jahrhunderts von jüdischen Gemeinden gegründet wurden als Symptome der Assimilation und des Selbstbewusstseins dieser Gemeinden, sind die jüngeren Gründungen, die seit den 1980er-Jahren in den deutschsprachigen Ländern erfolgt sind, unausweichlich von der Dialektik von Täterschaft und Opfer, von Schuldbewusstsein und Anerkennung von Schuld geprägt. Und immer mehr auch vom Blick auf die "Anderen" von heute, auf die komplexen Fragen von Zugehörigkeit und Anerkennung, von der Gegenwart von Einwanderung, Flüchtlingsdebatten und Identitätspolitik. Letztlich also von der Frage, wer eigentlich den "Demos" der Demokratie von heute ausmacht.

Deswegen ist es von Belang, dass das Museum aus einem Konflikt heraus gegründet wurde: Es hat früh die Fähigkeit ausgebildet und sich erhalten, konflikthafte Themen zu bearbeiten, in Debatten, Projekten und in Ausstellungen. Die laufende Ausstellung Übrig zum Beispiel, die Objekte aus der Sammlung zeigt, zeigt sie nicht nur als glücklich überlieferte Zeugnisse, sondern auch als Dokumente vielfältiger Konflikte, solcher der Überlieferung, des Gebrauchs, der Geltung, der Deutung.

Anders gesagt, das Museum übt sich in der in der avancierten Museologie nachdrücklich geforderten Kunst der Selbstreflexion. Und hier bin ich beim zentralen Punkt meiner anhaltenden Wertschätzung dieses Jüdischen Museums: Ein Museum, das sich entwickelt, das in gewisser Weise "lernt", hat immer auch einen Blick auf das, was es ist und wie es etwas tut. Es geht verantwortlich damit um, wie es seine Themen wählt und welcher Vermittlung es bedarf. Und vor allem: Es geht verantwortlich damit um, welche Verantwortung es gegenüber seinen Communitys und der Gesellschaft als Ganzes hat. Denn das ist der Sinn des Museums als öffentliche Institution. Es verwaltet und bearbeitet gesellschaftliche Interessen auf treuhänderische Weise.

Gelegenheit zum Zusammenfinden erzeugen

Ich erläutere das anhand der Projektreihe "Ein Viertel Stadt", eines sehr ungewöhnlichen Vorhabens. Der Umgang mit dem Stadtkern, dem jüdischen Viertel, war in den 1990er-Jahren vielfach ins Gerede gekommen. Immobilienspekulationen zeichneten sich ab, die Denkmalpflege erwog eine komplette Unterschutzstellung. Es hätte aber auch ganz im Gegenteil zum Verschwinden wichtiger, auch historisch bedeutender Bauten kommen können.

In dieser Situation intervenierte das Museum in den kommunalen Debatten, verließ dazu sein Haus und ging in die Stadt, um an ausgewählten Fassaden über Projektionen die Geschichte der Häuser und ihrer Nutzer und Bewohner zu erzählen und zu erinnern. Dass das Museum Mitverantwortung für die künftige Entwicklung der Stadt übernahm, war schon bemerkenswert. Dass man dabei aus dem Museum herausging und, gestützt auf sorgfältig vorbereitende Forschung, im Stadtraum selbst aktiv wurde, war originell und wirksam. Die Projektreihe "Ein Viertel Stadt" holte verschüttete, vergessene, verdrängte Geschichte und Geschichten zurück und verankerte sie neu im Gedächtnis der Stadt und ihrer Bevölkerung.

Die Bedeutung dieses Projekts liegt wiederum in der Beziehung zum Publikum bzw. zu den Stadtbewohnern. Es verhielt sich nicht passiv im Warten auf Besucher, die etwa schöne, alte Dinge ansehen wollen, sondern erzeugte eine Gelegenheit und einen Raum, in dem sich Menschen zusammenfinden und sich sammeln konnten.

Das Museum gab keine Empfehlungen ab, es favorisierte keinen bestimmten Gesichtspunkt, es tat nicht so, als hätte es die eine, "richtige" Lösung. Sondern es stellte einen sozialen Raum zur Verfügung, in dem debattiert werden konnte, um es der Bevölkerung von Hohenems zu ermöglichen, "ihre eigenen Angelegenheiten" zu regeln. Genau das war und ist der Sinn liberaler Öffentlichkeit, und das gehört zum Kostbarsten, was eine demokratische Gesellschaft besitzt, und meiner Meinung nach zum Wichtigsten, was ein Museum leisten kann.

Viele Wege

Dass die Synagoge aus einem Feuerwehrhaus zurückverwandelt und zu einem der praktischen und symbolischen Zentren des Ortes werden konnte, dass das Zentrum der Kleinstadt mit "Judengasse" und "Christengasse" heute wieder Leben zurückgewinnt, dass man in Hohenems öffentlich darüber diskutieren kann, wie denn ein "ortsübliches" Minarett aussehen könnte, all das wurde durch solche Interventionen erst möglich.

Orte zu besitzen, an denen ein solcher Austausch von Interessen unter Achtung und Anerkennung des Anderen stattfinden kann, an denen Konflikte sichtbar gemacht und unterschiedliche Interessen miteinander konfrontiert werden können, ohne dass sie vorschnell harmonisiert werden, das ist ein Herzstück demokratischer Politik. Die Fähigkeit des Museums, solche Gelegenheiten in den unterschiedlichsten Formen immer wieder herzustellen, daraus sein Programm zu entwickeln, seine Anliegen an eine zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit zu vermitteln, das ist es, was ich am Jüdischen Museum Hohenems bewundere. Und mir kommt vor, dass es angesichts der akuten gesellschaftlich-politischen Entwicklung immer wichtiger wird, solche Orte zu haben und zu fördern.

Wie das Museum das macht, dafür gibt es viele Wege. Das reicht von der Aufmerksamkeit für den einzigartigen jüdischen Friedhof über das außergewöhnliche Nachkommentreffen mit Hunderten von Teilnehmern, das das kleine Museum mit seinen diversen fernen Communitys buchstäblich auf der Weltkarte verankert, bis zur Serie von Sonderausstellungen, die die Dauerausstellung thematisch interpunktieren, vom Betreiben einer informativen Webseite, die eben mehr ist als nur ein Marketingtool, bis zur Forschungstätigkeit im Haus bei der jährlichen Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien.

Dieses beständige Abarbeiten an einer Aufgabe, im Wissen um die Schwierigkeiten, Geschichte zu vermitteln, weist für mich immer auch über den Museumstyp "Jüdisches Museum" hinaus – es verweist auf Qualitäten einer Museumsarbeit, die beispielhaft für andere Museumstypen und Museumsaufgaben sein kann und sein sollte. Diese "doppelte Qualität" – als jüdisches Museum mit seinen spezifischen Aufgaben und Verpflichtungen und als innovatives und reflexives Museum, das sich seiner öffentlichen Verantwortung stets bewusst ist -, sie macht Hohenems zu einem einzigartigen Museum. (Gottfried Fliedl, 1.1.2017)

Gottfried Fliedl, Museologe und Autor, promovierter Kunsthistoriker, Archäologe und Volkskundler, arbeitete als Kurator, Universitätslehrer, Museumspädagoge sowie in diversen beratenden Funktionen für eine große Anzahl von Museen im In- und Ausland.

Detaillierte Informationen über die laufende Ausstellung zum 25-Jahr-Jubiläum des Jüdischen Museums Hohenems auf www.jm-hohenems.at

  • "Beispielhafte Museumsarbeit in Hohenems". Nota bene: Die Geburtstagsausstellung wurde bis 19. Februar 2017 verlängert.
    foto: jüdisches museum hohenems

    "Beispielhafte Museumsarbeit in Hohenems". Nota bene: Die Geburtstagsausstellung wurde bis 19. Februar 2017 verlängert.

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