Alberto Manguel: "Wir sind blind für Aspekte des Kosmos"

31. Dezember 2016, 06:00
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Der Direktor der argentinischen Nationalbibliothek im Gespräch über die Willkür der nationalen Zugehörigkeit, die engen Grenzen menschlichen Wissens und Erfahrungen jenseits der Sprache

Alberto Manguels Welt besteht aus Büchern. In seiner Geschichte der Neugierde (aus dem Englischen von Achim Stanislawski, S. Fischer, Frankfurt am Main 2016) sucht er erneut den Dialog mit seinen literarischen Wegbegleitern Dante, Vergil, Homer, Kafka oder Borges und dringt vor zu grundlegenden Fragen des Menschseins.

STANDARD: Herr Manguel, Sie wurden in Buenos Aires geboren und sind Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Dazwischen waren Sie in Paris, Mailand, London und Toronto tätig, besitzen die kanadische Staatsbürgerschaft, sind in vielen Sprachen zu Hause. Fühlen Sie sich als Weltbürger?

Manguel: Eines der schlimmsten Schimpfworte meiner Großmutter war "Kosmopolit". Meine Großmutter wurde in Russland geboren. Sie kam als junges Mädchen nach Argentinien und verachtete Menschen, die keine Wurzeln haben. Ich empfinde genau das Gegenteil. Man sollte sich nicht dem unterwerfen müssen, was entschieden wurde, bevor man die Fähigkeit erlangt hat, darüber nachzudenken. Nationalität erscheint mir wie eine arrangierte Ehe. Manchmal funktioniert sie, aber oft tut sie es nicht.

STANDARD: Dennoch können wir ihr selbst in einer globalisierten Welt kaum entkommen ...

Manguel: Wir sollten die Freiheit haben, unsere Nationalität selbst zu wählen wie unsere Religion oder Philosophie. In Kanada wollte ich Teil der Gesellschaft werden, weil sie dem einzelnen Bürger eine Wichtigkeit beimisst. Meine argentinische Nationalität nahm ich in Kauf. Als mir die Position in der Nationalbibliothek angeboten wurde, stimmte ich zu, um Danke zu sagen für die Erziehung, die das Land mir gegeben hatte. Eine weitere Bindung an eine Nationalität fühle ich nicht.

STANDARD: In Ihrer "Geschichte der Neugierde" durchmessen Sie Räume und Zeiten auf der Suche nach dem Warum unserer Existenz. Macht Neugierde den Menschen erst zum Menschen?

Manguel: Neugierde definiert uns. Sie ist ein Charakteristikum, das wir nicht mit den Tieren teilen. Wie Darwin feststellte, entwickelte der Mensch für sein Überleben gewisse Werkzeuge. Eines davon ist die Fantasie. Sie befähigt uns, Erfahrungen zu haben und ihre Folgen in unserem Gehirn zu speichern, ohne sie wirklich machen zu müssen. Der Wunsch zu wissen, was jenseits des Horizonts liegt, treibt uns an.

STANDARD: Sie nennen Dantes Wanderung durch die Reiche des Jenseits das Buch, das im richtigen Augenblick die richtigen Fragen aufwirft. Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet ein auf religiösen Vorstellungen basierendes Werk als solches erkennen?

Manguel: Jede Gesellschaft existiert innerhalb der Grenzen, die ihre Mitglieder ihr setzen. Zur Zeit Dantes wurden diese Grenzen aus religiösen und politischen Gründen festgelegt. Sie bestimmen die Identität einer Gesellschaft. Dem Einzelnen kommt die Aufgabe zu, diesen Grenzen entgegenzutreten und sie zu verschieben. Damit verleiht er der Gesellschaft ihre Lebendigkeit. Sonst würde sie in der Zeit einfrieren als schlafende Schönheit. Dante gelingt es, innerhalb der dogmatischen christlichen Tradition etwas Befreiendes zu schaffen. Damit nimmt er gleichsam die humanistische Bewegung vorweg. Er öffnet Räume, findet Seitenwege und stellt die Frage, ob uns das Dogma auf gewisse Antworten beschränkt.

STANDARD: Unterliegt das Wissen auch selbst einer Beschränkung? Teilhard de Chardin sprach vom Blick mit immer vollkommeneren Augen in einen Kosmos, in dem immer etwas mehr zu sehen ist ...

Manguel: Wissen kann man auf vielerlei Weisen betrachten. Francis Bacon verwendet nicht den Ausdruck "erkennen", sondern "erinnern": Wir haben ein gemeinsames menschliches Wissen, das wir freilegen müssen. Zugleich können wir nur Wissen erwerben, das sich innerhalb unserer rationalen und intuitiven Fähigkeiten sowie der Begrenzungen befindet, die unsere Sinne uns setzen. Vielleicht sind wir blind für gewisse Aspekte des Kosmos. Auch werden wir uns umso mehr der Begrenzungen unseres Wissens bewusst, je mehr wir wissen. Ich mag die Metapher vom Fortschritt nicht, da wir uns gewöhnlich in Kreisen vorwärtsbewegen. Aber indem wir voranschreiten, stellen wir fest, dass der Horizont immer weiter weg ist.

STANDARD: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund ein Projekt wie Wikipedia, das auf einer Internetplattform das Wissen der Welt versammeln möchte?

Manguel: Die Idee, alles Wissen der Welt zu sammeln, ist alt. Die Bibliothek von Alexandria ist das symbolische Beispiel dieser Leidenschaft, Wissen zu ordnen. Die Bibliothekare erkannten, dass allein die Ansammlung von Schriftrollen keinem Zweck dient. Man braucht ein Suchinstrument. Jeder Versuch des Ordnens ist jedoch zugleich ein Zensieren. Das Internet und Wikipedia könnten in ihrem Bestreben, allumfassend zu sein, werden wie Borges' Bibliothek von Babel mit ihren allen nur denkbaren Kombinationen von Schriftzeichen, eine Ansammlung von allem und daher völlig nutzlos.

STANDARD: Sie unterstellen, dass wir hier etwas zu tun haben und irgendwohin gehören. Glauben Sie an eine Weltordnung?

Manguel: Da wir sozial leben, müssen wir versuchen, eine Ordnung zu schaffen, in der wir uns mehr oder weniger glücklich fühlen. Gelungen ist uns dies niemals. Ungerechtigkeit und Unglück sind in unseren Gesellschaften an der Tagesordnung. Aber das sind besondere Gesellschaften zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort. In ihnen spiegelt sich keine Weltordnung wider, die man als geheime Struktur des Universums ansehen könnte. Das Universum sorgt sich nicht um uns. Die menschliche Spezies von ihrem Beginn an bis zu ihrem wahrscheinlich nahen Ende ist nur eine Nanosekunde in der Geschichte des Universums. Das Universum wird es nicht einmal merken, wenn wir gegangen sind.

STANDARD: Werden wir nie zu den letzten Wahrheiten vordringen?

Manguel: Konzepte wie die absolute Wahrheit sind unsere Erfindung. Das Universum kümmert sich nicht um solche Vorstellungen. Es folgt seinen eigenen Mechanismen und braucht keinen philosophischen Rahmen. Wir postulieren eine absolute, für uns unerreichbare Wahrheit, um uns über die Begrenzungen unseres Wissens hinwegzutrösten. Es gibt Erfahrungen jenseits der Sprache. Wir nennen sie das Unsagbare, das wir nicht in Worten ausdrücken können. Das bedeutet aber nicht, dass es eine absolute Wahrheit im religiösen Sinne geben muss. Dante nahm das eher als Metapher für die Einsicht, die er in die Welt und die Menschen hatte. Er erkannte, dass er diese Einsicht nur in Worte fassen konnte, indem er betonte, dass sie nicht in Worte zu fassen sei. Darauf bezieht sich Borges, wenn er Kunst die Ankündigung einer Offenbarung nennt, die nicht stattfindet.

STANDARD: Gegen Ende Ihres Buches widmen Sie sich der Frage, warum Menschen einander etwas antun wie Auschwitz. Wie steht die Neugierde dazu?

Manguel: Vor dieser Frage muss die Neugierde kapitulieren. Sie kann darauf keine Antwort geben, weil etwas wie Auschwitz außerhalb der menschlichen Rationalität bleibt. Auschwitz ist ein Raum, der keine Fragen zulässt. Hier gibt es kein Warum. Auschwitz ist die Schattenseite einer philosophischen oder göttlichen Offenbarung. Beide liegen jenseits der Sprache. (Ruth Renée Reif, 31.12.2016)

Alberto Manguel, Jg. 1948, war von 1964 bis 1968 Vorleser des erblindeten Schriftstellers Jorge Luis Borges. Er arbeitete in vielen Ländern als Lektor, Übersetzer und Schriftsteller. Seine in alle Weltsprachen übersetzte "Geschichte des Lesens" wurde 1998 mit dem Prix Médicis ausgezeichnet. Seit 2015 ist Manguel Direktor der argentinischen Nationalbibliothek in Buenos Aires.

Alberto Manguel, Eine Geschichte der Neugierde. Aus dem Englischen von Achim Stanislawski, € 25, 70 / 528 Seiten, S. Fischer 2016.

  • "Konzepte wie die absolute Wahrheit sind unsere Erfindungen. Das Universum kümmert sich nicht um solche Vorstellungen. Es braucht keinen philosophischen Rahmen": Alberto Manguel.
    foto: picturedesk.com/alexandrino

    "Konzepte wie die absolute Wahrheit sind unsere Erfindungen. Das Universum kümmert sich nicht um solche Vorstellungen. Es braucht keinen philosophischen Rahmen": Alberto Manguel.

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