Tex Rubinowitz: Das war unser Silvester

31. Dezember 2016, 09:00
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Wie fühlte es sich damals an, jenes sonderbare Kontinuum zwischen Weihnachten und dem letzten Abend des Jahres? Es war wie ein Übergangsraum zwischen heiter verbrämter Düsternis und willkürlicher Fröhlichkeit

Nicht leicht ist es, den Zeitpunkt festzumachen, als mir – oder ob mir – Weihnachten und Silvester mal etwas bedeuteten und warum und wann damit Schluss war, und nicht nur das, sondern diese Termine und der Raum zwischen beiden sogar lästig wurden, was als Kind vielleicht mal als Verschnaufpause vom Schulterror gedacht war, mit Mitteln der mit Heiligkeit verbrämten Düsternis und der eine Woche darauf folgenden willkürlichen Fröhlichkeit.

Ich kann mich weder an einen Baum, an Lametta, Krippe, gar einen Weihnachtsmann, Schnee oder Schneelosigkeit erinnern, noch daran, wann da was begann, die Bescherung, wurde gesungen, mussten Gedichte aufgesagt werden? Ich weiß es einfach nicht, vielleicht auch deswegen, weil möglicherweise nichts dergleichen geschah, und man wie üblich Käse- und Wurstbrote aß und dazu lauwarmen Hagebuttentee trank. Und was passierte zu Silvester? Vermutlich das Gleiche. Leicht ist es allerdings, diese beiden Termine in einem bestimmten Jahr mit einer Art Zäsur in Verbindung zu bringen, vor und nach der alles andere banal werden musste.

Reif für Karl May

Ich erinnere mich an ein einziges Weihnachtsgeschenk, ein Buch von Karl May, weil das alle lasen, weil das die Väter schon gelesen haben und deren Väter und es jede Generation der folgenden aufzwang, hier, das ist gut, das musst du lesen, dabei war man doch mit Fix und Foxi ganz gut bedient und ausgelastet, ich zumindest, unausgesprochen wurde ab einem bestimmten Alter erwartet, so als sei das eine Art Initiation, dass man von nun an reif für Karl May sei, welchen Band hätte ich denn gerne, ich konnte ja noch nicht mal ein System erkennen, was man lesen müsse und was mit wem wie zusammenhängt, muss man von Band eins bis zum hohen zweistelligen Ende alles chronologisch weglesen?

Möglicherweise gab's irgendwelche referenziellen Listen in Verlagsprospekten, das ganze OEuvre als dichotomer Entscheidungsbaum, und möglicherweise fand ich dort etwas, was mich ansprach, das war der Band Professor Vitzliputzli, den wünschte ich mir dann alibihalber, um meinen Vater zu beruhigen, so zu tun als sei ich ein Auskenner, ein Spezialist, ich wüsste, wovon ich spreche, gelesen hatte ich ihn natürlich nicht, angefangen sicher, aber nach 15 Seiten oder so entkräftet beiseitegelegt.

Schleusentechnik und Indianer

Stattdessen fand ich in der Stadtbibliothek ein Buch über Schleusentechnik – Schleusen und Schiffshebewerke und Wasserregulierung interessierten mich generell sehr –, zunächst berichtete ich meinem Vater vom Inhalt Professor Vitzliputzlis, indem ich erfand, dass der Hauptdarsteller ein deutscher Ingenieur sei, der in Amerika im neunzehnten Jahrhundert den circa 500 km langen Ohio-Erie-Kanal gebaut hätte, mit einem reichlich komplizierten Schleusensystem, damit konnte ich ihn dann noch mehr beeindrucken als mit dem vermuteten schnöden Elend eines kauzigen Cowboys namens Vitzliputzli, darum geht's doch eigentlich, es den Vätern zu zeigen, schau, ich kann meine Schuhe schon zubinden, ich hab das erste Mal masturbiert, und ich hab ein dickes Buch gelesen, und er war über meine Schleusenkenntnisse so beeindruckt, dass er mich mal zur Abwechslung nicht wie üblich ignorierte, sondern schlug, um seine eigene Verzweiflung über meinen Wissensvorsprung zu kompensieren, wie ich mir viele Jahre später zusammenreimte.

Als ich ihm allerdings unter Tränen gestand, dass ich mir das doch nur ausgedacht hätte, im Karl-May-Buch gehe es gar nicht um Schleusen, sondern um Cowboys und Indianer, da lobte er mich dann, meinte, so was sei gut, so was sollte ich jetzt immer machen, so käme ich viel weiter als mit der Wahrheit, er meinte, er bedaure, dass er in seinem Leben (das er für verpfuscht hielt), nicht mehr geschwindelt habe, wenn er es nämlich getan hätte, säße er jetzt nicht hier, und dann raunte er mir noch die rätselhaften Worte zu: "Heirate NIEMALS", und er gab mir unkommentiert einen sogenannten Heiermann, ein Fünfmarkstück, eine Zeitlang dachte ich, dass das so eine Art Startguthaben zur Mannwerdung sei oder eine Bestechung, um ledig zu bleiben, aber ich glaube, es sollte eine Belohnung für meine Lüge sein, die ihn offenbar beeindruckt hatte, der geheime Lohn für die Erziehung, auf die ich aber selbst gekommen war, was mich stolz machte.

Aber es kann doch nicht sein, dass dieses doofe Buch (Amazon-Rezension: "Hier zeigt Karl May seine Größe, auch aus banalen Alltagsgeschichten in dezent lustiger Form ein herzerfrischendes Werk zusammenzubringen, das sehr lieb erzählt ist!"), das ich bis heute nicht gelesen habe, meine einzige Weihnachtserinnerung ist. Ist sie aber, denn es ist nichts mehr vorhanden, so wie beim eine Woche später stattfindenden Silvesterfest – außer eine einzige Sache, in die mein Vater ebenfalls involviert war und die mit diesem Buch in einem dramatischen Zusammenhang stand.

Süchtig nach Ameisensäure

Sicher ist, dass das der Jahreswechsel war, der auf die bezahlte Vitzliputzli-Lüge folgte. Von den Scherben, die er uns hinterlassen hat, ist bei mir nicht mehr viel geblieben außer diesen beiden Ereignissen und einem seltsamen Ritual, bei Spaziergängen hielt er Vorträge über Ameisen, man erfuhr beispielsweise, dass es wohl Menschen in Australien gebe, die Ameisen essen, mein Vater hingegen hat sie zwar nicht gegessen, aber er hat immer, wenn wir mal an einem Ameisenhaufen vorbeikamen, bei Ausflügen, sein Taschentuch über denselben geworfen, die Tiere es mit ihrer Verteidigungssäure vollpumpen lassen, dann hat er sie abgeschüttelt und das Tuch auf sein Gesicht gelegt und mit einem erstickten Seufzer die Säure inhaliert, er war regelrecht süchtig danach, immer wieder bot er mir das an, und immer wieder musste ich mich übergeben, mir hat es den Magen umgedreht, aber eher nicht von der Säure, ich fand sein Taschentuch einfach eklig, man schnüffelt nicht an etwas, was der eigene Vater in seiner Hosentasche trägt.

Ich will mich ja nicht beschweren, dass die Ameisensäure und die fünf Mark für eine Lüge das Einzige waren, was von meinem Vater übrig geblieben ist, immerhin hat das ja auch einen geringen Unterhaltungswert, wovon ich nach wie vor zehre, ich schreibe dann und wann bei Wikipedia Falschinformationen, sie müssen nur glaubhaft klingen, manchmal verschwindet das sehr schnell, oft bleibt das auch ewig dort ungeprüft stehen, und ich inhaliere zwar keine Ameisensäure, aber Teer, ich wasche meine Haare mit Teershampoo und hab eine Teersalbe, um meine juckende und knochentrockene Haut zu schmieren, Teer wirkt keimtötend und durchblutungsfördernd, so wie Ameisensäure.

Silvester mit dem Vater

An das eine Silvester mit ihm kann ich mich erinnern, weil da unsere Mutter mit Tuberkulose in einem Sanatorium in Schlangenbad lag, der Vater tat zumindest so, als hätte er die Situation im Griff, wir waren ja auch nicht mehr so klein, meine Schwester war elf, ich zwei Jahre älter, aber er war das erste Mal allein mit uns, weil er oft wochenlang nicht zu Hause war, er war Vertreter für Dosenwürste, unsere ganze Garage war bis zur Decke vollgestapelt mit diesen Dosen, er hatte einen hellblauen Opel Rekord Kombi, ein, wie mir schien, unendlich langes Auto, das ganze Heck voller Dosen, damit tourte er durch die Lande und belieferte Großkunden wie Wirtshäuser und dergleichen. Für Weihnachten und Silvester war schon alles ausgeliefert, und jetzt musste er die Elternrolle übernehmen.

Und dafür hatte er sich offenbar etwas ausgedacht, man merkte, dass er in Erwartung des Kommenden ganz aufgeregt war. Um etwa 18 Uhr servierte er uns einen, wie er es nannte, kleinen Imbiss, das waren Suppenteller voller Corn-Frosties, meine Schwester und ich mochten die sehr, komplett mit Zucker ummantelte Cornflakes, unsere Mutter weigerte sich aber, sie zu kaufen, sie seien zu teuer und würden uns nicht nur nicht satt, sondern auch dick und unsere Zähne kaputt machen, stattdessen gab es Haferflocken mit heißem Wasser, das sollte so was wie Porridge sein, das wurde gesalzen, statt gezuckert, uns schmeckte das sogar. Aber für heute am letzten Tag des Jahres hatte sich "Schneckenpapa", wie wir ihn nannten und was er trotz seiner Kälte gerne von uns hörte, etwas anderes vor, wir freuten uns mit ihm, und wunderten uns nicht, als er die Frosties statt mit Wasser oder gar mit Milch (Mutter war gegen Milch, die Milch würde "verschleimen", bis die Organe nicht mehr arbeiten könnten und in der Folge gänzlich versagen würden), sondern mit Bier übergoss.

Bier auf den Corn-Frosties

Das sah erst mal interessant aus, denn durch die Verbindung mit dem Zucker schäumte das Bier enorm, meine Schwester kostete davon, sie verzog den Mund, es schmeckte ihr augenscheinlich nicht, aber sie wollte ja an die begehrten Frosties, also seihte sie mit dem Löffel die Brühe ab und aß nur die aufgequollenen Flocken. Ich nahm auch ein bisschen von der Biersuppe, ich mochte diese Mischung aus süß und bitter, und weil wir noch so jung waren und das unser erster Kontakt mit Alkohol war, spürten wir trotz der geringen Dosis die Wirkung sehr schnell, der Zustand meiner Schwester wechselte sich relativ schnell ab von haltlosem Weinen (Mama soll kommen) und Kichern mit albernen Kinderneckereien.

Schneckenpapa meinte, das sei ein typisches Silvestermenü, man esse weltweit an diesem letzten Tag, in der letzten Nacht des Jahres eben überall etwas Verrücktes, so wie Krapfen, gefüllt mit Senf, oder Marzipankartoffeln, worunter ich mir mit Marzipan gefüllte Salzkartoffeln vorstellte, das sei gut für die Nerven, um für das kommende Jahr gewappnet zu sein, das sei der Brauch, uns schüttelte es, obwohl wir soeben etwas Vergleichbares gegessen hatten. Das war die Vorspeise, wie Papa meinte, als Nächstes machte er eine Dose Würstchen auf, davon gab's ja genug bei uns, normalerweise aßen wir sie kalt, so schmeckten sie mir auch besser, dazu gab's Butterbrot, aber er meinte, zur Feier des Anlasses sollten sie heute warm sein, und weil Würste in vielen Kulturen ein Glückssymbol seien, kippte er das Dosenwurstwasser nicht weg, sondern holte nach der Mahlzeit Bleiklumpen hervor, die wir in Teelöffeln und über einer Kerze erhitzten, um das flüssige Blei dann in die Dose plumpsen zu lassen, klar, das klassische Bleigießen, aber wer benutzt dazu Dosenwurstaufbewahrungswasser? Immer wenn ich später mal einen Junkie gesehen habe, schob sich mir das Bild von unserer Silvesternacht dazwischen, zu sehr glichen sich die Bilder mit der Kerze und dem Teelöffel, und ich dachte, was wenn er sich Blei in die Blutbahn injizieren und das Heroin ins Wurstwasser kippen würde, bei diesen Wracks wäre das auch kein großes Drama mehr.

Der Vater als Mutter

Während meine Schwester und ich mit der Deutung der bleiernen Lavaklumpen beschäftigt waren, wozu er uns vorher eine kleine Interpretationsinstruktion gab, was was sein könnte, in welche abstrakte Richtung wir auch denken sollten, verschwand er, wie er sagte, kurz, er hätte noch eine Überraschung für uns. Meine Schwester und ich betrachteten die Klumpen von allen Seiten und versuchten, darin irgendwas zu sehen, interessanterweise immer in Opposition zueinander, wo ich einen Specht sah, sah sie eine Spinne, auch wenn für Dritte möglicherweise nichts dergleichen erkennbar gewesen wäre.

Nachdem wir mehr gelangweilt als wirklich interessiert drei oder vier Klumpen aus der Wurstbrühe gezogen und interpretiert hatten, kam unser Vater die Treppen unseres schmalen zweistöckigen Hauses, nun ja, heruntergestöckelt, er war als Frau angezogen, für uns war er verkleidet, aber inzwischen weiß ich ja, dass es ihm ein Bedürfnis war, etwas, was er zunächst an uns ausprobieren wollte, wozu er in Gegenwart seiner Frau nicht in der Lage war, und für uns halbbetrunkene Kinder mit den albernen Bleinuggets in den Händen war das ein inszenatorischer Teil dieses komischen Abends.

Er sagte, er sei jetzt unsere Mutter, und zwar für immer, was uns natürlich erst viel später in seiner ganzen konsequenten Tragweite klar wurde. Für uns war das das Programm dieser Nacht, in der alles Falsche eben richtig ist. Unser Schneckenpapa hatte nicht nur einen Rock an, sondern Brüste, wohl ein ausgestopfter BH seiner Frau, war grell geschminkt und trug eine Perücke, er sah für uns Kinder einfach großartig aus, auch weil unsere Mutter so eine protestantisch unfrauliche Mausigkeit hatte. Er schmolz sich auch einen Bleiklumpen und ließ ihn in die Dose plumpsen, wobei er uns einen kleinen Vortrag über die lateinische Bedeutung von Plumbum hielt, sein Gebilde, ich weiß es noch wie heute, war eine kleine dicke Frau mit enormen Hüften und Brüsten und winzig kleinen Ärmchen, meine Schwester interpretierte es als mit Blut vollgepumptes Insekt, eine Zecke vielleicht, ich sah weder das eine noch das andere.

Später in Wien hab ich mal im Kunsthistorischen Museum die Venus von Willendorf gesehen, und rückblickend betrachtet, kam unserem Vater dieser Zufall in Blei wohl recht, das Ideal einer Urmutter, einer vollkommen bewegungseingeschränkten Ameisenkönigin, einer dreißigtausend Jahre alten Fruchtbarkeitsgöttin.

Vermeintlicher Mummenschanz

Dann setzte uns Vater, was seinen eigenen vermeintlichen Mummenschanz legitimierte, noch lustige Hütchen auf, und zeigte uns, wie man Papierschlangen durch die Luft zu dekorativem Chaos blies, er kredenzte uns Eierlikör, der in seiner süßen Cremigkeit durchaus trinkbar war, alles entglitt zu einer großen Ausgelassenheit, wir tanzten sogar ein bisschen, wohl zu der Musik des laufenden Radios, ich kann mich nur an ein Lied erinnern, denn immer, wenn ich das jetzt zufällig höre, entstehen die Bilder von uns dreien, wie wir durch die Wohnung hüpften, wie Krabben, also seitlich, mit rollenden Augen und die Scheren pantomimisch darstellend, das machten wir Papa nach, das Lied war Magic von einer britischen Band namens Pilot, großartiges Lied, "Ho, ho, ho. It's magic, you know. Never believe, it's not so". In der Rückschau betrachtet, muss das ganze Programm für unseren Vater für alles Kommende enorm befreiend gewesen sein, das Beste, was man aus etwas Altem in etwas Neues transportieren kann, mit uns als Zeugen und dem "Ho, ho, ho" im Radio.

Als Nächstes zeigte er uns das merkwürdige Buch von Karl May, das er mir vor nicht allzu langer Zeit geschenkt hatte, den Professor Vitzliputzli, den hatte er wohl eben aus meinem Zimmer von oben mitgebracht, er schlug das Buch auf, und zu meiner nicht geringen Überraschung war der Seitenkörper ausgehöhlt, darin hatte er einen sogenannten Kanonenschlag deponiert, so wie kurz vorher Horst Mahler zu jener Zeit der Baader-Meinhof-Bande Waffen ins Gefängnis geschmuggelt hatte.

Papa meinte, wir müssten uns in dieser Nacht von bestimmten "Absprachen" trennen, so sagte er das, wir verstanden nicht exakt, was er meinte, ich aber zumindest ungefähr, und im Falle von Vitzliputzli ganz sicher. Aber wie genau die Symbolkraft seiner Transformation mit der Zerstörung meines Buches zusammenhing, wurde mir erst viel später bewusst, das Buch als Schleuse der Befreiung, also doch ein Buch über Schleusentechniken. Meine Schwester und ich bekamen Punkt Mitternacht sogenannte bengalische Lichter in die Hand gedrückt, dickere, stark lila und grün leuchtende Streichhölzer, während Vater den Kanonenschlag zündete, und schnell das Buch zuklappte, wir standen da wie Wächter, als das Buch unter lautem Getöse explodierte, wir jubelten vor Freude, während das Buch seinen fragwürdigen Geist ausrauchte und unsere Lichter erloschen.

Katerstimmung danach

Das war unser Silvester, den nächsten Tag schlichen wir uns waschlappig aus dem Weg, den Vater sah man kaum, nur mal kurz in der Küche mit verschmiertem Gesicht, er hatte sich wohl nicht einmal abgeschminkt und so geschlafen, jetzt trug er einen Küchenkittel statt Rock, Strumpfhose und Bluse, meiner Schwester und mir ging's schlecht, wir kotzten den ganzen Tag, auch wenn wir nicht mal etwas aßen, was denn auch, weil außer Dosenwürsten und Corn-Frosties ja nicht mal etwas da war, und das rührte zumindest ich jahrelang nicht mehr an. Von Eierlikör und Bier ganz zu schweigen.

Am 2. Januar kam dann unsere Mutter aus dem Sanatorium wieder zurück, mit dem Taxi, das blieb vor der Tür stehen, weil sie offenbar kein Geld hatte, sie lief ins Haus, um das Geld zu holen, war von dem Chaos der natürlich noch unaufgeräumten Wohnung entsetzt und fing gleich mal ein großes Lamento an, das natürlich an uns abperlte wie Wasser am Bürzel einer Ente, weil das ja alles noch Zeugnisse einer von uns als besonders empfundenen Nacht waren, die nur wir – und nicht sie – lesen konnten.

Durch die Gardine des Fensters sah ich, wie unser Vater blitzschnell aus dem Hintereingang des Hauses huschte und ins Taxi stieg, er trug wieder Frauenkleider und Stöckelschuhe, das Taxi brauste ab, das war das Letzte, was ich von ihm sah, rückblickend betrachtet, war diese Symmetrie absolut logisch, auch wenn ich es mir andersrum gewünscht hätte. Alte Mutter kommt, neue Mutter geht. Ho, ho, ho, it's magic. (Tex Rubinowitz, 31.12.2016)

Tex Rubinowitz ist Schriftsteller, Cartoonist und Künstler. 2014 gewann er den Bachmannpreis. Zuletzt erschien von ihm "Irma" (Rowohlt, 2015)

  • Klassisches Silversteraccessoire nebst Papierschlangen, lustigen Hütchen und Eierlikör.
    foto: istock

    Klassisches Silversteraccessoire nebst Papierschlangen, lustigen Hütchen und Eierlikör.

  • Abgebrannte Stimmung nach dem großen Fest: "Meiner Schwester und mir ging's schlecht, wir kotzten den ganzen Tag, auch wenn wir nicht einmal etwas aßen, was denn auch, weil außer Dosenwürsten und Corn-Frosties ja nicht einmal etwas da war, und das rührte ich jahrelang nicht an. Von Eierlikör und Bier ganz zu schweigen."
    foto: dpa/pedersen

    Abgebrannte Stimmung nach dem großen Fest: "Meiner Schwester und mir ging's schlecht, wir kotzten den ganzen Tag, auch wenn wir nicht einmal etwas aßen, was denn auch, weil außer Dosenwürsten und Corn-Frosties ja nicht einmal etwas da war, und das rührte ich jahrelang nicht an. Von Eierlikör und Bier ganz zu schweigen."

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