Der Alte und die Skispringerweisheiten

30. Dezember 2016, 08:31
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Der Sieg bei der Vierschanzentournee ist wertvoller als die Prämie von 20.000 Franken. Andreas Kofler ist einer der wenigen Aktiven, die wissen, wie sich dieser Erfolg anfühlt. Vom Weg hat er eine Ahnung

Oberstdorf – In Oberstdorf ist die Tournee nicht zu gewinnen, wohl aber zu verlieren. Vor dem Auftakt der 65. Vierschanzentournee heute Abend (ab 16.45 Uhr) feierte die alte Skispringerweisheit ihr alljährliches Comeback. So wirklich widerlegt wurde sie noch nie. Aber Andreas Kofler, einer der vier ehemaligen Gesamtsieger im Feld – neben Titelverteidiger Peter Prevc aus Slowenien und eben Kofler sind das der Tscheche Jakub Janda (2005/06 gemeinsam mit dem diesmal fehlenden finnischen Rekordsieger Janne Ahonen) und Stefan Kraft (2014/15) – hat bei seinem Triumph 2009/10 doch ordentlich vom überlegenen Auftakterfolg auf der Schattenbergschanze gezehrt. Und den Triumph dann mit den Rängen vier (Garmisch-Partenkirchen), vier (Innsbruck) und fünf (Bischofshofen) heimgesprungen. Verloren hat der Tiroler die Tournee in Oberstdorf aber auch schon, am deutlichsten 2007, als er als Mitfavorit stürzte.

Weder die negativen noch die positiven Erfahrungen, sagt Kofler, können bei seiner 13. Tournee von besonderem Nutzen sein. "Es muss sich fügen. Mein Sieg damals ist auch entstanden."

Bei manchen Stars der Szene fügt es sich nie. Der 44-jährige Japaner Noriaki Kasai nimmt den 22. Anlauf auf den ersten Tourneesieg, der 35-jährige Schweizer Simon Ammann die Nummer 19. Ein diesbezügliches Happy End wäre in beiden Fällen absolut sensationell.

Andere sind wiederum beinahe sofort auf den Gesamtsieg programmiert. Wie der Slowene Domen Prevc, der wie Bruder Peter völlig abgeschirmt in sein zweites Oberstdorfer Skispringen geht – nicht, ohne da und dort wegen seines Sprungstils Skepsis auszulösen. "Er springt, wie Max Verstappen Formel 1 fährt", sagt der deutsche Cheftrainer Werner Schuster: "Aber so kannst du nur Ski springen, wenn du noch nie mit 250 Sachen gegen die Mauer gefahren bist."

Andreas Kofler ist auch ohne Stilspektakel zuweilen gegen die Mauer gefahren – zum Beispiel mental, als er 2006 in Turin den Olympiasieg auf der Großschanze um einen Zehntelpunkt an Landsmann Thomas Morgenstern verloren hat. Der Tiroler, inzwischen ausgebildeter Polizist, hat aber alle Rückschläge weggesteckt. Das Karriereende war keine Option. "Es hat schwarze Tage gegeben. Aber meine Liebe zum Sport ist so tief verankert. Wenn ich gesagt hätte, ich lasse es, dann würde mir etwas fehlen."

Nach einer langen Durststrecke – die Weltmeisterschaften 2013 und 2015, sowie Olympia 2014 sind ohne ihn ausgekommen – ist Kofler zurück – nicht ganz in der Spitze, aber zumindest auf Schlagdistanz. Im Team von Cheftrainer Heinz Kuttin gibt er überzeugend den abgeklärten Routinier, der aus Spaß an der Freude springt. Sportlich erholt hat sich der 32-Jährige in der zweiten Trainingsgruppe – dort, wo wohl die Jugend nachdrängt, aber die schiere Stärke der Mannschaftsbesten nicht hinunterzieht.

Während Stefan Kraft und Michael Hayböck durchaus Tourneeziele definieren können – nach den Springen in Oberstdorf und zu Neujahr in Garmisch-Partenkirchen soll das Podest für sie zumindest noch in Reichweite sein – zügelt sich Kofler. Ein Spitzenergebnis müsse sich ergeben. "Details machen viel aus, der Kopf spielt eine große Rolle. Wenn es sich auftut, kann es aber sehr schnell gehen." Auch das ist eine alte Skispringerweisheit, die noch nie wirklich widerlegt wurde. (Sigi Lützow aus Oberstdorf, 30.12.2016)

  • Andreas Kofler gewann die Tournee 2009/10. Den nötigen Polster hat er sich damals in Oberstdorf zugelegt.
    foto: apa/expa/jfk

    Andreas Kofler gewann die Tournee 2009/10. Den nötigen Polster hat er sich damals in Oberstdorf zugelegt.

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