Verhaftet: Ein Tweet zu viel in Erdogans Staat

    29. Dezember 2016, 18:18
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    Säuberungswellen haben nun auch wieder den Aufdeckerjournalisten Sik erreicht

    Istanbul/Athen – Tayyip Erdogan hat ihn einmal als "Bombenbauer" bezeichnet. Das war, als Ahmet Sik ein Buch über die Unterwanderung der türkischen Polizei durch die Bewegung des Predigers Gülen veröffentlichen wollte und dafür ins Gefängnis gesteckt wurde. "Es ist ein Verbrechen, eine Bombe zu benutzen und ebenso die Bestandteile, aus denen eine Bombe gemacht ist", hatte Erdogan 2011 vor der parlamentarischen Versammlung des Europarats in Straßburg erklärt und damit die Verhaftung des Aufdeckerjournalisten wegen eines geplanten Buchs verteidigt.

    Ein Jahr war Sik damals zusammen mit seinem Kollegen Nedim Sener ohne Verfahren in Haft. Am Donnerstag ist "Bombenbauer" Sik wieder festgenommen worden. Dieses Mal reichten offenbar eine der Mitteilungen, die der renommierte Journalist fast täglich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verfasst, sowie Artikel in der regierungskritischen Tageszeitung Cumhuriyet.

    Kein Anwalt

    "Ich werde festgenommen. Ich soll wegen eines Tweets zur Staatsanwaltschaft", twitterte Sik noch am Morgen, als ein Polizeikommando vor der Tür seiner Istanbuler Wohnung stand. Nach Angaben von Bekannten des 46-jährigen Journalisten durfte Sik zunächst keinen Anwalt kontaktieren und soll für wenigstens fünf Tage in Haft bleiben. Der Ausnahmezustand, der in der Türkei seit Juli gilt und bereits einmal verlängert wurde, lässt Verhaftungen ohne Anklage bis zu 30 Tagen zu.

    Sik soll sich nun angeblich wegen eines Tweets und vier, 2015 erschienen Zeitungsartikeln verantworten sowie für seine Teilnahme an einer Veranstaltung des Europaparlaments zur Pressefreiheit im Jahr 2014. Sik, der mehrere internationale Auszeichnungen erhalten hat, soll dort laut Staatsanwaltschaft Propaganda für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans PKK betrieben haben, meldeten türkische Medien am Donnerstag.

    Mit Sik dürfte nun der 149. Journalist in der Türkei im Gefängnis sitzen. Dass ausgerechnet ein ausgewiesener Gegner der Gülen-Bewegung, die von der Regierung für den Putsch am 15. Juli verantwortlich gemacht wird, in Untersuchungshaft genommen wurde, überraschte die Oppositionellen im Land nicht mehr. "Am Ende werden die Demokratie und die Freiheit siegen", schrieb Hasan Cemal, ein Veteran des liberalen türkischen Journalismus, an Sik gerichtet im Nachrichtenportal T24.

    Schriftstellerin kommt frei

    Am Donnerstag begann vor einem Strafgericht in Istanbul auch der Prozess gegen Publizisten, die bei der mittlerweile geschlossenen prokurdischen Zeitung Özgür Gündem mitgearbeitet hatten. Dabei verfügte der Richter die Freilassung der seit August in Untersuchungshaft gehaltenen Schriftstellerin Asli Erdogan, ihrer Kollegin Necmiye Alpay und des ehemaligen Herausgebers von Özgür Gündem, Zana Kaya.

    Vor allem die Inhaftierung der ernsthaft erkrankten Erdogan – sie ist nicht mit dem Staatspräsidenten verwandt – hatte in Europa Empörung ausgelöst. Alle Mitarbeiter von Özgür Gündem sind wegen angeblicher Unterstützung der als Terrororganisation eingestuften PKK angeklagt.

    Sie habe die Erzählungen von Opfern geschrieben, ohne auf die Täter zu schauen, verteidigte sich Asli Erdogan im Gerichtssaal. (Markus Bernath, 29.12.2016)

    • Erdogan-Kritiker und ausgewiesener Gülen-Gegner: Ahmet Sik.
      foto: linda say / dpa / picturedesk.co

      Erdogan-Kritiker und ausgewiesener Gülen-Gegner: Ahmet Sik.

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