Grasende Kämpfer gegen die Erwärmung

29. Dezember 2016, 17:49
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Rentiere helfen gegen den Temperaturanstieg in der Arktis, wie eine neue Studie zeigt: Indem sie Sträucher in der Tundra reduzieren, halten sie diese kühler

Umeå/Wien – 2016 kann mit seiner Ansammlung von Negativrekorden ohne Übertreibung zum Katastrophenjahr für die Arktis erklärt werden. Nach einem ohnehin schon ungewöhnlich warmen Winter schmolz rund um den Nordpol im Frühjahr und Sommer eine größere Eisfläche als jemals zuvor, was wiederum dazu führte, dass das Meer mehr Wärme speichern konnte.

Mittlerweile gehen Forscher davon aus, dass mit Winterbeginn gegenüber dem langjährigen Durchschnitt eine Eisfläche so groß wie Mexiko fehlte. Damit zumindest ein Teil davon zurückkehrt, bräuchte es nun einige halbwegs kalte Monate – doch davon sind wir weit entfernt: Derzeit kämpft der hohe Norden mit einer regelrechten Hitzewelle: Rund 20 Grad Celsius ist es dort wärmer als im langjährigen Schnitt.

Schützenhilfe im Kampf gegen die Erwärmung könnte nun von unerwarteter Seite kommen: Ausgerechnet Rentiere, die laut einer kürzlich präsentierten Studie besonders vom Klimawandel betroffen sind, haben das Potenzial, den Anstieg der Temperaturen direkt einzubremsen. Schwedische Forscher fanden im Experiment heraus, dass dies den Säugern aus der Familie der Hirsche gelingt, indem sie den Pflanzenwuchs der Tundra im Zaum halten.

Hilfreiches Fressverhalten

Die umherziehenden Herden aus oft mehreren Tausend Individuen ernähren sich hauptsächlich von Gras, Flechten und Moosen, verschmähen aber auch verholztes Gestrüpp nicht. Wie ein Team um Mariska te Beest von der Universität Umeå in Nordschweden nachgerechnet hat, verhindert vor allem Letzteres, dass sich Büsche und niederes Gehölz in der Tundra zu sehr ausbreiten.

Ihre Feldversuche in der Troms-Region im Norden von Norwegen konnten gemeinsam mit Computersimulationen zeigen, dass das Niederhalten der Sträucher die Oberflächenalbedo, also das Rückstrahlvermögen der arktischen Landschaft, merklich verstärkt. Laut der im Fachjournal "Environmental Research Letters" veröffentlichten Studie sorgen die Tiere speziell im Sommer dafür, dass die erhöhte Reflexion der Sonnenstrahlung die bodennahe Luft zu kühlen vermag.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Rentiere einen potenziellen Kühlungseffekt haben", meint te Beest. "Auch wenn die errechneten Unterschiede von durchschnittlich 4,4 Watt pro Quadratmeter klein erscheinen, so sind sie doch groß genug, um Konsequenzen für die regionale Energiebilanz zu haben."

Die Forscher sehen darin ein praktikables Werkzeug im Kampf gegen den Klimawandel und schlagen vor, mehr Rentiere in der Tundra frei weiden zu lassen. (Thomas Bergmayr, 29.12.2016)

  • Ein Wald aus Rentiergeweihen in der russischen Tundra nahe Krasnoje. Mehr frei grasende Rentierherden könnten die Effekte des Klimawandels auf die Arktis regional einbremsen.
    foto: reuters / sergei karpukhin

    Ein Wald aus Rentiergeweihen in der russischen Tundra nahe Krasnoje. Mehr frei grasende Rentierherden könnten die Effekte des Klimawandels auf die Arktis regional einbremsen.

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