Trumps Rebellion gegen das Establishment

29. Dezember 2016, 14:00
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Das Jahr 2016 wird als Jahr der Wahl von Donald Trump in die US-Geschichte eingehen. Dessen Erfolg war gleichzeitig ein Misstrauensvotum gegen die gesamte politische Kaste

Donald Trump kann nicht anders. Er muss sich noch einmal ergötzen an den langen Gesichtern der Moderatoren der Fernsehsender, die durch die Bank mit einem Sieg Hillary Clintons gerechnet hatten und in der Wahlnacht erleben mussten, wie falsch sie damit lagen. Ein paar Tage vor Weihnachten steht er auf einer Bühne in West Allis, einem Vorort der Stadt Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin, und lässt die Dramatik des 8. November noch einmal aufleben.

Gegen 17 Uhr, erzählt er, habe seine Tochter Ivanka erste interne Hochrechnungen gesehen und ihn angerufen: "Sorry, Dad, es sieht schlecht für dich aus." Dann die realen Ergebnisse, all die hartumkämpften Swing States, in denen er zum Sieger erklärt wird, Ohio, Florida, North Carolina. Dann holt er auch Pennsylvania, wo es 28 Jahre her ist, dass zuletzt ein Republikaner gewonnen hatte. Schließlich Wisconsin, die größte Überraschung, zumal seine Widersacherin Hillary Clinton geglaubt hatte, den Staat für sich gepachtet zu haben.

"Ich werde nie vergessen, wie der Bursche im Fernsehen, der seit Monaten erklärt hatte, es gebe für Donald Trump keinen Weg, um die Mehrheit von 270 Wahlmännern zu erreichen, das Resultat aus Wisconsin verkündete", blendet der Milliardär zufrieden zurück. "Und wie er sagte, Hillary Clinton hat keine Chance mehr, auf 270 zu kommen." Der süffisante Ton, das breite Grinsen: Trump genießt ihn noch immer, seinen großen Coup.

Es war ein Misstrauensvotum gegen die politische Klasse, ein Votum gegen die Globalisierung, ein Beleg dafür, wie tief Amerika gespalten ist in liberale Großstädte und eine eher konservative Provinz. Flyover Country, das Land, über das Menschen aus New York oder San Francisco auf dem Weg zur jeweils anderen Küste hinwegfliegen, ohne es zu kennen, hat den Eliten den Stinkefinger gezeigt.

Es ist mehr als nur einer der üblichen Regierungswechsel, wie sie die USA meist erleben, wenn die eine der beiden großen Parteien acht Jahre im Weißen Haus an der Macht war. Trumps Rebellion richtet sich gegen das Washingtoner Establishment, gegen die Platzhirsche beider Parteien.

Abneigung gegen Erbfolgen

Trump profitiert davon, dass die traditionellen Institutionen des Landes – Kongress, Kirche, Medien, Gewerkschaften, Banken, der Oberste Gerichtshof – so wenig Vertrauen genießen wie noch nie in der jüngeren Geschichte der USA (die einzige Ausnahme bildet die Armee). Er profitiert davon, dass seine Gegenspielerin Hillary Clinton wie kaum jemand sonst für diese Elite steht. Letztlich profitiert er auch davon, dass zwei politische Dynastien gegen ihn antreten und manchmal, so wie 2016, die uramerikanischen Reflexe mit ihrer Abneigung gegen Erbfolgen tatsächlich funktionieren. Erst beerdigt er die Ambitionen des Bush-Clans, deren Hoffnungsträger Jeb schon bei den Vorwahlen keinen Stich sieht, schließlich die der Clintons.

Es passiert etwas, wogegen die Vereinigten Staaten immun zu sein glaubten, auch noch im Juni, als eine Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hatte. Ausgerechnet in dem Land, das sich seit 1945 als Architekt und Garant der westlichen, der liberalen Weltordnung versteht, kehrt der aggressive Nationalismus ins Oval Office zurück.

Trump ist der Präsident der Abgehängten und Verunsicherten, der wütenden weißen Arbeiterschaft im sogenannten Rostgürtel, die mit Freihandel und Globalisierung den Verfall einst stolzer Industrieregionen verbinden, der unteren weißen Mittelschicht mit ihren Abstiegsängsten, die den demografischen Wandel als Bedrohung empfindet und sich zurücksehnt nach der verklärten, vermeintlich heilen Welt der 1950er-Jahre.

In dem ruppigen Bauunternehmer, so beschreibt es der Filmemacher Michael Moore, haben diese Leute einen Molotowcocktail gefunden, eine menschliche Handgranate, die sie in das Gebäude eines Systems schleudern können, das sie in den Ruin treibt. Sie stören sich nicht daran, dass er sich einer vulgären Sprache bedient, praktisch keine Einkommensteuer zahlt, vor Jahren damit prahlte, Frauen ungestraft zwischen die Beine fassen zu können, weil er ein Star sei. Besser gesagt, sie nehmen es in Kauf, weil sie sich von dem Populisten mit der Baseballkappe eine Art Wandel mit der Brechstange erhoffen. Als Hillary Clinton sagt, man könne die Hälfte der Trump-Anhänger in einen "Korb der Beklagenswerten" sortieren, ist es eine Steilvorlage für ihren Kontrahenten. Fortan sieht man auf jeder Kundgebung Trumps T-Shirts mit trotzigen Aufschriften – "I'm a proud deplorable", auf Deutsch "Ich bin ein stolzer Beklagenswerter".

Fanatiker im Windschatten

Der Geschäftsmann und einstige Realityshowstar erreicht nicht nur traditionelle Wähler der Republikaner, er erreicht auch viele, die sich von der Politik abgewandt hatten. In seinem Windschatten fahren weiße Überlegenheitsfanatiker, darunter Neonazis. Sie fühlen sich bestärkt, weil sich der Kandidat während der Vorwahlen weigerte, sich vom Ku-Klux-Klan zu distanzieren. Trump spielt Menschen gegeneinander aus, er schürt Ressentiments. Er hetzt gegen Mexikaner und kündigt an, Muslimen die Einreise in die USA zu verbieten. Auch wenn er heute gern den Staatsmann gibt: Mit demagogischer Stimmungsmache hat es angefangen, als er im Juni 2015 auf einer Rolltreppe ins Foyer seines New Yorker Hochhauses fuhr, um seinen Hut in den Ring zu werfen. (Frank Herrmann aus Washington, 29.12.2016)

  • Trump genießt ihn noch immer, seinen großen Coup.
    foto: ap photo/evan vucci, file

    Trump genießt ihn noch immer, seinen großen Coup.

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