Aus dem Land der Einzelkinder

Rezension27. Dezember 2016, 16:56
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Der Brite Alec Ash hat sechs chinesische Altersgenossen drei Jahre lang begleitet und porträtiert

Allein schon die Anzahl ist schwer vorstellbar: Über 300 Millionen Menschen machen Chinas Millennials aus. Damit entsprechen die Chinesen, die zwischen 16 und 30 Jahre alt sind, zahlenmäßig nahezu der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten. Es ist eine Gruppe, die aufgrund der Ein-Kind-Politik größtenteils aus Einzelkindern besteht, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die von rasantem Wandel und enormem Konkurrenzkampf geprägt ist. Der Brite Alec Ash, 1986 geboren und damit selbst Vertreter dieser Generation, hat sechs chinesische Altersgenossen drei Jahre lang begleitet und porträtiert diese in seinem Buch Die Einzelkinder.

Ash lebt als Korrespondent der Los Angeles Review of Books in Chinas Hauptstadt Peking, zuvor hat er für den Economist, für Salon und Foreign Policy geschrieben. Ash erzählt nicht nur Geschichten über die Millennials der Volksrepublik, sondern zusätzlich auch eine über ihre Heimat, weshalb man beim Lesen mehr mitnimmt, als man bei einer rein politischen Analyse könnte. Ash beschreibt etwa den Druck, der auf dieser Generation lastet, aber auch, wie verwöhnt sie mitunter sein kann. Dass ihre Eltern zwar die Geschichten aus der Zeit der Hungersnot und des ideologischen Irrsinns während des Großen Sprungs nach vorn und der Kulturrevolution kennen, ihnen diese aber nicht weitererzählen, weil sie sich einzig dafür interessieren, wie sie der nächsten Generation ein Leben in Wohlstand ermöglichen können.

Und der Leser erfährt unter anderem auch, dass in China die Grundvoraussetzung für Netzwerken eine "Leber aus Stahl" ist. Dass Englisch in den Schulen so gelehrt wird, dass die meisten nach zwölf Jahren Unterricht zwar einen Fachaufsatz analysieren, aber im Gespräch mit einem Muttersprachler keine zwei Sätze aneinanderreihen können. Oder auch, dass Lehrer mitunter bei Tests prinzipiell null Punkte verteilen, wenn die Antworten ihrer Schüler zu kreativ ausfallen. (Anna Giulia Fink, 27.12.2016)

Alec Ash, "Die Einzelkinder. Wovon Chinas neue Generation träumt". 24,70 € / 230 Seiten. Hanser Berlin, Carl-Hanser-Verlag, München 2016

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