Dobrindt fordert von Autobranche Abgas-Selbstverpflichtung

27. Dezember 2016, 16:55
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Die Autohersteller könnten selbst schneller mehr tun als der Gesetzgeber das verlangt, meint der deutsche Verkehrsminister

Berlin/Wolfsburg/Wien – Aufgescheucht von "Dieselgate" fordert der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mehr Initiative von der Autobranche und realistischere Abgaswerte. Solange die gesetzlichen Neuregelungen auf EU-Ebene nicht umgesetzt seien, sollten die Automobilkonzerne eine freiwillige Selbstverpflichtung eingehen und "die aktuell noch zulässigen Spielräume bei den Messprozeduren nicht ausschöpfen", zitierte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) den Minister am Dienstag.

Teil einer solchen Zusage sollten neben Labortests auch vergleichbare Messungen im realen Straßenverkehr sein. "Das könnte man auf einer definierten Strecke von 100 Kilometern Länge mit Streckenanteilen innerorts und außerorts machen", sagte Dobrindt. Wenn mehrere Hersteller auf dieser Strecke Verbrauchstests machten und die Ergebnisse online veröffentlichten, ließen sich die Ergebnisse vergleichen.

Neues Abgasregime ab September

Was genau – außer einer Imagepolitur – eine solche Selbstverpflichtung bringen soll, ließ der Minister freilich offen. Im September kommt ohnehin das neue Abgasregime RDE (Real Drive Emissions) mit realitätsnäheren Tests und weniger Schlupflöchern für Autobauer.

"Ich erwarte an dieser Stelle ein deutlich offensiveres Vorgehen der Autoindustrie", sagte Dobrindt. "Das würde verlorengegangenes Vertrauen wieder aufbauen." Auch wenn die EU mit Nachdruck an neuen Standards arbeite, sei das ein langwieriger Prozess. Daher müsse die Autoindustrie von sich aus etwas tun, denn die bisherigen Regelungen ließen zu viel Spielraum, den manche Hersteller weidlich ausgenutzt hätten. "Heute kann der schlechteste Ingenieur mit dem schlechtesten Motor die größten Ausnahmen für sich in Anspruch nehmen. Das darf nicht sein."

EU-weit strengere Regeln gefordert

Auf EU-Ebene plädiert Dobrindt – wie sein österreichischer Amtskollege Jörg Leichtfried (SPÖ) auch – für Strenge. Abschaltungen der Abgasreinigung, wie sie derzeit zum Schutz des Motors legal sind, dürften künftig nur akzeptiert werden, wenn es beim Einsatz "bester verfügbarer Technologien" nach Stand der Technik keine Alternativen gebe. "Ich bin sehr unzufrieden, dass wir auf europäischer Ebene noch immer keine Einigung erreichen konnten."

Ergänzend zu den umstrittenen Labortests des NEFZ-Standards (Neuer europäischer Fahrzyklus), die bei 20 bis 22 Grad in geschlossenem Raum 20 Minuten lang mit 120 km/h auf einem Rollenprüfstand durchgeführt werden, kommen ab September mit der Worldwide Harmonized Light Vehicle Test Procedure (WLTP) schrittweise Messungen auf der Straße (RDE) hinzu. WLTP bildet die realen Fahrverhältnisse besser ab, weil nicht nur vier Kilometer Stadtfahrt, sieben Autobahn- und Bundesstraßenkilometer simuliert werden, sondern mehr Tempo, Beschleunigung und Bremsvorgänge inkludiert sind, wodurch Topografie, Fahrweise und Start-Stopp-Automatik weniger ins Gewicht fallen.

Autoindustrie gegen Verschärfungen

Die Autoindustrie warnte prompt vor einer neuerlichen Verschärfung der Abgasregelungen. Europa habe bereits die strengsten CO2-Grenzwerte weltweit, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann dem Tagesspiegel. "Die EU sollte mit Augenmaß agieren und die Regulierungsschraube nicht einseitig zulasten der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hersteller überdrehen." (Luise Ungerboeck, 27.12.2016)

  • Alexander Dobrindt (links) lässt sich von VW-Markenchef Herbert Diess die Softwarereparatur zeigen, mit der Volkswagen "Dieselgate" aus dem Weg räumen will. Nun drängt er zu weiteren Maßnahmen.
    foto: afp/tobias schwarz

    Alexander Dobrindt (links) lässt sich von VW-Markenchef Herbert Diess die Softwarereparatur zeigen, mit der Volkswagen "Dieselgate" aus dem Weg räumen will. Nun drängt er zu weiteren Maßnahmen.

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