Mumienporträts: Antike Passbilder für die Reise ins Jenseits

    30. Dezember 2016, 09:00
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    Die Mumienporträts aus Ägyptens römischer Epoche gehören zu den wenigen erhaltenen Porträtmalereien der Antike

    Wien – Als der französische Arzt und Sammler Daniel Marie Fouquet im Jahr 1887 in Kairo von einem Fund zahlreicher Porträtgemälde in einer Höhle in der ägyptischen Oase Fayum erfährt, macht er sich auf den Weg in das Becken auf der Westseite des Nils. Doch er kommt zu spät: Die Finder haben den Großteil der ursprünglich rund 50 bemalten Tafeln bereits als Brennholz verwendet – lediglich zwei Bilder kann Fouquet erwerben.

    Ein anderer hat kurz darauf mehr Glück: Der Wiener Kunsthändler Theodor Graf, der seit 1881 in Ägypten nach Papyri und antiken Textilien sucht, kann mehr als 300 Porträts in seinen Besitz bringen. Diese zeigt er auf Verkaufsausstellungen in Europa und den USA. Ein großer Teil der in internationalen Sammlungen befindlichen Bildtafeln geht auf Graf zurück. Auch die Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek stammt aus den Erwerbungen des Händlers.

    Realistische Porträts

    Die Mumienporträts stammen aus einer verhältnismäßig kurzen Phase in der römischen Epoche Ägyptens. Die ältesten Stücke werden in die Zeit Kaiser Tiberius' um das Jahr 30 datiert, während die jüngsten vom Ende des dritten Jahrhunderts stammen. Sie wurden entweder in den Grabkammern aufgestellt oder mit Leinenbinden über dem Gesicht des Toten in die Mumie integriert, wovon heute noch harzige Klebespuren an den Rändern der Tafeln zeugen. Die realistisch gemalten Porträts dienten in der Glaubenswelt der Menschen einem Passbild gleich der Wiedererkennung der Seele im Jenseits.

    foto: khm
    Die "Dame mit Nestfrisur" datiert zwischen 117 – 138 n. u. Z. und stammt aus er-Rubayat. Enkaustik auf Lindenholz. Mitte: Die UV-Fluoreszenz lässt die für den Umhang eingesetzte Färberröte deutlich hervortreten. Rechts: durch sichtbares Licht induzierte Infrarot-Lumineszenz lässt jene Stellen des Gesichtes aufleuchten, die mit Ägyptisch Blau abschattiert wurden.

    Insgesamt sind heute 1028 Mumienporträts bekannt, die in Museen und privaten Sammlungen über die ganze Welt verstreut sind. Es sind fast die einzigen erhaltenen Belege für die Porträtmalerei der Antike, zum überwiegenden Teil stammen sie aus den Nekropolen Er-Rubayat und Hawara in der Oase Fayum. In der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien befinden sich immerhin zehn Tafeln. Mit diesen nimmt das KHM unter der Leitung der Restauratorin Bettina Vak an einer internationalen Plattform teil, die sich die Erforschung und Untersuchung der Porträts zum Ziel setzt. Das Projekt "Appear", das Akronym steht für "Ancient Panel Painting: Examination, Analysis and Research", ist auf fünf Jahre angesetzt und wurde 2013 vom Department of Antiquities Conservation des J.-Paul-Getty-Museums in Los Angeles initiiert.

    Datenbank

    In einer gemeinsamen Datenbank der rund zwei Dutzend teilnehmenden Institutionen werden alle Informationen zu den Bildtafeln zusammengetragen, um so eine vergleichende Erforschung der Stücke zu ermöglichen. Dies beginnt bei der Funddokumentation und der Provenienz und führt über individuelle Stile der Künstler, Frisuren-, Schmuck- und Kleidungsmoden und die Beschreibung der Erhaltung und Bearbeitung bis hin zu naturwissenschaftlichen Untersuchungen der verwendeten Materialien. Beim Start von Appear lag die Zielsetzung bei der Untersuchung von rund zehn Prozent aller bekannten Mumienporträts. Mittlerweile wurden bei Halbzeit des Projektes bereits 249 Stücke erfasst, das Ziel wurde also weit übertroffen.

    Importiertes Holz

    Für die Untersuchung der verwendeten Hölzer wurde Caroline Cartwright vom British Museum eingeladen. Drei Viertel aller bisher untersuchten Tafeln wurden aus dem Holz der Linde hergestellt, welche in Ägypten nicht heimisch ist und daher aus Europa importiert werden musste. Bei den Stücken des KHM trifft dies nur auf drei zu, während sechs aus Maulbeerfeige und eines aus der Tamariske hergestellt wurde. Tamariskenholz ist sehr insektenanfällig, was eine Erklärung für geringere Verwendung, aber auch für seltenere Erhaltung sein kann. Die Maulbeerfeige wiederum wurde schon früher bei der Begräbniszeremonie eingesetzt, unter anderem für Sarkophage.

    Die Porträts wurden in zwei unterschiedlichen Techniken gefertigt: Zum einen wurde die Temperamalerei eingesetzt, bei der die Pigmente mit einer Emulsion aus Wasser und Öl gebunden werden. Das Bindemittel wäre nur mithilfe einer Probenentnahme zu bestimmen, doch die Stücke des KHM sollen im Wesentlichen nur mit zerstörungsfreien Methoden untersucht werden.

    Die zweite Maltechnik ist die Enkaustik, eine sehr aufwendige Methode, die in der griechisch- römischen Antike ihre Blütezeit hatte. Dabei werden die in Wachs gebundenen Farbpigmente mit einem Spatel heiß auf den Untergrund aufgetragen und feinere Details mit spitzeren Werkzeugen herausgearbeitet. Die so geschaffenen Porträts zeigen eine hohe Plastizität, die Leuchtkraft der Farben ist auch nach fast zwei Jahrtausenden ungebrochen.

    foto: khm
    Der "Junge Mann mit Blattkranz" wurde im zweiten Viertel des zweiten Jahrhunderts gemalt und ebenfalls in er-Rubayat gefunden. Tempera auf Tamariskenholz. Mitte: Die UV-Fluoreszenz-Aufnahme zeigt die Verwendung von Färberröte im Gesicht. Rechts: im nahen Infrarotlicht werden Retuschen sichtbar.

    Details sichtbar machen

    Die Pigmente selbst werden mithilfe der Röntgenfluoreszenz-Analyse untersucht. Damit können sowohl rezente Retuschen als auch die verwendete Pigmente nachgewiesen werden. Diese Resultate der Untersuchungen wurden mittels wissenschaftlicher Fotografie durch die Spezialistin Roberta Iannaccone bestätigt. Dabei entstanden Bilderserien in den verschiedensten Wellenlängen von Infrarot bis Ultraviolett. Auch bestimmte Bilddetails, die mit freiem Auge kaum zu erkennen sind, können sichtbar gemacht werden, wenn sie beispielsweise unter UV-Licht fluoreszierend aufleuchten. Bei dem jungen Mann mit dem Blattkranz kann so die Verwendung des pflanzlichen Pigments der Färberröte, sichtbar an Wangen, Kinn, Nase und Stirn, nachgewiesen werden. Eine Besonderheit stellt der Nachweis der Verwendung von Ägyptisch Blau dar. Dabei handelt es sich um einen der ältesten künstlich hergestellten Farbstoffe, der schon vor 4500 Jahren im Alten Reich Ägyptens benutzt wurde. Bei dem Bild der Dame wurde er für die Schattierung von Stirn und Wangen eingesetzt. (Michael Vosatka, 29.12.2016)

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