Datenbrille: Sehen, Hören, Spüren in der virtuellen Welt

29. Dezember 2016, 09:00
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Ein Karton, zwei Linsen und ein Smartphone: Um zwei Euro kann sich jeder eine Datenbrille basteln und in die virtuelle Realität eintauchen

Innsbruck – Als der Suchmaschinenriese Google 2014 eine Kartonvorrichtung vorstellte, in die man ein Smartphone einschieben kann, stieß das unter Technikfreaks rasch auf Begeisterung: Mit dem Google-Cardboard-Bausatz aus Karton und zwei Linsen konnte man sich plötzlich für wenige Euro eine Datenbrille für Virtuelle Realität (VR) basteln, die zuvor nur um ein Vielfaches davon erhältlich war.

Kartongestelle, in die man sein Smartphone einspannen kann, funktionieren wie die teureren Modelle: Jedes Auge wird mit einem separaten (Bewegt-)Bild bedient, das Handy misst die Kopfbewegungen, und das Gehirn setzt die Bilder zu einer Einheit zusammen. Die billigste Version für das Cardboard ist ab zwei Euro zu haben. Stabilere Ausführungen aus Plastik kosten um die 80 Euro. Herkömmliche Datenbrillen kosten dagegen zwischen 700 und 900 Euro, schnelle Grafikkarten und ausreichend Speicher lassen den PC-Preis auf 2.000 und mehr Euro ansteigen.

Brille mit Wow-Effekt

Lässt sich trotz der einfachen Bauweise dennoch ein gleichwertiges Erlebnis von virtueller Realität erzeugen? Am neu gegründeten Interaction Lab des Management Center Innsbruck haben Stephan Schlögl und sein Team das Cardboard auf seine Akzeptanz hin untersucht. "Ein Wow-Effekt ist eindeutig feststellbar", sagt Schlögl. Auch mit den kostengünstigen Datenbrillen aus Karton könne man das tun, was teure Alternativen anbieten: virtuelle Spielewelten durchqueren, virtuell Wohnungen besichtigen, den menschlichen Körper erkunden, Google Streetview in neuer Perspektive erleben oder sich virtuell auf die Jesusstatue in Rio stellen und einen 360-Grad-Rundumblick genießen.

Die Billigvariante teilt dabei freilich den Nachteil mit anderen Virtuell-Reality-Simulationen, die nur den Sehsinn bedienen. Nach fünf bis zehn Minuten kann dem User schlecht und schwindlig werden. Dann hat die "Simulation-Sickness" zugeschlagen. Das spreche aber laut Schlögl grundsätzlich nicht gegen die Massentauglichkeit der günstigen VR-Brillen. Denn für kurze Spiele oder Promotionvideos würde sie sich dennoch eignen, zeigen Schlögls Akzeptanzstudien.

Einsatzmöglichkeiten

Zum Beispiel im Tourismusbereich könnten sich neue Chancen ergeben. Virtuelle Zimmer- und Hotelbesichtigungen oder Promotionvideos für Destinationen wären dabei mögliche Anwendungen. Spezielle Erlebnisse könnten für den Massenmarkt aufbereitet werden. Zum Beispiel die Streif in Kitzbühel in einem virtuellen Setting hinunterzurasen. Schlögl würde es nicht wundern, wenn es diese oder ähnliche Apps in naher Zukunft geben würde. Entwickler und Filmfirmen stünden in den Startlöchern.

Weitere Promotionvideos könnten auch für die Präsentation von Hochschulen oder anderen Bildungseinrichtungen eingesetzt werden. User können dann virtuell einen Hörsaal betreten und an einer Vorlesung oder einem Vortrag teilnehmen. Die Beschränkung dabei: Simulation-Sickness.

Fehlende Details

Die "Low Cost VR" hat freilich noch andere Schwachstellen: Bei Studien hinsichtlich virtueller Besichtigungen von Wohnungen hat man im Interaction Lab zweischneidige Erfahrungen gemacht: Test-User bewerteten eine reale Besichtigung noch immer höher als eine virtuelle Besichtigung. Und auch Fotos einer Wohnung hatten im Vergleich zum virtuellen Rundgang die Nase vorn. "Es fehlt noch an den virtuellen Details", sagt Schlögl. Denn mit dem Cardboard kann man eben eine virtuelle Zimmertüre nicht mit der Hand öffnen, sondern muss das Programm mit dem Blick auf die Türschnalle dazu bewegen, dass sie sich öffnet. Das sei zwar leicht zu erlernen, aber fühlt sich eben noch nicht so echt an wie die Realität.

Doch Entwickler könnten bald mit ausgereifteren Apps überraschen. Schlögl: "Man kann gespannt sein, was in der nächsten Zeit auf den Markt kommen wird."

Mit etwas Fantasie ließe sich die kostengünstige Datenbrille denn auch leicht verbessern, meint Schlögl. Man müsste dafür nur Mittel und Wege finden, um mehr Sinne in die virtuelle Realität zu bringen. Zum Beispiel könnten Autohersteller virtuelle Probefahrten in Kombination von Datenbrille mit Kopfhörer und einer Smart-Watch anbieten. Die könnte mittels Vibrieren das virtuelle Schalten simulieren. Mit Sehen, Hören, Spüren hätte man dann schon drei Sinne bedient. Wie aber die Simulation-Sickness nachhaltig bekämpft werden kann, ist noch unklar. (Norbert Regitnig-Tillian, 29.12.2016)

  • Das Google-Cardboard, ein Kartongestell  für das Smartphone, bietet kostengünstig  ein virtuelles  3-D-Seherlebnis. Nach einigen Minuten kann einem aber dabei ziemlich schwindelig werden.
    foto: picturedesk / ap / mark lennihan

    Das Google-Cardboard, ein Kartongestell für das Smartphone, bietet kostengünstig ein virtuelles 3-D-Seherlebnis. Nach einigen Minuten kann einem aber dabei ziemlich schwindelig werden.

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