Caritas-Präsident Landau: "Meistens ist die eigene Heiligkeit überschaubar"

26. Dezember 2016, 17:50
638 Postings

Michael Landau warnt vor lähmender Angst, nationaler Kraftmeierei und der Verluderung des Rechtsstaates

STANDARD: Vor einem Jahr bilanzierten Sie, dass Österreich bei der Flüchtlingshilfe eine "unglaublich ermutigende Renaissance der Zivilgesellschaft" erlebt habe. Seither hat sich die Stimmung offenbar ziemlich gedreht. Wie haben Sie das abgelaufene Jahr erlebt?

Landau: Natürlich war 2016 ein Jahr mit mehr Schatten als Licht, das gilt – vom Brexit über die Wahl Donald Trumps in den USA bis zum Putschversuch in der Türkei – gerade dann, wenn ich über die Grenzen Österreichs hinausblicke. Insofern kann das Jahr 2017 nur besser werden.

STANDARD: Sind Sie da sicher?

Landau: Ich verlasse mich da nicht aufs Bleigießen, sondern darauf, was ich täglich an Engagement und Mitmenschlichkeit erlebe. Die Renaissance, von der ich gesprochen habe, ist keinesfalls verblichen. Zu den 40.000 Freiwilligen, die schon lange bei uns engagiert sind, haben sich noch einmal 15.000 gemeldet. Und ich habe viele ermutigende Beispiele erlebt, wie Gemeinden Menschen auf der Flucht unterstützen.

STANDARD: Tatsächlich? "Willkommenskultur" wird heute doch vielfach als Schimpfwort gehandelt – wohl umso mehr nach dem Anschlag in Berlin.

Landau: Berlin macht fassungslos. Getroffen sind hier auch Werte, auf die wir uns zu Recht berufen: Solidarität und Mitmenschlichkeit. Ich glaube: Gerade jetzt ist es umso wichtiger, dass wir uns auf unsere Stärken fokussieren. Nichts hemmt solidarisches Handeln mehr als Angst. Für spürbar mehr Menschen dreht sich die Welt heute schneller, die Gleichzeitigkeit vieler Dinge wird als Bedrohung empfunden. Das Irritierende der Welt bekommt im Fremden ein Gesicht, etwa in den Bildern jener Menschen, die im Herbst 2015 unkontrolliert über die Grenzen nach Österreich gelangt sind. Die Wut hat sich auf diese Menschen fokussiert, doch was vorlag, war Politikversagen. Ein Beispiel: Auf jedem Flughafen gelingt es, tausende Menschen geordnet abzufertigen, an der Grenze geschah das nicht. Stattdessen begab sich die Regierung mit ihrer Debatte über ein "Türl mit Seitenteilen" auf die Bühne der Peinlichkeiten.

STANDARD: Hat es die Regierung im abgelaufenen Jahr nicht besser gemacht?

foto: matthias cremer
Landau: "Die einzige Spaltung, die wir als Caritas wahrnehmen, ist jene zwischen Arm und Reich."

Landau: Es sollte mehr für Ermutigung und Entängstigung getan werden als für das Gegenteil. Irritiert hat mich, wie viel Energie in Notstandsverordnungen ohne Notstand gesteckt wurde statt in Solidaritätsverordnungen auf europäischer Ebene. Wer sich im Land umsieht, weiß: Von einem Notstand kann keine Rede sein.

STANDARD: Das nicht. Aber der Arbeitsmarkt ist überlastet, und so manche Schule wirkt überfordert.

Landau: Ja, wir sind gefordert. Aber die Anzahl der Asylanträge liegt heuer unter jener von 2003, und auch da hat die Republik stattgefunden, und zwar ohne Ächzen und Stöhnen. Insgesamt gesehen gibt es in Europa keine Flüchtlingskrise, sondern eine Solidaritätskrise. Hier kommen wir mit Kraftmeierei und dem Hochziehen von Grenzen nicht weiter. Armut und Hunger machen an Grenzen nicht halt. Wer sich Bilder aus Aleppo ansieht, muss erkennen: Ein Teil der Debatte, die wir in Europa führen, ist angesichts dieser humanitären Katastrophe ungeheuer abgehoben.

STANDARD: Man könnte den Spieß auch umdrehen: Die europaweite Verteilung der Flüchtlinge lässt sich leicht fordern, doch es gibt in der EU nun einmal keine Einigung. Also hat Österreich eigenmächtig dem Andrang Grenzen gesetzt. Ist da nicht die Haltung der Caritas, die von der Obergrenze bis zur Notverordnung sämtliche Restriktionen abgelehnt hat, abgehoben?

Landau: Abgehoben ist der Glaube, dass wir uns dieser größten Not seit dem Zweiten Weltkrieg entziehen können. Klar ist, dass einige wenige Länder wie Deutschland, Österreich und Schweden die Verantwortung auf Dauer nicht allein tragen können. Aber ich habe die dramatische Situation in Flüchtlingslagern im Libanon gesehen und verstehe, wenn eine Mutter ihren Kindern nicht beim Verhungern zusehen möchte. Ein Grund, warum so viele Menschen ihre Heimat verlassen haben, war auch, dass die Mittel des World Food Programme massiv gekürzt wurden. Wenn wir also von Hilfe vor Ort reden, dann sollten wir diese ausbauen. Ich bin ja dankbar, dass Österreich die bilaterale Entwicklungshilfe erhöhen wird. Doch da geht es um Millionenbeträge im niederen zweistelligen Bereich in Zweijahresschritten – gleichzeitig bekommen Heer und Innenministerium jeweils eine Milliarde zusätzlich zugesichert. Da stimmen die Proportionen nicht.

STANDARD: Auch eine massive Aufstockung der Entwicklungshilfe würde das akute Flüchtlingsproblem so schnell nicht lösen. Die Frage ist: Welche andere Wahl hätte die Regierung konkret gehabt, als nationale Schranken zu setzen?

Landau: Ich habe die gleiche Energie, die in nationale Maßnahmen investiert wurde, beim Einsatz für die europäische Lösung vermisst. Auf Ebene der heimischen Politik wünsche ich mir eine Defokussierung. Im Vorjahr hatte man den Eindruck, die Regierung würde aus 16 Asylexperten bestehen, andere Sorgen blieben auf der Strecke. Wir haben heuer 30.000 Asylanträge, aber etwa 220.000 Menschen in Wohnungen, die sie nicht angemessen heizen können – auf die im Regierungsprogramm versprochene Reform des Mietrechts warten diese Menschen bis heute. Oder: 400.000 Menschen gelten als akut arm, und jeder fünfte von 1,1 Millionen Schülern wird dieses Interview nicht sinnerfassend lesen können.

STANDARD: Wird das Flüchtlingsthema absichtlich über alles gestülpt?

Landau: Ja. Es geht darum zu emotionalisieren, eine Politik der Gefühle 2.0 zu betreiben und Gruppen gegeneinander in Stellung zu bringen.

STANDARD: Den Verdacht könnte man auch bei der Mindestsicherungsdebatte haben ...

Landau: Ich hoffe, dass hier wieder ein Stück Rationalität einkehrt. Klar ist, die Menschenwürde ist in der Steiermark dieselbe wie in Wien. Daher wäre auch eine bundesweit einheitliche Regelung sinnvoll.

STANDARD: Ein Argument lautet: Die Mindestsicherung sei zu hoch, sodass der Anreiz zum Arbeiten fehle. Was erwidern Sie da?

Landau: Dass die Arbeitseinkommen zu niedrig sind. Nur knapp ein Prozent des gesamten Sozialbudgets wird für die Mindestsicherung ausgegeben. Es ist naiv zu behaupten: Die Republik könnte an diesem einen Prozent gesunden. Mein Eindruck ist ein anderer: Die einzige Spaltung, die wir als Caritas wahrnehmen, ist jene zwischen Arm und Reich. Das lässt sich auch durch Zahlen untermauern. Etwa ein Prozent der Bevölkerung besitzt mehr als 37 Prozent des Gesamtvermögens. Darüber gehört geredet. Die Leidenschaft, mit der diskutiert wird, ob die Ärmsten nicht zu viel bekommen, scheint eher dem Wunsch geschuldet zu sein, andere Fragen nicht zu diskutieren.

STANDARD: Und das funktioniert?

Landau: Ja, auf erschreckende Weise. Und es schadet dem Gesamtzusammenhalt des Landes. Es geht einer Mindestpensionistin nicht besser, wenn es einer Mutter, die mit einem Kind nach Österreich geflohen ist, schlechter geht. Hier findet eine Entsolidarisierung statt.

STANDARD: Fällt der Plan, die Familienbeihilfe für Kinder, die im Ausland leben, einzukürzen, für Sie auch unter diese Kategorie?

Landau: Auch hier wird europäische Solidarität zurückgenommen. Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass wir uns an europäisches Recht halten – und demnach sollte dieser Plan nicht umgesetzt werden.

STANDARD: Laut Experten verletzt aber auch die gekürzte Mindestsicherung in Oberösterreich geltendes Recht.

Landau: All das sind Beiträge zur Verluderung des Rechtsstaates. Prioritär ist, wie es uns gelingt, in Österreich den Sozialstaat zukunftstauglich zu gestalten und in Europa von einer Wirtschafts- zu einer Solidarunion zu kommen. Wenn für die Rettung der Banken 1,6 Billionen Euro eingesetzt worden sind, wäre es dann nicht auch möglich, den Europäischen Sozialfonds zu stärken? Mir fällt auf, wie intensiv die Finanztransaktionssteuer auch in Österreich diskutiert worden ist und wie wirksam sie weglobbyiert wurde. Die Debatte darüber oder über eine europäische Arbeitslosenversicherung gehört wiederbelebt.

STANDARD: Das klingt alles ein bisserl antizyklisch. In Europa gibt es viele Stimmen, die vor einem Zerfall der EU warnen.

Landau: Angesichts der zunehmenden Unübersichtlichkeit ist die Versuchung da, auf das Hochziehen von Grenzen zu setzen. Aber die Aufgaben, vor denen wir stehen – Stichwort Klimawandel, Flucht, Hunger, Armut -, werden sich nur gemeinsam bewältigen lassen. Weltweit betrachtet muss jedem klar sein: Wohlstandsinseln in einem Meer von Armut sind auf Dauer sicher nicht stabil.

STANDARD: Eine Frage an den Theologen: Ist das Motiv, warum Menschen in anderen Ländern geholfen wird, egal?

Landau: Meistens ist die eigene Heiligkeit überschaubar. Wenn jemand für einen anderen Menschen da ist und sich engagiert, freue ich mich, dass es passiert. (INTERVIEW: Gerald John, Peter Mayr, 27.12.2016)

Michael Landau, geboren am 23. Mai 1960 in Wien, ist Wiener Caritas-Direktor und seit dem Jahr 2013 auch Präsident der Caritas Österreich. Kürzlich ist sein Buch "Solidarität" im Brandstätter-Verlag erschienen.

  • Landau: "Die einzige Spaltung,  die wir als Caritas wahrnehmen,  ist jene  zwischen  Arm und Reich."
    apa/helmut fohringer

    Landau: "Die einzige Spaltung, die wir als Caritas wahrnehmen, ist jene zwischen Arm und Reich."

Share if you care.