"Otto Dix – Alles muss ich sehen!": Von messerscharf bis liebenswürdig

26. Dezember 2016, 17:00
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Zum 125. Geburtstag von Otto Dix zeigt das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen Werke aus allen Schaffensperioden des Künstlers

Das Zeppelin-Museum in der deutschen Bodenseestadt Friedrichshafen ist, wie sich aus dem Namen unschwer erkennen lässt, der Luftschifffahrt gewidmet. Auf mehr als 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zeigt man die Geschichte von Zeppelin und Co. Weniger bekannt ist, dass der frühere Hafenbahnhof, ein denkmalgeschütztes Bauhaus-Gebäude, auch eine umfangreiche Kunstsammlung birgt.

Ein Fokus liegt auf Werken von Künstlern, die den Nationalsozialisten als "entartet" galten. Als Reaktion auf Diffamierung, Lehr- und Ausstellungsverbote hatten sich Künstler wie Max Ackermann, Willi Baumeister oder Otto Dix in die innere Emigration an den Bodensee zurückgezogen, zahlreiche ihrer Werke werden im Zeppelin-Museum gehütet.

Zum 125. Geburtstag von Otto Dix (1891–1969) holte man nun die umfangreiche Dix-Sammlung aus dem Depot. Im Zeppelin-Museum, durch den Technikschwerpunkt wahrscheinlich etwas zahlenverliebt, verweist man stolz auf deren Umfang: 400 Arbeiten, darunter 21 Gemälde, 110 Zeichnungen und 275 Grafiken. Ganz wörtlich hat man den Ausstellungstitel "Alles muss ich sehen!" dann doch nicht genommen und sich auf eine Auswahl beschränkt.

Kuratorin Ina Neddermeyer versammelt Lithografien und Gemälde aus allen Dix’schen Schaffensperioden und Themenkreisen, der Titel der Ausstellung bezieht sich auf ein Dix-Zitat, mit dem dieser seinen freiwilligen Dienst an der Front des Ersten Weltkriegs, aber auch seinen scharfen Blick auf Milieus und Lebensumstände kommentierte: "Ich will alles sehen, auch das Unsympathische, das ganz stinkig Dreckige, alle Untiefen des Lebens."

Erotik unter Verschluss

Otto Dix zeichnete die zerrissenen Leiber der Soldaten, das Krepieren im Schützengraben. Aber auch Saufen und Vögeln als Kompensationshandlungen der am Kriegsdienst Verzweifelnden. Sein expressionistisch-futuristischer Grafikenzyklus Der Krieg (1924), der den Abschluss der Ausstellung bildet, kam bei den Mächtigen nicht gut an, Dix wurde Antimilitarismus vorgeworfen.

foto: vg bild-kunst, bonn 2016
"Vanitas", 1932

Die Obrigkeit beschäftigte sich in den 1920er-Jahren auch mit den erotischen Zeichnungen des in Thüringen geborenen Künstlers. Zwei Mal wurden "unzüchtige Bilder" beschlagnahmt, und es beschäftigte sich der Staatsanwalt mit den freizügigen Akten. Dix wurde freigesprochen. In Friedrichshafen werden neben Akten und einigen Zeichnungen von Liebespaaren auch zwei erotisch illustrierte Briefe der sehr direkten Art an seine "Nebenfrau" Käthe König gezeigt. Mit ihr lebte er in Dresden, wenn er nicht gerade bei seiner Ehefrau Martha Koch und den Kindern am Bodensee war. 775 erotische Briefe soll Dix an König geschickt haben, noch sind sie unter Verschluss.

Chronist des Sterbens

Dix ist bekannt für die schonungslosen Milieudarstellungen des Stadtlebens. Er war als kritischer Interpret religiöser Motive berüchtigt, im Zeppelin-Museum wird er aber auch als liebevoller Porträtist seiner pausbäckigen Kinder und Enkelkinder gezeigt sowie als berührender Chronist des Sterbens seiner Mutter. Aber auch als farbenfreudiger Tiermaler, der vor allem Hähne und Katzen liebte, als taktvoller Zeichner von Freunden und Geschäftspartnern. Das höfliche Porträt bereitete dem Meister ungeschminkter Darstellungen Mühe, wie er in einem Brief an seine Tochter gestand. Er sei von dieser Arbeit nicht so begeistert, schrieb Dix, "weil man sich so mit der Ähnlichkeit plagen muss".

foto: vg bild-kunst, bonn 2016
"Elbschiffer", 1913

Der leidenschaftliche Städter, den das Landleben in der deutschen Provinz langweilte, dürfte gegen Ende aber doch Gefallen am stillen Leben gefunden haben. Davon zeugen wenig bekannte Werke wie die farbintensive Herbstlandschaft am Bodensee.

Unerklärlich bleibt freilich, warum auch die Ausstellungsmacher tief in den Farbtopf gegriffen und die sehr niedrigen Räume je nach Themenbereich in Grün, Orangerot, Blau, Lila und Dunkelgrau getaucht haben, was irritiert und die schmalen Räume noch dunkler macht. (Jutta Berger, 26.12.2016)

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