Volvo S90: Von draußen vom Walde komm' ich her

29. Dezember 2016, 06:00
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Mit einem echten Schönling meldet sich Volvo zurück in der Liga der Businesslimousinen. Ästhetisch zählt der S90 zum derzeit Gelungensten, technisch hat er auch einiges zu bieten – aber das Bediensystem nervt

Wien – Einer der schönsten Volvos aller Zeiten. So lautete der repräsentative Meinungsquerschnitt zum S90 während unserer Testfahrten. Das ist 1.) richtig und bestätigt 2.) die Bemühungen von Chefdesigner Thomas Ingenlath, das Volvo-Styling in Gegenwart und Zukunft zu denken, ohne dabei die Wurzeln, das Erbe, zu vernachlässigen.

foto: andreas stockinger

Eine langgestreckte Limousine mit praktisch nur Schokoladenseiten, ästhetisch funktioniert das Flaggschiff aus jeder Perspektive. Das fast Bauhaus-inspirierte sachliche Erscheinungsbild setzt sich innen konsequent fort – Leder, Holz, saubere Kunststoffe, Metallzierrat, Klavierlackimitat, all das auf großer, ruhiger Fläche: Da fühlt man sich auf Anhieb wohl. Nordische Noblesse, neu definiert.

So weit der Lokalaugenschein. Nun machen wir die Immobilie zur Mobilie, starten den S90 also und legen los. Freund der Berge, das ist ein Diesel, klar und deutlich. D4 steht drauf, 190 PS sind drin, 8,0 l / 100 km gingen im Testbetrieb durch die Brennräume. Kein Topwert, aber angemessen.

foto: andreas stockinger

Die Maschine harmoniert gut mit der japanischen 8-Gang-Automatik. Wie so viele kräftige Diesel-Fronttriebler hat der S90 aber ein ausgemachtes Traktionsproblem, und das nicht nur bei Nässe. Behutsamer Gasfuß ist angesagt – oder man entscheidet sich für die um 2.662 Euro teurere Allradvariante.

foto: andreas stockinger

Womöglich gewöhnt man sich daran rascher als an das Touchscreen-Tablet, das die Fülle an Daten und Infos verwaltet, die heute im Auto zusammenkommen, bis hin zum Navi. Dieses Zoom und Wisch und Drück ohne haptische Rückmeldung muss man mögen, auch muss man das alles während der Fahrt präzis treffen, was ordentlich ablenkt. Ja, das System ist sogar einmal total abgestürzt. Mag sein, das ist alles eine Generationenfrage, aber die Trennung von Bedien- und Sichteinheit, wie sie etliche Konkurrenten pflegen, ist diesem Ansatz, dem auch Jaguar und demnächst sogar Porsche huldigen, schlichtweg überlegen.

Samtpfoten

Wo waren wir? Fahrimpressionen. Geschmeidig rollt der S90 ab, wie auf Samtpfoten fast, und wie klassenüblich lässt die Spannkraft sich mittels Drive-Mode in Richtung Sportlichkeit straffen. Meist bleibt man aber eh in der komfortablen Basiseinstellung. Die präzise Lenkung passt zum Gesamtcharakter, Platzverhältnisse und Kofferraum sind den Dimensionen angemessen. Lästigerweise löste sich beim Losfahren ab und an die Parkbremse nicht automatisch.

foto: andreas stockinger

So weit, so gut. Für sich betrachtet, ist der Volvo eine attraktive Alternative zur Konkurrenz. Im Detailvergleich merkt man dann aber schon Unterschiede. So stellt man bedauernd fest, dass neben BMW und Mercedes auch Jaguar, Lexus und Infiniti auf Hinterradantrieb setzen, da würde man sich Volvo ebenfalls hinwünschen.

Sicherheitsvorreiter

Gut, das ist Geschmacksache. Aber die Innenraumakustik kriegen andere noch besser hin. In der E-Klasse etwa, die testeten wir direkt vor dem S90, muss man sich noch einen Deut weniger bei der Konversation zwischen vorn und hinten anstrengen. Und die Vielfalt an Antrieben speziell bei den Deutschen bis hin zum potenten Sportgerät, da kann Volvo als kleiner Hersteller nicht mit. Bei deren geballtem Technologiefeuerwerk auch nicht. Immerhin, beim Kernthema Sicherheit ist Volvo top. (Andreas Stockinger, 29.12.2016)

foto: andreas stockinger

Nachlese:

Volvo V90 Cross Country: Über jeden Zweifel erhaben

BMW 5er: So viel Licht und dann doch kaum Schatten

E-Klasse All-Terrain: Das Zucken vor der Waldeinfahrt

Audi A6 Allroad: Wenig Gelände und viel Straße

Jaguar: Auf allen vieren auf das Dach der Welt

Cadillac XT5 und CT6: Edles aus Übersee

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Volvo

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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