"La Bohème": Distanzierte Liebe zwischen transparenten Wänden

23. Dezember 2016, 17:50
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Matthias Hartmann inszenierte "La Bohème" in Genf

"Es soll immer Winter bleiben, im Frühling lässt sich die Einsamkeit ertragen!" Das Liebespaar Mimi und Rodolfo hat entschieden: Ist die kalte Jahreszeit vorbei, kann man wieder auseinandergehen. Schon bei den ersten Takten der La Bohème-Inszenierung in Genf fallen einige Schneeflocken auf die leere Bühne; eine kleine Schneewehe haben sie dort bereits hinterlassen.

Puccinis um Weihnachten spielende Winteroper wird in einem 1200 Zuschauer fassenden, sehr nüchternen und ein wenig ausgedienten Holztheater gespielt. Dieses hat das Grand Théâtre de Genève für die Zeit der Renovierung seines Stammhauses von der Comédie-Française Paris gemietet und nun für zwei Jahre am Platz der Vereinten Nationen unmittelbar neben dem Sitz des Uno-Flüchtlingshochkommissars aufstellen lassen.

Auch auf der Bühne des einfachen Holztheaters überzeugt das Raumkonzept von Raimund Orfeo Voigt: große Wände, die sich sogleich verschieben; erst später wird für die darbende Wohngemeinschaft der Bohème auch ein wenig Mobiliar hereingeschoben, ein kleiner Ofen zum Wärmen zunächst. Da die Wände transparent sind, sieht man darauf manchmal Schattenrisse oder wie sich der Hausbesitzer, der die Miete eintreiben will, langsam nähert.

Hinter Leuchtschnüren

Die Transparenz der Wände lässt ganz im Sinne von Puccinis Dramaturgie immer wieder eine zusätzliche Ebene durchschimmern – Kaffeehausgeschwätz, Straßenszenen, Arbeitsalltag -, die die privaten großen Auseinandersetzungen grundiert. Schon während des ersten großen Liebesduetts fallen unzählige bunte Leuchtschnüre von der Bühnendecke. Fast schon versteckt spielt sich hinter ihnen der Pariser Weihnachtstrubel in einem dreistöckigen modernen Einkaufszentrum ab, in dem sich auch das "Café Momus" befindet.

Nach seiner Entlassung am Burgtheater scheint sich Matthias Hartmann nun als routinierter Opernregisseur zu etablieren. Schon zum zweiten Mal inszeniert er mit Raimund Orfeo Voigt in Genf. Hartmann lässt, mit überraschenden Einfällen diesmal allerdings eher geizend, in zeitlosen modernen Gewändern spielen. Den Sängern lässt er auf der großen Bühne sehr viel Raum und auch Distanz zueinander, vielleicht zu viel. Ja, fast scheint es, dass Herrn Rodolfo, dem braven, arbeitsamen Schriftsteller, an Mimi gar nicht allzu viel liegt, dass er bestenfalls ein Kümmerer für die arme junge Frau ist, aber mehr in die eigenen Gefühlsflammen und das eigene Gerührtsein verliebt ist denn in Mimi.

Das mag auch am Paar der Genfer Erstbesetzung liegen. Der Ukrainer Dmytro Popov und die Georgierin Nino Machaidze beeindrucken immer nur dann, wenn sie – weit voneinander stehend – in expressives Opernpathos fallen. Weniger genau hingegen sind sie in den weichen, zarten Stellen, und vor allem kaum wortdeutlich. Hier erscheint Andrè Schuen als Marcello überzeugender. Auch Julia Novikova als Musetta gefällt, selbst wenn sie nur aus dem Hintergrund, im Wirthaus am Stadtrand aufbraust.

Das Orchestre de la Suisse Romande unter Paolo Arrivabeni serviert Puccinis Oper temperament- und effektvoll, die Lyrismen erblühen weniger. Doch dem berührenden Ende kann man sich schwer entziehen. Wenn Mimi in der Mansarde der Bohème gestorben ist, sieht Rodolfo nach oben: Es fängt schon wieder zu schneien an. (Bernhard Doppler aus Genf, 23.12.2016)

Bis 5. Jänner

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Geneve Opera

  • Nino Machaidze und Dmytro Popov als Mimi und Rodolfo.
    foto: gtg / carole parodi

    Nino Machaidze und Dmytro Popov als Mimi und Rodolfo.

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