Wiederaufnahmeantrag im "Mon Chéri"-Fall

23. Dezember 2016, 17:30
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Gutachten, auf deren Basis Helmut O. wegen Vergiftung des Ortschefs Hannes Hirtzberger verurteilt wurde, seien falsch

Krems/Wien – Im Jahr 2008 ging der Fall wochenlang durch die Medien – und auch während des Prozesses sowie des Berufungsverfahrens, das sich bis hin zum Obersten Gerichtshof (OGH) zog, war das öffentliche Interesse groß: Die Vergiftung des Bürgermeisters von Spitz an der Donau in Niederösterreich, Hannes Hirtzberger, durch – wie die Gerichte bisher bestätigten – Strychnin in einer präparierten "Mon Chéri"-Praline ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre.

Nun soll die Causa nach dem Willen des wegen versuchten Mordes an Hirtzberger rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilten Heurigenwirts und Unternehmers Helmut O. sowie seines Anwalts Kurt Wolfmair neu aufgerollt werden. Grundlage des Wiederaufnahmeantrags sei ein neues Gutachten von Münchner Gerichtsmedizinern, sagte Wolfmair Donnerstagabend in Servus TV.

Bürgermeister seit Attacke Pflegefall

Demnach solle der Lokalpolitiker, der seit der Vergiftung im Februar 2008 in einem Wachkoma liegt und ein Pflegefall ist, siebenmal so viel Strychnin aufgenommen haben, wie der Gerichtsmediziner Christian Reiter beim Prozess im Mai 2008 angab. Eine solche Menge passe unmöglich in eine einzige "Mon Chéri"-Praline, meinte Wolfmair in der Fernsehsendung. Die Süßigkeit sei womöglich gar nicht die Ursache der Vergiftung gewesen.

Laut dem Anwalt haben die neuen Münchner Gutachter die um ein Vielfaches höhere Giftkonzentration in Blutproben Hirtzbergers aus der Zeit kurz nach dessen Zusammenbruch festgestellt. Die Proben wurden seither konserviert. Erstgutachter Reiter hingegen habe damals die Menge aufgenommenen Giftes aus den Urinwerten errechnet.

Beschluss ergeht schriftlich

Am Freitag bestätigte das Landesgericht Krems das Einlangen des Wiederaufnahmeantrags. Das Gericht habe das Schreiben bereits am Mittwoch erhalten, sagte Vizepräsident Ferdinand Schuster. Ein Senat von drei Richtern habe nun zu prüfen, ob tatsächlich neue Beweismittel vorliegen. Das, so Schuster, dürfte einige Zeit dauern. Die Entscheidung werde anschließend schriftlich ergehen.

Diskussionen um die Gutachten hatte es bereits während des Erstprozesses im Mai 2008 gegeben. So hatte die Verteidigung damals etwa die Expertise des chemischen Sachverständigen Günter Gmeiner kritisiert: Dem Leiter des Dopingkontrolllabors in Seibersdorf sei ein unzureichender Prüfauftrag erteilt worden. Man habe ihn nicht gebeten, im Mageninhalt Hirtzbergers nach Inhaltsstoffen eines "Mon Chéri" zu suchen – also nach Schokolade, Kakao und Vanillin, dessen Nichtvorhandensein die These einer anderweitigen Vergiftung stützen würde. Auch Proben des Mageninhalts wurden bis zum heutigen Tag aufgehoben.

"Mon Cheri" samt Glückwunschkarte

Die "Mon Chéri"-Praline, mit der Hirtzberger laut rechtskräftigem Gerichtsentscheid vergiftet wurde, war am 9. Februar 2008 an der Windschutzscheibe von dessen Auto befestigt worden, zusammen mit einer Glückwunschkarte. Laut dem Richter-Wahrspruch hat der Bürgermeister die mittels einer Injektionsnadel präparierte Praline tags darauf gegessen, worauf ihm schlecht wurde und er ins Wachkoma fiel. (APA, bri 24.12.2016)

  • Heurigenwirt Helmut O. (rechts) beteuerte vor Gericht bisher stets, den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger nicht vergiftet zu haben. Seit 2008 befindet er sich in Haft.
    foto: apa/pfarrhofer

    Heurigenwirt Helmut O. (rechts) beteuerte vor Gericht bisher stets, den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger nicht vergiftet zu haben. Seit 2008 befindet er sich in Haft.

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