Essay: Durch die syrische Wüste

Essay25. Dezember 2016, 17:00
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Vor 2000 Jahren fiel eine Richtungsentscheidung von weltgeschichtlicher Bedeutung: eine Zeitreise in ein Syrien, das damals noch nicht zum "Orient" gehörte

Im fünften Jahr des Bürgerkriegs ist die Lage in Syrien so hoffnungslos geworden, dass selbst die radikalen Vorschläge nur noch resigniertes Abwinken mit sich bringen. So spricht auch kaum noch jemand von einer Aufteilung des Landes: in einen alawitischen Küstenstreifen, einen kurdischen Nordosten und ein sunnitisches Zentrum.

Das wäre eine Lösung, die keine wäre, weil sie zu einfach gestrickt ist. Und sie wäre auch unhistorisch, schon vor dem Hintergrund der willkürlichen Grenzziehungen in der Region zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf jeden Fall aber angesichts der alten Geschichte eines Landes, dessen Bedeutung für Europa sich durch den Krieg und die Flüchtlingskrise entscheidend verschoben hat.

Nun ist Syrien für viele eine Chiffre für einen gewalttätigen Islam geworden, ein Land, von dem man fürchten muss, dass von dort Dschihadisten kommen, und wenn schon keine Attentäter, dann zumindest junge und ältere Männer, die mit ihrem Geschlechterbild nicht hierherpassen. Die kulturellen Probleme muss man ernst nehmen, aber den Reichtum an Wissen und Traditionen, den Menschen aus Syrien auch nach Europa bringen, sollte man nicht unterschlagen. Das weltberühmte Migrantenfest Weihnachten mag vor diesem Hintergrund Anlass sein für eine andere Reise, ein Zeitreise in ein Syrien, als es noch nicht einfach zum "Orient" gehörte, sondern zu einem großen Kulturraum im Zeichen der griechischen Sprache und einer schöpferischen Religiosität.

Ohne richtigen Namen

Das Syrien des Hellenismus und der Spätantike war ein Land der Übergänge und der Vielfalt. Es ist auch eine Reise zu einer kleinen Gemeinschaft, die damals, vor knapp 2000 Jahren, gerade im Begriff war, sich herauszubilden, ohne dass sie noch einen richtigen Namen hatte: Wir sind "die in Christus", pflegte der Apostel Paulus zu sagen, der seine Vision von dem auferstandenen Jesus bekanntlich auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus hatte. Es ist auch eine Reise zu einer Weichenstellung der Weltgeschichte, die selten bemerkt wird, weil sie sich in einer einzigen Zeile des Neuen Testaments verbirgt.

Denn Paulus, so heißt es im Brief an die Galater, einem der ältesten christlichen Zeugnisse, blieb nach seiner Bekehrung nicht in Damaskus, sondern "zog nach Arabien und kehrte wieder zurück". Hinter diesem lakonischen Satz verbirgt sich eine Grundsatzentscheidung in der frühen Kirche. Sie wurde niemals bewusst gefällt, aber mit den Folgen leben wir bis heute: denn dass Paulus nur so kurz in "Arabien" blieb (ein, zwei Jahre, genauer weiß man es nicht), gab der entstehenden Kirche den Weg nach Westen vor. Wie wäre alles gekommen, wenn der wirkmächtigste Verkünder des Messias Jesus sich längerfristig nach Osten orientiert hätte? Niemand kann es wissen, aber die weitestreichende denkbare Konsequenz ist die, dass es niemals einen Islam gegeben hätte.

Warum war Paulus aber überhaupt auf dem Weg nach Damaskus, als ihm "der Herr" erschien? Für die Christen, die anfangs fast alle Juden waren, war Jerusalem natürlich der wichtigste Ort auf der Welt, das unumstrittene Zentrum mit dem Tempel, die Hauptstadt eines "Gelobten Landes". Der damaligen Geopolitik entsprach dies allerdings nur bedingt. Denn Judäa und Galiläa, die beiden Wirkungsbereiche Jesu, waren nicht viel mehr als Anhängsel einer größeren römischen Provinz Syrien-Kilikien, gegründet im Jahr 64 vor der Kalenderwende durch Pompeius. Es gab aber auch Vorstellungen, dass vielleicht in Wirklichkeit das "Gelobte Land" viel größer wäre.

In dem sogenannten Genesis-Apokryphon, einem Textfragment aus der Zeit der Kalenderwende, wird die Urgeschichte so erzählt, dass Abraham einmal höchstpersönlich das ganze Heilige Land umrundet. Und dabei kam er weit nach Norden und nach Süden, sodass Syrien und die Arabische Halbinsel auch zu "Eretz Israel" zählten. Als die Christen bald nach dem Tod Jesu (wohl anno 30) mit ihren Predigten in Jerusalem zunehmend auf Widerstand stießen, war ihnen der Weg vorgezeichnet: Sie gingen nach Antiochia, in die damals drittgrößte Stadt im Imperium, oder nach Damaskus. Und Paulus, damals noch auf der Seite der Gegner, folgte ihnen. Er hatte nichts Gutes im Sinn, wurde aber erleuchtet und war bald der eifrigste aller Verfechter des Evangeliums.

"Visionäre Enthusiasten"

Das Jahr 33 ist ein plausibles Datum für seine Bekehrung. Die Strecke von Jerusalem nach Damaskus entspricht in etwa jener von Wien nach Salzburg. Es war eine Reise in die Richtung, aus der Paulus ursprünglich gekommen war, denn seine Heimatstadt Tarsus liegt in der heutigen Türkei, im damaligen Kilikien. Auf dem Weg nach Hause hätte er in Städten wie Homs oder Aleppo Station machen können, doch er blieb vorerst in Damaskus, wo er getauft wurde und wo er sich unter die "visionären Enthusiasten" mischte, wie die Tübinger Neutestamentlerin Anna Maria Schwemer die frühen Christen bezeichnet. In Damaskus war die Kultur hellenistisch geprägt, was in gewisser Weise nicht viel mehr als ein Hilfsausdruck für eine komplexe Situation ist, in der die griechische Sprache für ein wenig Zusammenhalt sorgte.

Das Syrien, in dem Paulus unterwegs war, war kleiner als das heutige, denn es wurde schon am Euphrat von dem Reich der Parther begrenzt (das man heute dem Iran zurechnen würde). Es war aber auch in bestimmter Hinsicht größer, denn Städte wie Antiochia oder Edessa, auf die noch zu kommen sein wird, lagen auf dem Gebiet der heutigen Türkei, nicht weit von jener Grenze, an die der IS auf dem Höhepunkt seiner Expansion mit der Schlacht um Kobane heranrückte.

Ob Paulus selbst einmal in das weit östliche gelegene Edessa gekommen ist, ist eine spannende Frage, die sich aber nur spekulativ beantworten lässt. Der anglikanische Forscher Richard Bauckham hat sich besonders ausführlich mit der "arabischen" Expedition des "begabtesten Apostels" beschäftigt. Er hat richtiggehend eine Reiseroute zusammengestellt, die Paulus von Damaskus zuerst nach Süden geführt hätte, in das Reich der Nabatäer. Dieses Volk, mit dem sich die Israeliten eng verwandt fühlten, weil es von einem Enkelsohn Abrahams abstammte, kontrollierte die Handels- und Pilgerwege in Richtung der Arabischen Halbinsel.

Endzeitliche Sammlung

Von den Stämmen in dieser Gegend erwarteten die gläubigen Juden, dass sie bei der endzeitlichen Sammlung der Völker ganz vorn dabei sein würden. Die entsprechenden Ankündigungen finden sich bei dem Propheten Jesaja. Sie waren damals so allgemein bekannt, dass ein gebildeter Jude wie Paulus auf jeden Fall damit vertraut war, der sich deswegen mit seiner ersten Missionsreise in diese Gegend begab, über die Königsstraße nach Petra, heute Weltkulturerbe, damals eine blühende Provinzstadt mit einem vielfältigen Kult.

Paulus muss in dieser Gegend auf Aramäisch gepredigt haben, der Verkehrssprache in den östlichen Teilen der jüdischen Diaspora (heute gibt es noch eine winzige Minderheit von Menschen, die diese einst große Sprache bewahren). Irgendwie muss er sich mit den Autoritäten angelegt haben. Darauf deutet zumindest eine Anekdote hin, die er im zweiten Brief an die Korinther erwähnt: Weil ihn in Damaskus Handlanger des nabatäischen Königs suchten, musste Paulus in einem Korb die Stadtmauer hinunter und aus der Stadt geschmuggelt werden.

Tiefer theologischer Sinn

Nun führte ihn der Weg nach Nordosten, so meint jedenfalls Bauckham: nach Palmyra, dann bei Nicephorium über den Euphrat, schließlich den Belich (Balikh) entlang nach Edessa und von dort sogar noch weiter nach Osten nach Nisibis und Adiabene in der heutigen türkischen Provinz Mardin. Diese Reise mit dem Finger auf der Landkarte wird sich historisch niemals beweisen lassen, hat aber einen tiefen theologischen Sinn. Denn sie korrigiert das landläufige Bild von einem Christentum, das mehr oder weniger naturgemäß seinen Weg aus dem Judentum in die offene Welt des Römischen Imperiums genommen hat. Paulus hat diesen Weg nach Westen ganz entscheidend geprägt. Aber das geschah erst, nachdem er aus Gründen, die sich nicht mehr rekonstruieren lassen, seine erste Mission in Arabien, also im heutigen syrischen Osten, aufgegeben hatte.

Die Stadt, in der schließlich die richtungsweisenden Entscheidungen fielen, war Antiochia am Orontes, eine antike Metropole, die heute verschüttet ist. Das türkische Antakya lässt kaum Andeutungen der Bedeutung der Stadt erkennen, auf der es gebaut ist. Für die frühen Christen aber war hier der ideale Umschlagplatz auf dem Weg, der schließlich über Zypern und Kleinasien nach Griechenland und bald nach Rom führen sollte. In Antiochia schlugen sich zum ersten Mal in größerem Maß Menschen auf die Seite der Christen, die nicht durch den jüdischen Monotheismus auf die Botschaft des Messias Jesus vorbereitet waren. Sie waren die Quereinsteiger der jungen Religion, und das Establishment in Jerusalem fand sich nur mühsam damit ab, dass Regeln wie die Beschneidung oder der Sabbat für die "Heidenchristen" nicht gelten sollten.

Der Tod Jesu am Kreuz war noch nicht einmal 20 Jahre her, und schon steckten die Gemeinde in komplizierten Diskussionen nicht nur darüber, wer denn da nun eigentlich gestorben und auferstanden war. Sie hatte auch ganz praktische Fragen zu beantworten: Was gibt es beim Herrenmahl zu essen? Was dürfen Christen überhaupt essen? Sollte das Judentum mit seinen strengen Speisegesetzen weiterhin die Richtschnur bleiben? Nicht wenige Forscher glauben, dass Syrien mit seinem Synkretismus (einer vielgestaltigen, offenen, anpassungsbereiten Religiosität) die Botschaft schon der frühen Christen stark verändert hat. Wichtige Titel wie "Herr" (kyrios) wurden aus den antiken Zusammenhängen übernommen und angepasst. Das Christentum wäre also vor diesem Hintergrund selbst eine synkretistische Religion, was sich natürlich nicht gut mit dem Anspruch auf Originalität verträgt, der zu seiner Grundausstattung gehört. In Wirklichkeit ist das allerdings kein so deutlicher Widerspruch: Da eine Botschaft nun einmal auf Sprache beruht, sind die Grenzen zwischen Übersetzung und Interpretation von jeher schwer zu ziehen. Und auf dem Territorium des heutigen Syrien wurden diese Grenzen ständig überschritten.

Berg- und Sonnengott

So wurde in Emesa (heute Homs, die Stadt, in der Assad eine "rote Linie" überschritt, ohne Konsequenzen zu erleiden) das Kultbild eines Gottes namens Elagabal verehrt, das de facto ein schwarzer Felsblock war. Im Hintergrund dieses Namens steht ein arabisches Wort für Berggott, was man wiederum aus einer Inschrift weiß, die in Palmyra entdeckt wurde. Aus Elagabal wurde allmählich ein Sonnengott, der Gott wurde also für die Römer passend gemacht.

Das hellenistische Syrien mit seiner jüdischen Diaspora wurde für die Christen zu dem Ort, an dem es jederzeit darauf ankam, das eigene Profil zu schärfen – keine leichte Aufgabe für eine Religion, die damals noch stark von spontanen ("geistgewirkten") Prozessen bestimmt war und in der es von "falschen Propheten" nur so wimmelte. Während die Entwicklung in die Richtung des christlichen Abendlandes relativ gut dokumentiert ist, bleibt der syrische Osten bis heute ein Bereich voller Rätsel.

So kann auch niemand genau sagen, woher der besondere Stellenwert von Edessa stammt, denn Paulus hat dort keine Spuren hinterlassen, wenn er denn überhaupt jemals dort war. Die spätere Tradition verbindet mit Edessa vor allem den Apostel Thomas, den "Zwilling", der im Volksmund hartnäckig als "der Ungläubige" bezeichnet wird. Es gibt auch ein Evangelium, das den Namen des Thomas als Verfasser nennt. Es zählt zu den nichtanerkannten Evangelien, hat aber im Lauf der Jahre an Prestige gewonnen. Früher hielt man das Thomas-Evangelium ganz einfach für gnostisch, also für einen Beleg für die Umdeutungen der Jesusverkündigung, die im 2. Jahrhundert allmählich einsetzten und aus Jesus den Lehrer eines esoterischen Wissens machten. Inzwischen gibt es Bemühungen, das Thomas-Evangelium als einen Text zu lesen, der auch historisch interessantes Material enthält. Als Ursprungsort hält sich hartnäckig die Angabe Edessa, auch wenn völlig unklar ist, wie die Überlieferung (oder der Apostel selbst) die Jahre zwischen 30 und dem Ende des 1. Jahrhunderts überstanden hat.

Neues Stadium

Mit dem Tod der allerletzten Augenzeugen um 100 trat das Christentum in ein neues Stadium ein, über das eine Begebenheit aus Edessa sehr schön Aufschluss gibt. Nun ordneten sich die Autoritätsverhältnisse neu, und es kam stark darauf an, dass man ein gutes Bindeglied zur Tradition vorweisen konnte. So fand es der Kirchenvater Eusebius, der im frühen 4. Jahrhundert zu einem der ersten Historiografen des Christentums wurde, keineswegs dubios, als er im Archiv von Edessa einen ganz besonderen Briefwechsel entdeckte. Der König Abgar von Edessa hatte seinerzeit an Jesus einen Brief geschrieben (nach Galiläa? Postlagernd in Jerusalem? – mit solchen modernen Fragen kommt man da nicht weit). Er lud ihn ein, wegen einer Krankenheilung nach Edessa zu kommen. Und Jesus schrieb sogar zurück, ausgesucht höflich, allerdings musste er leider absagen. Er schickte auch ein Bild von sich mit, vielleicht so etwas wie eine Autogrammkarte, aus der im Lauf der Jahrhunderte ein östliches Pendant zum Schweißtuch der Veronika wurde.

Heute glaubt niemand mehr im strengen Sinn an die Abgar-Legende, die als ein frühes Beispiel von Fake-News im Mittelalter vielfach vordigital geteilt und gelikt wurde. Aber die Absicht dahinter ist deutlich erkennbar: Eine Gemeinde, die sich mit ihrer zunehmenden Randlage in der christlichen Welt nicht abfinden wollte, verschaffte sich mit dieser Geschichte einen direkten Kontakt zu Jesus und ein Abstammungszeugnis, das so unschlagbar war, dass noch in der Romantik die Mystikerin Anna Katharina Emmerick eine ganz konkrete Vision von der Begegnung Jesu mit der Delegation aus Edessa hatte.

Lückenhaftes Wissen

Spätere Legenden erzählten dann davon, dass der Apostel Thomas oder sogar Jesus selbst bis nach Indien gelangt wären. Doch das sind nur weitere Beispiele für die Fantasie, mit der die Lücken in unserem Wissen um die Ausbreitung des Christentums gefüllt werden müssen. Das Syrien des 1. Jahrhunderts aber kann man mit gutem Recht als weiteres Mutterland des Abendlands bezeichnen. Neben Jerusalem, Athen, Rom und Alexandria gehört Antiochia in die Reihe der Städte, die diese Geschichte geprägt haben. Und die Lektion, dass heutige Grenzen oft mitten durch einstige Gemeinsamkeiten verlaufen, kann man durchaus als Beitrag zum Generalthema des ablaufenden Jahres sehen: zu den Grenzen offener Gesellschaften. (Bert Rebhandl, 25.12.2016)

Bert Rebhandl (Jg. 1964) lebt als freier Journalist, Autor und Übersetzer in Berlin. Er schreibt seit 1993 für den STANDARD und die "FAZ".

  • Nach einer Vision des auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus wird Saulus zum Paulus: Ölgemälde von Andrea Schiavone (circa 1500- 1563).
    foto: picturedesk.com

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  • Syrien 2016: in Brand gesteckte Flüchtlingsbusse in der Provinz Idlib.
    foto: ap/sana

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  • Syrien 2016: Aufräumungsarbeiten nach Bombardements in der Stadt Douma östlich von Damaskus.
    foto: apa/afp/sameer al-doumy

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