Klimt, ein Goldesel da wie dort

    24. Dezember 2016, 12:00
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    Die in der Neuen Galerie (NY) anberaumte Ausstellung "Klimt and the Women of Viennas Golden Age" begeisterte 64.300 Besucher. Teils wurden jedoch Forschungsergebnisse ignoriert und Fakten beschönigt

    Es ist weder die erste, noch wird es die letzte Ausstellung der Neuen Galerie (New York) zum Œuvre Gustav Klimts sein. Nicht nur, weil sich der Hausherr im zarten Alter von zwölf Jahren in Anbetracht einer Abbildung des 1908 geschaffenen Der Kuss in einer Publikation mit dem Klimt-Bazillus infizierte. Noch vor seinem 18. Lebensjahr erwarb Ronald (Stephen) Lauder, einer der beiden Söhne der Kosmetikmilliardärin Esteé Lauder, die erste Zeichnung des Künstlers, Mitte 20 dann das erste Gemälde (Der schwarze Federhut, 1910), dem zahlreiche weitere folgten. Das Porträt Adele Bloch-Bauer I (1907) ist die bis heute bekannteste Trophäe.

    Nach jahrelangem Disput hatte die Republik Österreich 2006 Adeles Nichte Maria Altmann fünf Klimt-Bilder restituiert, die einst ihrer Familie gehörten. Im Juni des gleichen Jahres soll Lauder – mit Finanzierungshilfe von Christie's – 135 Millionen Dollar für das Hauptwerk Klimts "goldener Periode" hingeblättert haben. Ein Preis, der weder dementiert noch je bestätigt wurde. Damals jedoch der höchste Wert, der in der Geschichte des Kunstmarktes für ein Kunstwerk berappt worden war.

    Ein Marketingcoup, der die monetäre Bewertung für Werke Klimts in die Höhe schraubte. Zeitgerecht vor der im November 2006 bei Christie's in New York anberaumten Versteigerung der anderen vier restituierten Gemälde, die es sodann auf fast 193 Millionen Dollar brachten.

    Der einst zur Unterscheidung vom zweiten "bunten" Porträt Adele Bloch-Bauers aus dem Jahr 1912 (Christie's 2006: rund 88 Mio. Dollar) geläufige Beiname "goldene Adele" hat bis heute in jedweder Hinsicht Gültigkeit.

    Besucherströme

    Das Bild darf ohne Umschweife als Goldeselchen der Neuen Galerie bezeichnet werden. Anders als jene Klimt-Werke, die sich in Lauders Privatsammlung befinden und nur sporadisch im Zuge von Wechselausstellungen gezeigt werden, hält Adele im Museum an der Upper East Side 365 Tage im Jahr die Stellung und sorgt für kontinuierliche Besucherströme.

    In der aktuellen, Ende September eröffneten Schau Klimt and the Women of Viennas Golden Age, 1900-1918 (bis 16. Jänner 2017) spielt sie eher eine Nebenrolle bzw. hat man ihr elf weitere Gemälde, 40 Zeichnungen und Objekte angewandter Kunst aus institutionellen und privaten Sammlungen beigestellt.

    Nach 64 Öffnungstagen hält man derzeit bei knapp 64.300 Besuchern. Kuratiert wurde die Schau von Tobias Natter, Experte für "Wien um 1900" und Autor des Taschen-Verlags, wo 2012 – nach dem von Alfred Weidinger 2007 im Prestel-Verlag publizierten – ein Werkverzeichnis der Gemälde Gustav Klimts erschien.

    foto: neue galerie new york, h. kolabas
    Einblick in einen der Ausstellungsräume der Neuen Galerie (NY): Porträt von Mäda Primavesi (li.) aus dem Jahr 1912, eine Leihgabe des Metropolitan Museum of Art (NY). Zwischen 1914 und 1916 entstand das Porträt von Elisabeth Lederer (mi.), 1912 das zweite von Adele Bloch-Bauer (re.), beide aus Privatbesitz.

    Seiner Museumstätigkeit (u. a. Belvedere, Leopold-Museum) folgt jetzt eine Laufbahn als Kurator. In der Albertina läuft (bis 15. 1.) die Ausstellung zu Farbholzschnitten um 1900, ab Juni im Unteren Belvedere dann Klimt und die Antike – Erotische Begegnungen (23. 6. – 8. 10.). Parallel dazu ist die für Max Hollein in San Francisco (Fine Arts Museums) im Herbst geplante Schau Klimt und Rodin in Vorbereitung.

    Natter ist ein vielbeschäftigter Mann und schwer erreichbar. Diverse Projekte absorbieren ihn derart, dass er Fragen zur Ausstellung nur schriftlich beantworten wollte. Im New Yorker Fokus stünde das "Gemengengelage zwischen Klimt und Kunstgewerbe" sowie der Künstler "im Kontext von Mode und Design". Ein weiterer Schwerpunkt liege auf den Biografien Dargestellter, etwa der porträtierten Serena Lederer und ihrer Tochter Elisabeth.

    Der begleitende Katalog (Prestel-Verlag) vereint Beiträge von anerkannten Experten, darunter Marian Bisanz-Prakken (zu den Studien für Adele Bloch-Bauer I) und Christian Witt-Dörring (zu Interieurs von Hoffmann und Moser), nebst den von Natter verfassten Texten zu den ausgestellten Gemälden.

    Den Überblick verlieren

    Vorweg – vor Fehlern ist niemand gefeit. Und bei all den Geliebten, die Gustav Klimt im Laufe seines Lebens hatte, kann man schon mal den Überblick verlieren. So wurde Maria Zimmermann mit Maria Ucicka verwechselt und Letzterer ein zweites uneheliches Kind aus der Liaison angedichtet. Peanuts.

    Jüngere Forschungsergebnisse anderer Experten zu ignorieren, fällt schon in eine andere Kategorie. Wie erwähnt, wollten auch die in den Gemälden verewigten Personen im Mittelpunkt stehen.

    Im Falle Der Tänzerin aus dem Privatbesitz Ronald Lauders verweist Natter auf die von Erich Lederer (1896-1985) überlieferte Annahme, wonach dieses Bild ursprünglich seine Cousine Ria Munk zeigte, die jedoch übermalt worden wäre. Das sei nachweislich falsch, erklärt Alfred Weidinger, Vizedirektor des Belvedere, auf Anfrage: Das Bild sei nie überarbeitet worden, wie Infrarotaufnahmen belegen. Und bei der Dargestellten handelt es sich, wie man seit 2007 weiß, um eine Tänzerin des Hofopernballetts.

    foto: private collection courtesy neue galerie (ny), archiv a. weidinger, lewis collection
    Detailausschnitte: Bei der Tänzerin (li.) handelt es sich Notizen Klimts und Studien im Skizzenbuch zufolge um Johanna ("Hansi") Jusl (mi., gespiegelt). Ihr Gesicht ähnelt jenem aus dem Gemälde "Ria Munk III" (re.).

    Damals hatte Klimt-Dokumentar Hansjörg Krug in einem Beitrag (Gustav Klimts letztes Notizbuch) für einen Ausstellungskatalog der Neuen Galerie den Namen dieser Frau publiziert: Johanna Jusl (1890-1969), die gemäß Klimts Notizen von Jänner bis November 1917 an insgesamt 33 Tagen als Modell ins Atelier kam. Das ist jener Zeitraum, in dem das Gemälde entstand. Laut Krug kein Zufall, wie Entwürfe im Skizzenbuch bestätigen.

    Zwischenzeitlich kann Weidinger einen weiteren Beweis vorlegen: 2015 fand ein Mitarbeiter des von ihm geleiteten Research Center eine um 1909 datierte Fotografie der "Hansi" Jusl. Ähnlichkeiten der Gesichtszüge sind gegeben. Auch zu einem anderen Bild, dem von Natter als Ria Munk III bezeichneten Werk.

    Posthumes Porträt

    Ria Munk war 1911 freiwillig aus dem Leben geschieden. Laut ihrem Cousin Erich Lederer habe die Familie Klimt mit einem posthumen Porträt beauftragt. Dass er an einem solchen arbeitete, ist über Briefwechsel dokumentiert. Ob ihm die Balletteuse dafür Modell stand, ist unbekannt. Als Klimt im Februar 1918 verstarb, fand sich das unvollendete Bild in seinem Atelier. Familie Munk dürfte es aus dem Nachlass des Künstlers erworben haben.

    Während des Zweiten Weltkrieges – Rias Mutter Aranka und ihre jüngere Schwester Lola wurden deportiert und kamen um – verschwand das Porträt aus der Munk-Villa in Bad Aussee und gelangte 1956 in den Bestand der Neuen Galerie der Stadt Linz. 2009 wurde es vom Lentos-Museum an die Erben nach Aranka Munk restituiert und bei Christie's versteigert. Für umgerechnet 22,67 Millionen Euro wechselte es in die Sammlung eines britischen Milliardärs.

    Konkret in jene von Joe Lewis, der vergangenes Jahr für 34,82 Millionen Euro auch das von Klimt 1902 geschaffene Porträt von Gertrud Loew-Felsövanyi via Sotheby's erwarb. Das Bildnis der Tochter des Sanatoriumsbesitzers Anton Loew gastiert derzeit ebenfalls in der Neuen Galerie.

    Verfälschung der Fakten

    Der dazu verfasste Katalogeintrag ist befremdend. Denn Natter behauptet, das Gemälde sei an die Erben nach Gertrud Loew restituiert worden. Das ist, je nach Sichtweise, als Verfälschung der Fakten oder Beschönigung einer langjährigen Causa zu bezeichnen. Tatsächlich lag der Einigung zwischen den Erben und der Klimt-Foundation nicht einmal eine formelle Restitution zur Ausfuhr zugrunde.

    Die von der Witwe des NS-Regisseurs Gustav Ucicky gegründete Foundation war einst Anlass für Natters Rücktritt als künstlerischer Direktor des Leopold-Museums. Weil sein kaufmännischer Kollege Peter Weinhäupl auf Lebenszeit in den Vorstand berufen worden war und er darin einen Interessenkonflikt sah. Des Weiteren hatte die offene Causa um das Loew-Bild für Diskussionen gesorgt. Die braunen Schatten seien zurück, damit wolle er nichts zu tun haben, ließ er damals im Gespräch durchblicken.

    Eine Frage des Respekts

    Dass im Katalog an anderer Stelle vermerkt ist, dass fünf Klimt-Zeichnungen gleicher Provenienz den Enkeln Gertrude Loews geschenkweise überlassen wurden, sei ebenfalls erwähnt. Auch das ist falsch, vielmehr kauften die Erben diese der Klimt-Foundation zur Hälfte des Schätzwertes ab. Um 250.000 Euro. Dem Vernehmen nach würde Natter für einen solchen Betrag wenigstens fünf Ausstellungen kuratieren müssen.

    Auf Anfrage bleibt Tobias Natter eine Antwort zur mangelnden Faktentreue schuldig. Dabei sollte der Unterschied zwischen einer Restitution und einem nach Jahren vergeblicher Verhandlungen schließlich erzielten Deals, der eine Versteigerung und anschließende Teilung des Erlöses vorsah, geläufig sein.

    Das ist weniger eine Frage der Interpretation als eine des Respekts gegenüber jüdischen Erbengemeinschaften. Zumal sich Hausherr Ronald Lauder seit Jahrzehnten für die Rückgabe in der NS-Zeit geraubten Kulturguts engagiert und seit dem Jahr 2007 als Präsident des World Jewish Congress fungiert. (Olga Kronsteiner, Album, 24.12.2016)

    • 1917 schuf Gustav Klimt das Gemälde die Tänzerin. In seinem Notizbuch vermerkte Klimt dazu 33 Atelierbesuche der Tänzerin Johanna Jusl, Mitglied des Hofopernballetts.
      foto: private collection, courtesy neue galerie new york

      1917 schuf Gustav Klimt das Gemälde die Tänzerin. In seinem Notizbuch vermerkte Klimt dazu 33 Atelierbesuche der Tänzerin Johanna Jusl, Mitglied des Hofopernballetts.


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