Aus dem Tagebuch einer Fluchtreporterin

    25. Dezember 2016, 12:00
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    Nermin Ismail hat in der türkischen Hafenstadt Izmir, an der griechischen Küste von Lesbos und an den Grenzen zu Österreich mit Flüchtlingen aus Syrien gesprochen. Ihre Eindrücke sind jetzt in Buchform erschienen

    Aleppo kurz vor Weihnachten 2016. Nach monatelanger Belagerung und schweren Kämpfen verlassen zehntausende Menschen die ausgebombte Stadt. Der Krieg in Syrien nähert sich seinem sechsten Jahr. Eine politische Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Und noch immer fürchten die Menschen vor Ort und Millionen Geflüchtete um ihr Leben. Auf der Suche nach Schutz werden sich wohl einige von ihnen auf die gefährliche Reise quer durch Europa begeben.

    foto: simon van hal
    In der Türkei leben etwa drei Millionen Flüchtlinge aus Syrien, meist in desolaten Verhältnissen, wie dieses Mädchen in einem Haus in Izmir. Fotograf Simon van Hal hat dazu einen Fotoessay verfasst.

    So wie damals im Herbst 2015 als tausende geflüchtete Frauen, Männer und Kinder zu Fuß die österreichisch-ungarische Grenze passierten. Die meisten von ihnen kamen aus Syrien und wollten weiter nach Deutschland. Unzählige Freiwillige waren im Einsatz, um zu helfen. Nermin Ismail, ORF-Journalistin und vormalige Mitarbeiterin des SchülerSTANDARD, Mitte zwanzig, kam damals ebenfalls in die kleine Grenzgemeinde ins Burgenland. Ihre Eindrücke aus jenen Tagen wird sie später in Buchform festhalten.

    Nickelsdorf, Oktober 2015. In den Händen hält Nermin ein Megafon. Gerade hat sie auf Arabisch durchgesagt, dass sich die Neuangekommenen jetzt in Österreich befänden und wie es weitergehe. Busse und Taxis stehen für die Fahrt nach Wien bereit. Nermin beobachtet einen Mann, gesenkter Blick, sichtlich nervös, er geht auf und ab. Sie spricht ihn an, ob sie ihm helfen könne, ob er etwas suche. Ja, sagt er, er suche seine Tochter, sie heiße Darin. Nermin fragt ihn, wo er sie zuletzt gesehen habe. Er redet langsam: "Im Wasser. Im Meer war sie weg. Ich habe sie nicht mehr gesehen. Sie war weg. Im Meer. Es war dunkel. Ich habe sie gerufen, aber sie hat nicht geantwortet. Im Meer."

    foto: simon van hal
    Nickelsdorf, Österreich

    Es sind Begegnungen wie diese, die Nermin Ismail im eben erschienenen Buch Etappen einer Flucht. Tagebuch einer Dolmetscherin (Promedia-Verlag) beschreibt. Im letzten Jahr hat sie sich an die Grenzübergänge von Nickelsdorf und Spielfeld begeben und als Freiwillige zwischen Flüchtlingen, Einheimischen und Hilfsorganisationen vermittelt. Als Tochter ägyptischer Eltern hat sie dank ihrer Arabischkenntnisse Zugang zu den geflüchteten Menschen bekommen. Ihre Reise brachte sie an ungarische und österreichische Bahnhöfe, Erstaufnahmezentren und Notunterkünfte. Entlang der sogenannten Balkanroute nahm sie den umgekehrten Weg und reiste den Flüchtlingen entgegen. Im herrschenden Diskurs über Geflüchtete, in dem die Betroffenen kaum selbst zu Wort kommen, möchte sie ihnen eine Stimme geben. "Zuzuhören, was die Menschen beschäftigt, was ihre Sorgen und Hoffnungen sind, hat mich zwangsläufig dazu gebracht, auch meine eigene Position zu hinterfragen und zu reflektieren", schreibt sie.

    Rolle der Vermittlerin

    Nicht erst seit kurzem, sondern schon seit langer Zeit sieht sich Nermin Ismail in der Rolle einer Vermittlerin "zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen". Dass die Autorin mehrere Sprachen spricht, sei nicht immer positiv aufgenommen worden. Auch sie selbst habe ihre Mehrsprachigkeit erst später zu schätzen gelernt. Nicht immer konnte die junge Journalistin helfen. An einem kalten Novemberabend in Spielfeld gab es keine Decken für die vielen, die am Grenzübergang eintrafen. Nichts, was sie wärmen hätte können. "Wie viele Kinder müssen hier in Kartons schlafen? Menschen, die auf dem Asphalt liegen. Und du kannst jederzeit ins Auto steigen, nach Hause fahren und dich ins warme Bett legen", erinnert sie sich.

    Dezember 2015. Nermin bricht in die Türkei auf. Gemeinsam mit dem Fotografen Simon van Hal will die Autorin von der Situation in der Hafenstadt Izmir berichten. Seit Jahren boomt hier das Geschäft mit den Flüchtlingen. Bis zu drei Millionen Syrer leben in der Türkei. Während die einen versuchen, sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen, bereiten sich andere in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf die Überfahrt nach Europa vor. In den Schaufenstern der Einkaufsstraßen und an jeder Straßenecke werden orangefarbene Rettungswesten zum Verkauf angeboten.

    foto: simon van hal
    Izmir, Türkei

    Längst ist die drittgrößte Stadt der Türkei zum Zentrum der Schlepper geworden. Nermin beobachtet, wie Reisewillige dort auf ihre Mittelsmänner treffen. Auf der Straße lernt sie Ahmed kennen, einen Geschäftsmann aus Aleppo, Ende dreißig. Er verkauft Plastikhüllen für Handys. Sie sollen die Geräte bei der Überfahrt vor Nässe schützen.

    "Achtzig Prozent der Syrer hier wollen nach Europa. In wenigen Stunden werden sie auf Schlauchbooten sitzen", erzählt er Nermin. Für die Fahrt über die Ägäis würden Schlepper 800 Dollar pro Person nehmen. "Meistens sind statt der zwanzig erlaubten mehr als vierzig Menschen an Bord. Jeden Tag fahren zehn oder fünfzehn Boote weg", berichtet er. Das Geschäft funktioniere, weil es keine Alternativen gebe, keine sicheren und legalen Wege nach Europa. Und er selbst, wolle er auch nach Europa, fragt ihn Nermin. Nein, lieber sterbe er vor Hunger in der Türkei, als mit seiner Familie in einem überladenen Schlauchboot den Tod durch Ertrinken zu riskieren, lautet die Antwort.

    Von Izmir reist Nermin bequem und sicher weiter nach Lesbos. Dafür genügt das Vorzeigen eines europäischen Reisepasses. Zwanzig Euro kostet die Passage. Die Fähre ist fast leer. "Es ist das Meer, an dem wir Urlaub machen. Dasselbe Wasser, in dem Menschen ertrinken. Das Meer ist weit. Das Wasser ist blau. Es ist unmöglich, diese Fahrt zu genießen", schreibt sie in ihr Tagebuch.

    2016 starben in diesem Meer 4800 Flüchtlinge. Insgesamt kamen heuer 7000 Menschen auf der Flucht ums Leben oder gelten als vermisst. Die Zahlen stammen von der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

    Wien, Sommer 2015. Am Westbahnhof spielen sich außergewöhnliche Szenen ab. Es sind jene Tage, an denen Ministerinnen und Beamte für kurze Zeit die Dublin-Verordnung vergessen und die aus Syrien geflüchteten Menschen nach Deutschland weiterziehen lassen. Mehrmals täglich treffen aus Ungarn Züge mit Flüchtlingen ein. Hunderte Freiwillige, unter ihnen auch Nermin, sind gekommen, um die Menschen mit Essen und Kleidung zu versorgen. Damals habe sie die "herzlichste, offenste, liebevollste Seite unserer Gesellschaft" kennengelernt. Auch davon berichtet sie in ihrem Buch. Und von der Rolle der Helfenden – von einer überwältigenden Welle der Solidarität.

    foto: simon van hal
    Hegyeshalom, Ungarn

    Überladene Diskussion

    Die Diskussion über Flüchtlinge sei mittlerweile überladen, sagt sie. Aber wenn sie Geschichten von einzelnen Menschen erzähle, sei es anders. "Dann vergisst man die Debatte rund um Türkei-Deal, Grenze und Zaun." Ihr Buch soll die Menschen sensibilisieren. Denn die Stimmung ist längst nicht mehr so positiv wie damals am Westbahnhof.

    Menschen, die von der Zivilgesellschaft vor einem Jahr herzlich willkommen geheißen wurden, würden jetzt von der Politik abgeschoben werden. Auch unter dem Eindruck terroristischer Anschläge in Europa wurde Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Aber es gibt auch solidarische Aktionen, wie zum Beispiel der jüngste Protest einer steirischen Gemeinde gegen die Abschiebung einer Flüchtlingsfamilie zeige, sagt sie. Sich mit den Schicksalen der Geflüchteten auseinanderzusetzen, das sei das Mindeste, was wir tun können, ist Nermin überzeugt, und sich bewusst sein, dass der Krieg in Syrien noch lange nicht vorbei ist. (Christine Tragler, Album, 24.12.2016)

    • Nermin Ismail: Etappen einer Flucht. Tagebuch einer Dolmetscherin. Promedia, 2016.
      foto: promedia

      Nermin Ismail: Etappen einer Flucht. Tagebuch einer Dolmetscherin. Promedia, 2016.

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