Pistenraupe: Katze mit gefährlich scharfen Krallen

23. Dezember 2016, 13:04
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Schwer wie ein Elefant, stark wie ein Ferrari, laut wie ein Löwe, dem man auf den Schwanz getreten ist. (Dabei steigen wir bloß aufs Gas.) Das und mehr ist der 600 SCR Polar von Kässbohrer. der Standard hatte Gelegenheit, mit einem Exemplar dieser Spezies zu fahren.

Schruns – Der Arbeitsplatz befindet sich zwei Meter über festem Boden. Der Weg dorthin ist so einfach nicht, insbesondere wenn einem eisiger Wind in Sturmstärke ins Gesicht peitscht. Hat man es erst einmal auf die mächtige Kette geschafft, ist die Fahrerkabine zum Glück nicht mehr weit.

foto: roland mühlanger
510 PS stark, rund zehn Tonnen schwer und selbst in steilstem Gelände wendig und sicher unterwegs wie eine Katze: der 600 SCR Polar der deutschen Firma Kässbohrer.

Pistenraupe, Pistenbully, Pistengerät – das sind alles Synonyme für ein Fahrzeug, das im Winter aus alpinen Gegenden nicht mehr wegzudenken ist. Manche sagen auch Schneekatze zu dem Hightech-Gerät, das bei Schwerstarbeit bis zu 30 Liter Diesel pro Stunde benötigt. Berge von Schnee werden abgetragen, hin- und hergeschoben, glattgewalzt, auf dass die Skifahrer tags darauf beste Bedingungen vorfinden.

Statt auf sanften Pfoten kommt diese Katze aber mit spitzen Krallen und einer Winde daher, die bis zu 1400 Meter Seil zum Befestigen hat. Das alles braucht ein ordentliches Pistengerät, sonst wären kaum Steigungen von 80 Grad und mehr zu schaffen.

Kässbohrer-Ferrari

Ich sitze in einem 600 SCR Polar von Kässbohrer, hoch über Schruns-Tschaguns im Montafon. Nicht nur der Außenlack ist Ferrari-rot; selbst hinsichtlich Pferdestärken muss der Pistenbully mit seinen 510 PS keinen Vergleich mit den Boliden aus Maranello scheuen.

In puncto Schnelligkeit aber sehr wohl. Geschwindigkeit ist auf dem Berg aber kein Kriterium, schon gar nicht, wenn es um Pistenpräparierung geht.

Die Fahrerkabine gleicht einer Flugzeugkanzel, hat aber Rundumverglasung und eine Turboheizung. Der Fahrer muss selbst bei widrigsten Bedingungen wissen, was vorn, seitlich und hinter ihm passiert. Der Sportsitz ist luftgefedert, man sitzt bequem.

Viel Fußraum

Die Fußspitzen fahren zunächst ins Leere, stoßen dann unvermittelt auf dem Kabinenboden an. Dort, wo man normalerweise Bremse und Kupplung vermutet, ist hier – nichts. Die Pistenraupe hat eine Handbremse, aber kein Bremspedal und keine Kupplung.

Es gibt ein Gaspedal und ein Steuerhorn, wie man es aus Kleinflugzeugen kennt, darauf zwei Knöpfe: einer zum Vorwärts-, einer zum Rückwärtsfahren – stufenlos. Es gibt Funk, über den man sich mit Arbeitskollegen austauschen kann, Radio und ein satellitengestütztes Schneemessgerät.

Zehn Tonnen

Dieses zeigt an, wie dick die Schneedecke unter der Pistenraupe ist. So lässt sich das kostbare Weiß auch in unwegsamstem Gelände optimal verteilen. Aber das ist eine andere Geschichte; ist vor allem eine Geschichte, in der die Hauptrolle von Spezialisten gespielt wird, die viel Erfahrung im Umgang mit dem Gerät haben.

Der Vorwärtsgang ist eingelegt. Ein leichter Druck auf das Gas, und schon zuckelt der zehn Tonnen schwere, rund 500.000 Euro teure SCR Polar los.

Trotz der vielen PS sind 25 Kilometer pro Stunde das Maximum, bei Neuschnee. Ist der Untergrund hingegen eisig und hart, geht es noch langsamer zur Sache. "Dann müssen die Fräsen Schwerarbeit leisten", sagt mir der Instruktor auf dem Nebensitz.

Nachtdienst

Rauf auf den Berg geht es noch halbwegs, auch wenn der Bully brüllt wie ein Löwe, sobald das Gaspedal durchgetreten wird. Bremsen heißt: Fuß weg vom Gas, und das möglichst dosiert. Sonst stoppt das Pistengerät abrupt. Bergab kostet es mehr Überwindung. Meine Fahrt ist nach einer halben Stunde zu Ende. Die meisten Berufsfahrer steigen erst gegen ein Uhr nachts aus dem Bully.

Führerschein ist keiner notwendig: Pisten sind schließlich keine öffentlichen Straßen. Dafür wird jeder Fahrer ausführlich instruiert. Der Rest ist Erfahrung. (Günther Strobl, 23.12.2016)

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