Ursula Priess über Max Frisch: Du sollst dir kein Bildnis machen – warum eigentlich nicht?

Essay24. Dezember 2016, 10:00
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Die Autorin, Tochter von Max Frisch, setzt sich fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod ihres Vaters noch einmal mit dessen Werk auseinander

Die Einladung zu einem Podiumsgespräch bei den diesjährigen Literaturtagen in Feldkirch /Vorarlberg war Anlass, mich noch einmal mit Frischs Werk auseinander zusetzen.

Beim Wiederlesen dann die Überraschung: Wie sehr mein Blick sich verändert hat mit der Zeit!

foto: manfred witt / visum / picturedesk.com
"Wenn ich noch einmal zurückkönnte, 32 Jahre zurück – dann wäre Max so alt, wie ich jetzt bin; und ich? – nein, ich wollte nicht noch einmal so sein wie damals!": Ursula Priess.

Heute sehe und bewundere ich in den frühen Stücken, besonders in Die chinesische Mauer und in Don Juan oder die Liebe zur Geometrie, die spielerische Heiterkeit, die Poesie und den Witz, und gleichzeitig die Trauer, dass der Mensch ist, wie er ist: wenig bereit zu Veränderung – wäre ich eine Theaterfrau, würde ich diese beiden Stücke, so aktuell wie sie weiterhin sind, sofort wieder auf die Bühne bringen wollen. In den Romanen Mein Name sei Gantenbein und Stiller sind es die fulminante Fabulierlust, die schnörkellose Sprache, die fast tänzerische Erzählführung, trotz unübersehbar strengen Formwillens. Und: in seiner unaufgeregten Prägnanz ganz besonders Schwarzes Quadrat – ein Juwel!

Anders das "Alterswerk": Der Mensch erscheint im Holozän und Entwürfe für ein drittes Tagebuch, aber auch Berliner Journal, daraus kommt mir der alternde Max entgegen; ein alter Kämpfer, ungeschützt, auf sich selbst geworfen, preisgegeben seiner Not. Mein alter Vater, dem ich als Tochter so wenig beigestanden habe –

Zentral ist und bleibt aber für mich: Du sollst dir kein Bildnis machen. Darin kreuzen sich meine Bezüge zu ihm, der persönliche, und der als Autorin.

Du sollst dir kein Bildnis machen

Dies Thema, häufig und vielfach variiert in Frischs Werk, ist überdeutlich präsent schon im ersten Tagebuch (1946-1949):

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, den wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben. (….)

So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, so unfassbar ist der Mensch, den man liebt –

Nur die Liebe erträgt ihn so. (…)

Unsere Meinung, dass wir den anderen kennen, ist das Ende der Liebe, jedes Mal; aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir den anderen kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum (…) Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei. (…)

Das Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, es auszuhalten sind wir müde geworden. Man macht sich ein Bildnis.

Das ist das Lieblose, der Verrat.

Der Bezug zum zweiten der Zehn Gebote in Moses 2 ist nicht zu übersehen – ich zitiere nach der Zürcher Bibel, 1954:

Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel, noch was unten auf Erden, noch was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht derer, die mich lieben und meine Gebote halten.

Es geht um die Liebe, auch im Alten Testament.

Um der Liebe willen soll ich mir kein Bildnis machen!

Das Bildnisverbot:

Im Judentum gilt es bis heute; auch insofern als Gott nicht nur nicht abbildbar, sondern auch nicht nennbar ist. Ich bin der Ich bin, sagt Gott von sich selbst. Angerufen wird er mit Elohim, "Unser Gott", neben Adonai "Unser Herr". Elohim ist aber eine Pluralform, also eine göttliche Vielheit. Und: Elohim erschuf den Menschen in seinem Antlitz, als sein Ebenbild, Zelem Elohim, was nur heißen kann: auch der Mensch ist eine Vielheit, und also ist auch er nicht zu fassen in einem Bild.

Das Bildnisverbot im Islam, zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Kulturen unterschiedlich streng gehandhabt, betraf im klassischen Persien Gott und seinen Propheten, nicht aber Engel und Menschen und die anderen lebenden Wesen.

Und: Gott im Islam hat nicht nur den einen einzigen Namen Allah; der Koran nennt 99 und sagt, es sind seine schönsten Namen; was heißt: es gibt weitere.

Gott im Christentum wird immerhin noch als Dreifaltigkeit gesehen, als eine Dreiheit in einer Einheit – wobei bekanntlich bis heute gestritten wird, wie eins oder verschieden die Drei sind. Warum aber wurde das Bildnisverbot von allem christlichen Anfang an nicht beachtet?

Den Rauswurf aus dem Paradies berichten alle drei Buchreligionen, unterschiedlich zwar, aber immer als Folge von Ungehorsam. Bemerkenswert ist, dass der Weg zurück zu Gott, zurück unter die Fittiche seiner Liebe, seiner Führung und Leitung, sehr verschieden lang und schwierig ist; die Erbsünde, die bis ans Ende der Zeit währt, kennt nur die Christenheit.

Sicher jedenfalls ist: Seit der Mensch Früchte vom Baum der Erkenntnis gekostet hat und damit aus der paradiesischen, fraglosen Geborgenheit fiel, seit er sich also ein Bild machen kann von Ich und Du, von Gut und Böse usw., spätestens jedoch seit Kains Mord an Abel, seither existiert dieser Riss zwischen Liebe und Erkenntnis; ein Riss, der zum Erzählen zwingt, um das Trennende, das Verstörende, das Unsagbare zu fassen in ein Bild und damit es zu bannen.

Was sich, nach meiner Lesart, auf dieses Thema bezieht in Max Frischs Werk, stelle ich zusammen – zu einer Collage.

Eine Collage, die aufzeigt, wie ich das Drama der Unvereinbarkeit von Liebe und Erkenntnis herauslese, die Diskrepanz zwischen kreatürlicher Lebendigkeit und zweifelsfreiem Erkennen, und auch, wohin mich das Befragen schließlich führt.

Du sollst dir kein Bildnis machen – eine Collage

Aus: Don Juan oder die Liebe zur Geometrie – Donna Elvira sagt:

Ich in die Frau

Und der Teich mit dem Mond dieser Nacht,

Du bist der Mann

Und der Mond in dem Teich dieser Nacht,

Nacht macht uns eins,

Gesicht gibt es keins,

Liebe macht blind,

Die da nicht Braut und Bräutigam sind.

Und entsprechend sagt wenig später Don Rodrigo:

Ich bin der Mann

Und der Mond in dem Teich dieser Nacht,

Nacht macht uns eins,

Gesicht gibt es keins,

Liebe macht blind,

Die da nicht Braut und Bräutigam sind.


Aus: Als der Krieg zu Ende war – Agnes, eine deutsche Frau, zum russischen Offizier:

Stepan, wie soll das weitergehen? Mit uns. Und dabei bin ich so glücklich, weißt du, finde es so schön, dass wir nicht verstehen, was der andere sagt… Aber dass ich dich liebe, Stepan, das weißt du? Auch wenn ich verheulte Augen habe, Stepan, ich bin glücklich. Und wenn du weg bist, ich werde es nie wieder sein. So nicht. Mach dir keine Sorge. Auch wenn du nicht verstehen kannst, was ich dir sage. Du! Vielleicht ist es nie anders, wenn Mann und Frau zusammen sprechen, und alles, was man noch mit Worten sagen kann, ist gleichgültig…

Wenn du nicht gekommen wärest, Stepan, ich wüsste nicht, dass es das gibt; dass ich sein kann wie zu dir, so ohne Angst und Verstellung, so wirklich, so ganz und gar! Spürst du das? Ich sage dir, was ich nie einem Menschen habe sagen können; du hörst es Stepan, und es bleibt doch ein Geheimnis…. Siehst du, auch ich weiß nicht, wer du bist. Nur dass wir einander lieben. Und dann bist du einfach da: Du bist alles, was ich mir denken kann. (…) Und (…), dass nie eine Lüge zwischen uns ist –


Der Versuch (Notat, ins 3. Tagebuch nicht aufgenommen; zitiert nach Peter von Matt: Der Schrecken der Vollkommenheit, FAZ 15. 5. 2011)

Der Versuch, die späte Prosa der Ingeborg Bachmann zu lesen, ist auch hier wieder gescheitert. Meine Kenntnis ihrer Person bewirkt, dass mir in ihrer Prosa (nie in ihren Gedichten) vieles als Pose erscheint, und dabei zweifle ich, ob ich die Person je gekannt habe. Vielleicht habe ich sie nur geliebt.


Aus: Mein Name sei Gantenbein

Eine Lebenslage, wo Gantenbein seine Blindenbrille abnimmt, ohne deswegen aus seiner Liebesrolle zu fallen: Die Umarmung. (…)

Erst am anderen Morgen, wenn Lila noch schläft, oder so tut, als schlafe sie, um ihn nicht aus seinem Traum zu wecken, nimmt Gantenbein schweigsam wieder seine Brille vom Nachttisch, um Lila vor jedem Zweifel zu schützen; erst das Geheimnis, das sie voreinander hüten, macht sie zum Paar.


Aus: Die Chinesische Mauer – der Spanier tritt zur Inconnue, küsst ihr die Hand, sagt:

Mademoiselle de la Seine?

Inconnue: Wer gibt mir die Ehre?

Der Spanier: Ein Mann, der Sie beneidet! Nicht um die Größe Ihres Ruhmes, dem der meine, fürchte ich, nicht nachsteht; ich beneide Sie, Mademoiselle de la Seine, um die Art Ihres Ruhmes!

Inconnue: Wie meint das der Monsieur?

Der Spanier: Alle Welt bildet sich ein, mich zu kennen. Zu Unrecht, Mademoiselle, zu Unrecht! Ihnen gegenüber gibt die Welt zu, dass sie nichts von Ihnen weiß, nichts als den Namen: L’Inconnue de la Seine! Wie ich Sie beneide!

Inconnue: Ich bin aber lungenkrank, Monsieur, und schwanger –

Der Spanier: Mein Name ist Don Juan.

Der Heutige: Von Sevilla? Don Juan Tenorio?

Don Juan: Sie irren sich! Sie kennen mich vom Theater – Ich komme aus der Hölle der Literatur. Was hat man mir schon alles angedichtet! Einmal, nach einem Gelage, das ist wahr, ging ich über den Friedhof (….) Im Freudenhaus, das ich nicht nötig habe, spiele ich Schach: Und schon hält man mich für intellektuell. Liebe zur Geometrie! Was immer ich tue oder lasse, alles wird mir verdeutet und verdichtet. Wer hält das aus? Ich möchte sein, jung wie ich bin, und nichts als sein. Wo ist das Land ohne Literatur? Das ist es, was ich suche (…): das Paradies. Ich suche das Jungfräuliche.


Du sollst dir kein Bildnis machen (Fortsetzung, Tagebuch 1):

Kassandra, die Ahnungsvolle, die scheinbar Warnende, und nutzlos Warnende, ist sie (…) unschuldig an dem Unheil, das sie voraussagt?

Dessen Bildnis sie entwirft.

Irgend eine fixe Meinung unserer Freunde, unserer Erzieher, auch sie lastet (… ) wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht? (…) Man wird die Frage nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt. (…) Auch im Widerspruch zeigt sich der Einfluss: dass man so nicht sein will, wie der andere uns einschätzt. Man wird das Gegenteil, aber man wird es durch den anderen. (…)

In gewissem Grade sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt!

Auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen. Verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage.

Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt.

Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es (…)!

Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellungen von ihnen aufzugeben.

Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln.

Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist (…) –


Mein Name sei Gantenbein, 4 voneinander unabhängigen Textstellen

Jeder Traum wird geschleift!

Ja, sage ich, ich habe ihn gekannt. Was heißt das! Ich habe ihn mir vorgestellt, und jetzt wirft er mir seine Vorstellungen zurück wie Plunder; er braucht keine Geschichten mehr wie Kleider.

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stelle ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung…

Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß einer nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts gewesen. Es ist auch nichts geschehen.


Zur Schriftstellerei (aus: Tagebuch 1)

Im Grunde ist alles, was wir in diesen Tagen aufschreiben, nichts als verzweifelte Notwehr, die immerfort auf Kosten der Wahrhaftigkeit geht, unweigerlich; denn wer im letzten Grunde wahrhaftig bliebe, käme nicht mehr zurück, wenn er das Chaos betritt – oder er müsste es verwandelt haben.

Dazwischen gibt es nur das Unwahrhaftige.


Zu Marion (aus: Tagebuch 1)

Etliche, als der Puppenspieler sich erhängt hat, nennen ihn einen Ästheten, weil er so sehr des Spieles bedurfte, der Form, um leben zu können – weil er so nahe am Chaos wohnte.


Aus: Don Juan oder die Liebe zur Geometrie – am Morgen nach der "Hochzeitsnacht" sagt Don Juan zu seinem Freund Don Rodrigo:

Bedaure mich nicht! Ich bin ein Mann geworden, das ist alles. Ich bin gesund, du siehst es, vom Scheitel bis zur Sohle. Und nüchtern vor Glück, dass es vorbei ist wie ein dumpfes Gewitter. Ich reite jetzt in den Morgen hinaus, die klare Luft wird mir schmecken. Was brauche ich sonst? Und wenn ich an einen rauschenden Bach komme, werde ich baden, lachend vor Kälte, und meine Hochzeit ist erledigt. Ich fühle mich frei wie noch nie, Rodrigo, leer und wach, und voll Bedürfnis nach männlicher Geometrie. (….)

Du hast es nie erlebt, das nüchterne Staunen vor einem Wissen, das stimmt? Zum Beispiel: was ein Kreis ist, das Lautere eines geometrischen Orts. Ich sehne mich nach dem Lauteren, Freund, nach dem Nüchternen, nach dem Genauen; mir graust vor dem Sumpf unserer Stimmungen. Vor einem Kreis oder einem Dreieck habe ich mich noch nie geschämt, nie geekelt. Weißt du, was ein Dreieck ist? Unentrinnbar wie ein Schicksal: es gibt nur eine einzige Figur aus den drei Teilen, die du hast, und die Hoffnung, das Scheinbare unabsehbarer Möglichkeiten, was unser Herz so oft verwirrt, zerfällt wie ein Wahn vor diesen drei Strichen. So und nicht anders! sagt die Geometrie. So und nicht irgendwie. Da hilft kein Schwindel und keine Stimmung, es gibt eine einzige Figur, die sich mit ihrem Namen deckt. Ist das nicht schön? Ich bekenne es, Rodrigo, ich habe noch nichts Größeres erlebt als dieses Spiel, dem Mond und Sonne gehorchen. Was ist feierlicher als zwei Striche im Sand, zwei Parallelen? Schau an den fernsten Horizont, es ist nichts an Unendlichkeit; schau auf das weite Meer, es ist Weite, nun ja, es ist Raum, dass dir der Verstand verdampft, unausdenkbar, aber es ist nicht das Unendliche, das sie allein dir zeigen: zwei Striche im Sand, gelesen mit Geist… Ach Rodrigo, ich bin voll Liebe, voll Ehrfurcht, nur darum spotte ich. Jenseits des Weihrauchs, dort wo es klar wird und heiter und durchsichtig, beginnen die Offenbarungen; dort gibt es keine Launen, Rodrigo, wie in der menschlichen Liebe; was heute gilt, das gilt auch morgen, und wenn ich nicht mehr atme, es gilt ohne mich, ohne euch. Nur der Nüchterne ahnt das Heilige, alles andere ist Geflunker, glaub mir, nicht wert, dass wir uns aufhalten damit. (….)

Ich weiß jetzt, warum mich die Zisterne mit meinem Wasserbild erschreckt hat, dieser Spiegel voll lieblicher Himmelsbläue ohne Grund. Sei nicht wissbegierig, Rodrigo, wie ich! Wenn wir die Lüge einmal verlassen, die wie eine blanke Oberfläche glänzt, und diese Welt nicht bloß als Spiegel unseres Wunsches sehen, wenn wir es wissen wollen, wer wir sind, ach Rodrigo, dann hört unser Sturz nicht mehr auf, und es saust dir in den Ohren, dass du nicht mehr weißt, wo Gott wohnt. Stürze dich nie in deine Seele, Rodrigo, oder in irgendeine, sondern bleibe an der blauen Spiegelfläche wie die tanzenden Mücken über dem Wasser –


Zur Schriftstellerei (aus: Tagebuch 1)

Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das Eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben; und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.

(…) Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vorantreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, (…) dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht fasst, nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, dass man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche. Diese Oberfläche, die eins sein müsste mit der Oberfläche des Geheimnisses, (…) die es nur für den Geist gibt und nicht in der Natur, wo es auch keine Linie gibt zwischen Berg und Himmel, vielleicht ist es das, was man die Form nennt?

Eine Art von tönender Grenze –


Marion und der Engel (aus: Tagebuch 1)

Marion und der Engel, der immer wieder fragt, was eigentlich er möchte, und Marion, der an die Brüstung lehnt oder an ein Geländer, während vielleicht die Glocken läuten, und hinunter schaut in das nächtliche Wasser:

"Was ich möchte?"

Es ist schon das dritte Mal, dass er es dem Engel erklärt, das Unglaubliche, und immer ist es der gleiche Engel, der das gleiche fragt:

"Warum kommst du nicht?"

"Über das Wasser…?"

Marion weiß nicht, was er denken soll, wenn er den Engel sieht, und ob es wirklich ein Engel ist, der so zu ihm redet:

"Warum kommst du nicht?"

Marion fragt:

"Wo, wenn du ein Engel bist, führst du mich hin?"

"Zu dir – "

Und zum letzten Male:

"Warum kommst du nicht?"


MY LIFE AS A MAN (aus Montauk)

manchmal meine ich sie zu verstehen, die Frauen, und am Anfang gefällt ihnen meine Erfindung, mein Entwurf zu ihrem Wesen; zumindest verwundert es sie, wenn ich in ihnen sehe, was meine Vorgänger nicht gesehen haben. (…) Schmeicheln kann jeder, das habe ich nicht nötig; es schmeichelt ihnen, wenn sie mich unter dem Zwang sehen, sie zu erraten. Eine Zeitlang überzeugt sie, was mir zu ihnen einfällt; ich sehe sie nicht simpel, sondern voller Widersprüche. (…) Mein Entwurf hat etwas Zwingendes. Wie jedes Orakel. Ich staune dann selber. Wie ihr Verhalten bestätigt, was ich geahnt habe. Natürlich habe ich nicht für jede Frau den gleichen Entwurf. Es lässt mir keine Ruhe, ich muss wissen, wen ich liebe. (…) Wenn ich sehe, woran sie leiden, so sage ich, woran sie leiden, oder ich sage es auch nicht; ich meine es aber zu wissen. Kraft meines Wahns. Dieser verlässt mich nicht; alles, was in meinen Entwurf passt, bietet sich als Beobachtung an. Ich sehe es doch, ich höre es doch, und wenn ich dabei bin, so kann ich es mir ungefähr vorstellen. Ich muss es mir vorstellen. Ich muss es mir vorstellen, nicht ungefähr, sondern genau. Natürlich zweifle ich, ob meine genaue Vorstellung stimmt. DAS IST DEINE INTERPRETATION, sagen die Frauen; sie selber brauchen keine. Ob es mich peinigt oder beseligt, was ich um die geliebte Frau herum erfinde, ist gleichgültig; es muss mich nur überzeugen. Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber.


Verurteilung oder Nachsicht (Aus: Berliner Journal)

Verurteilung oder Nachsicht; wie sehr es von meinem eigenen Befinden abhängt, heute so und morgen anders, und es ist derselbe Mensch, dieselbe Handlung, derselbe Ausspruch. Als entscheide meine Leber, ob ein und derselbe ein möglicher Mensch oder ein Schwein ist, und nachher verhalte ich mich trotzdem danach.


Ironie (ebenda)

Ironie als das billige Mittel, einen Menschen zu reduzieren auf unser eigenes Verständnis.


Der andorranische Jude ( aus: Tagebuch 1)

In Andorra lebte ein junger Mann, den man für einen Juden hielt. Zu erzählen wäre die vermeintliche Geschichte seiner Herkunft, sein täglicher Umgang mit den Andorranern, die in ihm den Juden sahen: das fertige Bildnis, das ihn überall erwartet. Beispielsweise ihr Misstrauen gegenüber seinem Gemüt, das ein Jude, wie auch die Andorraner wissen, nicht haben kann. Er wird auf die Schärfe seines Intellekts verwiesen, der sich eben dadurch schärft, notgedrungen. (…)


Das Klima der Sympathie (aus: Tagebuch 1)

Ist die Sympathie, die uns das Gefühl gibt fliegen zu können, nichts als eine freundliche Täuscherei, eine schonende Unterlassung der Kritik, so, dass das andere Klima, dieses Klima ohne Sympathie, als das gültigere anzusehen ist, das einzig gültige? (…)

Sympathie nicht als Unterlassung der Kritik. Aber: Sympathie hat Geduld, die Geduld der Hoffnung, sie behaftet uns nicht auf einer einzelnen Gebärde, die ungehörig ist, vorlaut, tappig, eitel, rücksichtslos, selbstgerecht; sie lässt uns stets eine weitere Chance… Anders der Partner, der keine Sympathie empfindet: er verbucht, was ist, und gibt keinen Vorschuss, er ist aufmerksam und gerecht, und das ist fürchterlich. Sieht er uns richtiger? (…)

Auch umgekehrt zu bedenken: Wenn wir keine Sympathie haben, einem Menschen gegenüber sitzen wie Geschworene, unvoreingenommen – wie verdächtig, wie anrüchig, wie unleidig jeder Mensch wird, wenn er fühlt, dass er unsere Gunst nicht hat, und also allein zu seinen Gunsten redet.


Fragwürdig (aus: Tagebuch 1)

Fragwürdig wie alles, was wir betreiben, ist auch die Selbstkritik. Ihre Wonne besteht darin, dass ich mich scheinbar über meine Mängel erhebe, indem ich sie ausspreche und ihnen dadurch das Entsetzliche nehme, das zur Veränderung zwingen würde – das Entsetzliche, das mich doch jedes Mal wieder einholt, wenn ein anderer sie ausspricht.


Das Klima der Sympathie (Fortsetzung, aus Tagebuch 1)

Der Schutzengel: die Sympathie, wir brauchen ihn immerzu. Wir haben ihn als Kind, sonst wären wir längst überfahren, wir wachsen damit auf, wir verlassen uns auf ihn – und dabei ist es nur ein Hauch, was uns schützt, was uns von dem Ungeheuerlichen trennt, von dem Rettungslosen, wo nichts mehr für dich zeugt, kein eigenes Wort, keine eigene Tat…


Wenn ich in der Nacht (aus: Entwurf zu einem dritten Tagebuch)

Wenn ich in der Nacht nicht weiß, woher ich morgen den Mut nehmen soll, und dann schlafe ich nochmals ein – er steht auf, spätestens wenn ich den Kaffee koche, wie ein treuer Hund, der neben dem Bett geschlafen hat: der Mut! das Telefon abzunehmen und später in die Stadt zu gehen und mit freundlichen Leuten zu reden und alles zu vergessen, was man in der Nacht gewusst hat, und die Zukunft nicht zu sehen, geführt wie von einem Blindenhund.

Heute wäre ich am West-Broadway fast von einem Truck überfahren worden.

Interview-Antwort (aus: Tagebuch 2)

Wenn wir einem Biologen zuhören, kann uns die Literatur allerdings überflüssig erscheinen, nicht die Musik, aber ein beträchtlicher Teil der Literatur. Die Musiker haben sich noch nie eine Funktion aufschwatzen lassen, die sie in Konkurrenz bringt mit Biologie, Soziologie, Physik usw.; auch die Maler und Plastiker sind selten angetreten als Verkünder, die mehr verkünden als Kunst… Zuständigkeit der Literatur? Die Erkenntnisvorstöße unseres Jahrhunderts verdanken wir nicht der Literatur. (…) Zwar spiegelt die Literatur, die ihren Namen verdient, die Verwandlungen unseres Bewusstseins, aber sie spiegelt sie nur; die Anstöße zur Verwandlung unseres Weltbildes kommen anders woher. Erübrigt sich somit die Literatur? (…)

Domäne der Literatur? Fast wage ich zu sagen: das Private. Was die Soziologie nicht erfasst, was die Biologie nicht erfasst: das Einzelwesen, das Ich, nicht mein Ich, aber ein Ich: die Person, die diese Welt erfährt als Ich, die stirbt als Ich, die Person in allen ihren biologischen und gesellschaftlichen Bedingtheiten – das ist es, was mir darstellenswert erscheint: die Person, die in der Statistik enthalten ist, aber darin nicht zur Sprache kommt und im Hinblick aufs Ganze irrelevant ist, aber zu leben hat mit dem Bewusstsein, dass sie irrelevant ist. Domäne der Literatur: alles was Menschen erleben, Geschlecht, Technik, Politik, aber, im Gegensatz zur Wissenschaft, bezogen auf das Wesen, das erlebt.


Nachtrag zu Marion (aus: Tagebuch 1)

Marion und der Engel, der eines Abends neben ihm steht und ihn fragt, was eigentlich er möchte, und Marion, der sich an den Nacken greift:

"Was ich möchte?"

Es ist wirklich ein Engel! –

Marion:

"Wenn ich am abendlichen Ufer sitze, einmal möchte ich wandeln können über das Wasser, über die Tiefe voller perlmutterner Wolken; oder ich möchte, wenn ich auf dem Hügel stehe und meine Pfeife rauche, die Hände in den Hosentaschen, ich möchte die Arme von mir strecken, so wie man im Traum es kann, und niedergleiten über die Hänge, über die abendlichen Wipfel (….) – nicht einmal fliegen wie ein Vogel, der aufwärts steigt und sich erhebt, oh, ich bin es zufrieden, wenn du mich gleiten ließest, Engel, nur eine Weile lang… zurück in die Gefangenschaft unserer Schwere! Das alles aber, Engel, soll nicht ein Traum sein. Ganz wirklich soll es sein, das Unglaubliche. Und niemals braucht es wiederzukehren. Und niemand, (…) niemand muss es erfahren und glauben. Es sei mir genug, wenn ich allein es weiß: Einmal bin ich über die Wasser gegangen, ganz wirklich. Und niemals brauchte es wiederzukehren!"


Manifest (aus: Schwarzes Quadrat)

Die POESIE ist zweckfrei

(Schon das macht sie zur Irritation)

Die POESIE muss kein Kabinett bilden, zum Beispiel, und muss nicht von einer analphabetischen Mehrheit gewählt werden. Die POESIE ist da oder manchmal auch nicht.

(Regierungen sind immer da.)

Die POESIE kann ignoriert werden

(Ohne dass die Polizei deswegen eingreift)

Die POESIE entsteht trotzdem da und dort. Die POESIE ist der Durchbruch zur genuinen Erfahrung unserer menschlichen Existenz in aller geschichtlichen Bedingtheit. Sie befreit uns zur Spontaneität – was beides sein kann: Glück oder Schrecken. Die POESIE unterwandert unser ideologisiertes Bewusstsein und insofern ist sie subversiv in jedem gesellschaftlichen System.

(Platon hat natürlich recht: der Poet ist als Staatsbürger dubios, auch wenn er seine Steuern zahlt, auch wenn er als Soldat gehorcht, damit er nicht von seinen eigenen Leuten erschossen wird; solange er aber nicht erschossen ist, bleibt er ein Poet.)

Die POESIE muss keine Maßnahmen ergreifen.

(Sie muss nur Poesie sein.)

Die POESIE findet sich nicht ab (im Gegensatz zur Politik) mit dem Machbaren; sie kann nicht lassen von der Trauer, dass das Menschsein auf dieser Erde nicht anders ist. Die POESIE sagt nicht, wohin mit dem Atom-Müll.

(Rezepte sind von ihr nicht zu erwarten.)

Die POESIE ist arrogant.

(Sie entzieht sich der Pflicht, die Welt zu regieren.)

Die POESIE ist unbrauchbar.

(Es genügt ihr, dass sie da ist: als Ausdruck unseres profunden Ungenügens und unserer profunden Sehnsucht.)

Die POESIE wahrt die Utopie.

Die Utopie – das neue Paradies? in dem Liebe UND Erkenntnis möglich wären, gleichzeitig?

DASS ES NOCH ETWAS ANDERES GIBT.

Das ist die Irritation.

KUNST ALS GEGEN-POSITION ZUR MACHT.

Als Gegenposition auch zur Ohnmacht?


Abel steh auf (von Hilde Domin)

Abel steh auf

es muss neu gespielt werden

täglich muss neu gespielt werden

täglich muss die Antwort noch vor uns sein

die Antwort muss Ja sein können

wenn du nicht aufstehst Abel

wie soll die Antwort

diese einzig wichtige Antwort

sich je verändern (…)


Ladies and Gentlemen (aus: Schwarzes Quadrat)

Die Funktion der Literatur in der Gesellschaft ist, meine ich, die permanente Irritation, dass es sie gibt. Nichts weiter. Jede Kollaboration mit der Macht, auch mit der demokratischen Macht, endet mit einem tödlichen Selbstmissverständnis der Kunst, der Poesie. (…) Dort wird sie zur Affirmation. Zur Dekoration der Macht. Das heißt, sie verkauft ihre Transzendenz:

Kunst als solche ist transzendent.

Wie Walter Benjamin es sagt:

Kunst als Statthalter der Utopie.

Wenn ich noch einmal zurückkönnte, 32 Jahre zurück – dann wäre Max so alt, wie ich jetzt bin; und ich? – nein, ich wollte nicht noch einmal so sein wie damals! Sondern: ob wir jetzt ins Gespräch finden würden, zum Beispiel über Du sollst dir kein Bildnis machen – ob es jetzt gelingen könnte? (Ursula Priess, Album, 28.12.2016)

Ursula Priess, geboren und aufgewachsen in Zürich, brach 1966 das Germanistik Studium ab und verließ die Schweiz; es folgten Ausbildung und Arbeit als Heilpädagogin bis 1986, als sie in Kiel das Studium der Literaturwissenschaft wieder aufnahm. Ab 1992 lebte sie für längere Zeit in Istanbul.

Heute ist Berlin ihr Lebensmittelpunkt.

Ursula Priess ist Mutter von 4 längst erwachsenen Kindern.

Außerdem sind erschienen von ihr:

2008 (als Herausgeberin) Istanbul, in der Reihe Europa erlesen bei Wieser, Klagenfurt

2009 Sturz durch alle Spiegel, eine Bestandsaufnahme, bei Ammam, Zürich

2011 Mitte der Welt, Erkundungen in Istanbul, bei btb, München

2015 Hund & Hase, Liebesversuche, bei btb, München

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