Die unfrohen Seiten des frohen Festes

25. Dezember 2016, 10:00
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Die Weihnachtsfeiertage stehen für die meisten Menschen im Zeichen von Liebe, Familie und Frieden. Nicht selten machen diese Erwartungen einem anderen Gefühl Platz: Enttäuschung. Damit umzugehen heißt: akzeptieren, dass man es nicht allen recht machen kann und muss

Eigentlich lief alles ganz wunderbar, bis der Großmutter auffällt, dass ihr Enkel dieses Jahr Falafel statt Schweinsfilet ins Fondue-Öl taucht. "Ganz ohne Fleisch, das ist doch ungesund!" Und schon werden die im Hintergrund laufenden Weihnachtslieder von Stimmengewirr übertönt, das immer lauter und lauter wird. Nach wenigen Minuten ist die feierliche Runde thematisch bei der Bundespräsidentenwahl angelangt, und die Diskussion wird hitziger. Von Fest der Liebe und besinnlicher Zeit keine Spur mehr – der Enkel steht auf und verlässt beleidigt den Tisch.

Täuschungen erkennen

Die Geschichte ist fiktiv, könnte aber in vielen Familien stattfinden – das Streitthema ist dabei beliebig austauschbar: vom Abschneiden der Österreicher bei der Fußball-EM bis zum Umgang mit geflüchteten Menschen. All das ist nicht nur Stoff für Konflikte, sondern auch ein guter Nährboden für Enttäuschungen.

Das ist eigentlich nicht so schlimm, wie es sich anhört, sagt Psychologe Thomas Schweinschwaller. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema Enttäuschung. "Man kann lernen damit umzugehen. Aber verhindern wird man Enttäuschungen nicht können." Schweinschwaller hat das selbst öfter erlebt. Mit Ende 20 kam er unerwartet in eine Führungsposition. Schnell bemerkte er, dass die Anforderungen an Führungskräfte, aber auch die Ziele, die man sich selbst steckt, oft zum Scheitern führen.

Schweinschwaller begann, Menschen nach Merkmalen einer guten Führungskraft zu fragen. "Schon in der Überschrift stand dann 'Was der perfekte Chef können muss'. Mit der Funktion wurde sofort Perfektion assoziiert", berichtet er. Schweinschwaller fand das spannend und wechselte die Seite: Heute will er überforderten Führungskräften Enttäuschungskompetenz vermitteln, kürzlich war er Gastvortragender an der FH Salzburg auf einer Konferenz zum Thema emotionale Intelligenz.

Erwartungen hinterfragen

Wer lernen wolle mit Enttäuschungen umzugehen, müsse sich zunächst den Begriff genauer ansehen – und dabei vor allem den Wortteil "Täuschung" im Auge behalten. Dass den meisten Enttäuschungen eine Täuschung vorangeht, klingt zunächst banal, gerät in vielen Momenten aber dennoch in Vergessenheit. Weihnachten sei das beste Beispiel dafür, sagt Schweinschwaller: "Von diesem Tag versprechen sich viele, dass er besonders wird und Wunder geschehen."

Diesen Wunsch würden viele Menschen oft unbewusst hegen: Harmonie, Geborgenheit und Liebe, wie man sie in der Kindheit zu Weihnachten erfahren hat – oder nie kennengelernt hat. Und dann komme es am Heiligen Abend eben anders.

Der Psychologe empfiehlt, in sich hineinzuhören und Erwartungen zu hinterfragen: Geht es darum, die komplette Familie einzuladen, wenn Streit programmiert ist? Die "heile Familie" sei zu dieser Zeit des Jahres jedenfalls das wichtigste Täuschungsbild.

Also einbunkern, die Oma ausladen und allein Falafel essen? Es geht weniger drastisch: "Wenn der 24. Dezember so gesehen würde, dass es um eine angenehme Zeit zusammen geht, dann sollten sich alle bemühen, Konfliktthemen zu vermeiden", sagt Schweinschwaller. Wenn das nicht möglich sei, dann gelte es, Dinge nicht zu persönlich zu nehmen und vorbereitet zu sein. Bei schwierigen Gesprächen nicht sofort in die Bewertung zu gehen, sondern "wahrzunehmen, umzudeuten und Handlung zu erzeugen" könne helfen.

Ablenkungen fallen weg

Aber auch ein großer Knall müsse nicht unbedingt negativ sein: Die Feiertage bieten Gelegenheit sich auszusprechen und Dinge zu klären. Zu akzeptieren, dass man es nicht allen recht machen kann – und nicht muss -, sei jedenfalls einer der zentralen Schritte auf dem Weg zu Enttäuschungskompetenz. "Dass Idealisierungen vorherrschen und wir Dilemmata ausgesetzt sind, ist einfach so", sagt Schweinschwaller.

Besonders explosiv sind die Feiertage auch, weil die unerfüllbaren Erwartungen mit dem Wegfall von Ablenkungen zusammenkommen. Zumindest für ein paar Stunden bleiben Fernseher, Computer und Smartphone aus oder lautlos, die Arbeit ruht. Viele Menschen haben das Innehalten und die Ruhe durch die vielen Ablenkungen aber mittlerweile verlernt, auch darauf weisen Psychologen hin: Die zunehmende Beschleunigung verändert die Qualität von Beziehungen, sich auf sich selbst und andere einzulassen, wird seltener und schwieriger.

Aber warum lernen Menschen mit den Jahren nicht, dass insgeheim erhoffte Wunder nicht in Erfüllung gehen? Alle Jahre wieder tappen schließlich viele in die gleichen Fallen und ignorieren, dass der Partner auch zu den Feiertagen noch die gleichen Marotten hat und der peinliche Onkel auch dieses Mal seine dreckigen Witze auspacken wird. "Menschen neigen zum Vergessen", sagt Schweinschwaller dazu. Und das Weihnachtsfest sieht in Hollywoodfilmen und im Ikea-Katalog eben verdammt gut aus.

Ernüchterung im Altersheim

So auch im letztjährigen Weihnachtsclip von Edeka, der online millionenfach aufgerufen wurde. Darin zu sehen ist ein alter Herr, der seinen Tod vortäuscht, um alle Kinder und Enkel zum gemeinsamen Weihnachtsessen zu versammeln. Am Ende sitzen alle glücklich an der langen Tafel und essen gemeinsam. Tatsächlich erzählen viele Altenpfleger aber eine andere Geschichte: In Altersheimen sei das Personal zur Weihnachtszeit besorgt, denn für viele Bewohner ist dies der einzige Tag, an dem die ganze Familie zu Besuch kommt. Viele alte Menschen wühle das auf, sie werden aus ihrem gewohnten Alltag gerissen und reagieren auf die Besucher nicht mit jener Aufmerksamkeit und Dankbarkeit, die von ihnen erwartet wird.

Es geht also um Ernüchterung – nicht nur dieser Tage. Auch nach gemeinsamen Urlauben schießen die Trennungsraten immer wieder in die Höhe. Wichtig sei daher auch Gelassenheit, sagt Psychologe Schweinschwaller: "Weihnachten ist eigentlich ein Wendefest. Man feiert gemeinsam ein weiteres Jahr, das zu Ende geht, und ein neues, das bevorsteht." Da sei eine gewisse Form von Achtsamkeit wichtig. "Und zwar nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst." Jedes Jahr von Neuem. (Lara Hagen, 25.12.2016)

  • Wer sich zu Weihnachten besonders nach Harmonie und Geborgenheit sehnt, wird häufig enttäuscht. Psychologen raten zu mehr Gelassenheit und dazu, sich mit seinen Erwartungen auseinanderzusetzen.
    foto: getty images / istock / endopack

    Wer sich zu Weihnachten besonders nach Harmonie und Geborgenheit sehnt, wird häufig enttäuscht. Psychologen raten zu mehr Gelassenheit und dazu, sich mit seinen Erwartungen auseinanderzusetzen.

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