Vorsicht bei Giftschlangen: Sie könnten gestresst sein!

Video27. Dezember 2016, 12:04
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US-Forscher testeten, was Wassermokassinottern zum Biss verleitet – es ist ein Faktor, auf den man keinen Einfluss hat

foto: mark herr, penn state
Muskelpaket mit charakteristischer Beschuppung: eine nordamerikanische Wassermokassinotter.

State College, Pennsylvania – Dass im Umgang mit giftigen Schlangen Vorsicht oberstes Gebot ist, kann man eigentlich als selbsterklärend voraussetzen. Die Erkenntnisse einer aktuellen Untersuchung von US-Forschern sind aber nicht nur für Menschen interessant, die keine Erfahrung mit Schlangen haben, sondern gerade auch für solche, die sich darin geübt glauben. Ihre Erfahrungswerte könnten nämlich trügerisch sein.

Forscher um Mark Herr und Tracy Langkilde von der Pennsylvania State University zogen für ihre Versuche Wassermokassinottern (Agkistrodon piscivorus) heran, eine gut eineinhalb Meter lange Vipernart, die im Südosten der USA beheimatet ist. Die kräftig gebaute Schlange lebt in Feuchtgebieten, wo sie Jagd auf kleine Landwirbeltiere und manchmal auch Fische macht. Ihre Beute tötet sie mit einem Biss, ihr Gift kann auch dem Menschen starke Schmerzen verursachen. Todesfälle sind aber nur sehr selten.

penn state research communications

Die Forscher interessierten sich für diese Spezies, weil ihr Verhalten bisher recht widersprüchlich beschrieben wurde: Wassermokassinottern gelten als sehr aggressiv – andererseits versuchen sie in der Mehrzahl der Fälle zu fliehen oder beschränken sich auf Drohgebärden. Dazu gehört auch ein "trockener Biss", bei dem kein Gift injiziert wird.

Bei ihrem Experiment mit insgesamt 32 Ottern stellten die Forscher fest, dass es nicht äußere Faktoren sind, die die Tiere unweigerlich zur Giftattacke verleiten: etwa dass eine Annäherung auf eine gewisse Distanz oder eine Berührung in jedem Fall zum gleichen und damit berechenbaren Ergebnis führen würde. Was eine Schlange zulässt, muss eine andere noch lange nicht tolerieren.

Gestresste und gechillte Schlangen

Der entscheidende Faktor ist vielmehr der Spiegel des Stresshormons Corticosteron, den die Tiere jeweils aufweisen: Das zeigten Blutproben, die man den Versuchstieren entnommen hatte. Und es geht dabei nicht um eine frische Hormonausschüttung in der direkten Begegnung, sondern um den Spiegel, den das Tier schon vorher hatte. Weitere Versuche, bei denen die Tiere für einige Zeit in einen Behälter gesperrt wurden, zeigten nämlich, dass dieser Grundspiegel durch die akute neue Belastung kaum beeinflusst wird.

Kurz gesagt: Auch Menschen, die schon Erfahrungen mit Schlangen gemacht haben, fangen bei jedem Tier wieder bei null an, weil sie ihm nicht ansehen können, ob es grundsätzlich "geladen" ist oder nicht. Die Forscher empfehlen daher, die Lebensräume der Schlangen ausreichend zu schützen, um ihnen – und allen, die ihnen begegnen – größtmögliche Stressfreiheit zu garantieren. (jdo, 27. 12. 2016)

  • Schlangenexperte Mark Herr lässt Vorsicht walten: Der giftzahnbewehrte Kopf dieser Wassermokassinotter steckt in einem Plastikschlauch.
    foto: sean graham / penn state

    Schlangenexperte Mark Herr lässt Vorsicht walten: Der giftzahnbewehrte Kopf dieser Wassermokassinotter steckt in einem Plastikschlauch.

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