Einer der letzten Glockengießer sitzt in Innsbruck

23. Dezember 2016, 07:00
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Die Firma Grassmayr ist das wahrscheinlich älteste Familienunternehmen Österreichs

Innsbruck/Wien – Die Pummerin in Wien ist zwar nicht aus dem Hause Grassmayr. "Aber wir betreuen sie", erläutert Christof Grassmayr. Er ist der Senior des Unternehmens, hat an seine Söhne Johann und Peter vor etwa 15 Jahren übergeben, die die Glockengießerei nun in 14. Generation leiten.

Seither macht er Führungen im Unternehmen, denn neben der Glockenherstellung hat die Familie auch ein sehr erfolgreiches "Glockenmuseum" aufgezogen, in dem das ehrwürdige Handwerk Touristen und anderen interessierten Personen nahegebracht wird. Den österreichischen Museumspreis erhielt die Firma dafür, 30.000 Besucher zählt man jährlich.

Das Unternehmen mit 30 Mitarbeitern ist durch und durch modern – nur so kann man innerhalb einer Stadt wie Innsbruck eine Gießerei betreiben, mit all der Hitze, dem Staub und dem Lärm. "Wir haben 1999 ein neues Werk auf das Gelände gestellt und sind vorbildlich, was Emissionen und Lärm betrifft", sagt Grassmayr. Die namenlose, auch für Innsbrucker Verhältnisse verkehrsumtoste Kreuzung Ecke Leopoldstraße/ Olympiastraße, dort, wo der Betrieb ansässig ist, wird von den Innsbruckern gerne als "Grassmayr-Kreuzung" bezeichnet.

Nachholbedarf an Glocken

Von hier aus gehen die Glocken – etwa 250 Kirchenglocken werden jährlich hergestellt – in alle Welt. Sehr oft in die ehemaligen kommunistischen Staaten. Denn dort gab und gibt es einen Nachholbedarf. Eine Glocke aus Tiroler Anfertigung läutet auf dem Mosesberg auf der Halbinsel Sinai; die am weitesten entfernte in einer Kirche in Neuseeland. Nicht so hierzulande: "Die Glockentürme sind voll in Österreich." Gerade mal in der Votivkirche fehlten ein paar, heißt es.

Auch kleinere Glocken, und zwar tausende Kuhglocken, werden in Innsbruck fabriziert, sowie mehrere Zehntausend Geschenks- und Tischglocken. Außerdem wurde unter der Ägide der jungen Führungscrew begonnen, Glocken und Klangschalen für Orchester oder für Wellnessanlagen herzustellen. 33 solcher Schalen gingen kürzlich an das Mariinski-Theater in St. Petersburg. Insgesamt "fertigen wir heute mehr denn je", sagt der Senior.

Wenn eine Kirchenglocke gegossen wird, ist dies auch immer ein besonderer Event für die Auftraggeber. Ganze Busse voll kommen, um zu erleben, wie "ihre" Glocke hergestellt wird, die dann mehrere Wochen auskühlen muss, bevor sie an ihren Bestimmungsort transportiert werden kann. So erst im November, als eine Gedenkglocke für den tschechischen Politiker Václav Havel für die St.-Gallus-Kirche in der Prager Altstadt gefertigt wurde. "Da kommt dann eine ganze Delegation", erläutert Grassmayr. Und trotzdem in der Ukraine oder in Russland wieder Glockengießereien entstanden sind, die allesamt weniger Umweltauflagen zu erfüllen haben – und deshalb billiger produzieren -, "können wir immer wieder schöne Aufträge an Land ziehen".

Langlebige Produkte

Normalerweise ist eine Kirchenglocke ein ausgesprochen langlebiges Produkt. Seit 1599 gibt es das Unternehmen Grassmayr. Die älteste noch erhaltene Glocke aus der Tiroler Gießerei steht bei Brixen und wurde im Jahr 1635 gegossen.

Allerdings wurden die Glocken, die aus Bronze, einem Zinn-Kupfer-Gemisch, bestehen, früher häufig während Kriegen umgeschmolzen und zu Kanonenkugeln umfunktioniert. So kam es, dass es in Nachkriegszeiten einen Nachholbedarf an Glocken gab. So geschehen besonders während des Ersten Weltkrieges, erläutert Grassmayr. Im Zweiten Weltkrieg dann verwendete man bei den Kanonen zwar bevorzugt Stahl, ließ aber die Kirchenglocken trotzdem nicht unberührt. Im Nationalsozialismus ließ man sie aus ideologischen Gründen gern einschmelzen. (Johanna Ruzicka, 23.12.2016)

  • Bartlme Grassmayr hat 1599 die erste Glocke gegossen. Seither gibt es das Familienunternehmen, mittlerweile in 14. Generation.
    foto: standard/fohringer

    Bartlme Grassmayr hat 1599 die erste Glocke gegossen. Seither gibt es das Familienunternehmen, mittlerweile in 14. Generation.

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