Nötigungsprozess: Ohnmachtsanfall einer Zeugin im Gerichtssaal

8. Jänner 2017, 16:29
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Ein 50-Jähriger soll seine Gattin auf der Straße gepackt und aggressiv in sein Auto bugsiert haben. Er sagt, er hatte Angst um sie

Wien – Dass Frau G. ein Problem hat, wird schon klar, als sie sich auf den Zeugenstuhl setzt. "Mir geht es nicht so gut", sagt sie zu Richterin Gerda Krausam und braucht einige Zeit, um zu artikulieren, dass sie nicht gegen den Angeklagten, ihren Ehemann, aussagen will. "Gut, dann können Sie wieder gehen", eröffnet ihr die Richterin. Die Zeugin erhebt sich – und donnert zum Entsetzen der Anwesenden plötzlich wie ein Baum bewusstlos auf den Saalboden.

Der Angeklagte ist gleich an ihrer Seite und beruhigt. "In zwei, drei Minuten ist sie wieder da und weiß es nicht mehr." Herr G. ist das offensichtlich gewohnt – schon zuvor hat der ausgebildete Notfallsanitäter Krausam gesagt, dass seine Gattin in Stresssituation manchmal plötzlich die Orientierung verliert und ohnmächtig wird.

In Auto gezerrt

Genau das hat den Unbescholtenen auch hierher gebracht. Der 50-Jährige soll am 19. August in Wien-Floridsdorf Frau G. auf der Straße gepackt, in sein Auto gezerrt und damit genötigt haben. Die Handlung selbst gibt er zu – nur habe sie einen völlig anderen Hintergrund als angeklagt.

Herr G. erzählt die Vorgeschichte: Seine Frau sei mit ihrem Ex im Clinch um ihren finanziellen Anteil an einem Haus gelegen. Am Vorfallstag fuhr sie mit dem Auto weg. "Ich hatte Angst, dass sie zu ihm fährt und es wieder Streit gibt." Als sie nicht wie angekündigt um 20 Uhr zurück war, fuhr der Angeklagte sie suchen. Dann erhielt er einen Anruf der Tochter: "Sie hat gesagt, dass sich die Mama gemeldet hat, dass sie auf einer Straße ist, und sie hat sich betrunken angehört."

Eine Flasche Cider

Die Frau hatte eine Flasche Cider getrunken, aber nur eine geringe Alkoholtoleranz. Der Angeklagte fuhr zur Adresse. "Da ist sie über die Straßenbahngleise gegangen. Ich hatte Angst, dass sie einen Unfall hat, habe sie gepackt und weggezogen."

Die ersten 250 Meter Richtung Auto sei sie noch mitgegangen, dann wollte sie nicht mehr heim. "Ich habe sie dann an den Haaren genommen und hingeführt." Anschließend bugsierte er sie auf den Beifahrersitz. "Nicht gewalttätig, aber auch nicht sanft", behauptet er. Als sie wieder ohnmächtig wurde, prüfte er ihren Puls und tätschelte ihre Wange, um sie wieder aufzuwecken.

Als zwei Zeugen auftauchten und ankündigten, die Polizei zu rufen, habe er das aber begrüßt und gewartet, bis die Funkstreife kam.

Zeugen alarmierten Polizei

Aber warum haben die Unbeteiligten die Exekutive alarmiert? "Für mich hat es sehr bedrohlich gewirkt", sagt eine Anrainerin, die im zweiten Stock aufmerksam wurde, als sie den Mann schreien hörte. "Die Frau ist aber ganz normal an den Gleisen gestanden und wollte auf die andere Seite gehen", sagt sie.

Ein Passant schildert, der Mann habe "sehr aggressiv gewirkt". Auf Nachfrage Krausams erinnert er sich aber auch, dass die Frau "ängstlich und leicht verloren" gewesen sei. Interessant ist, dass sich beide Zeugen quasi entschuldigen, sich überhaupt eingemischt zu haben. "Nein, nein, es ist gut, dass Sie das gemacht haben", beruhigt die Richterin sie.

"Ich habe das gesagt, was Du wolltest"

Etwas seltsam ist allerdings, dass der Zeuge gehört hat, dass Frau G. zu ihrem Gatten "Jetzt sehen alle, wie Du wirklich bist!" sagte. Auch als sie im Gerichtssaal nach wenigen Minuten aus ihrer Ohnmacht erwacht, ist einer ihrer ersten Sätze zu ihrem Ehemann: "Ich habe das gesagt, was Du wolltest." Danach kommt noch: "Die draußen haben gesagt, dass Du einen Denkzettel verdient hast."

Krausam sieht das nicht so und spricht den Angeklagten rechtskräftig frei. Er habe die Tat zwar begangen, aber nicht rechts- oder sittenwidrig gehandelt. Die Richterin glaubt G., dass er sich Sorgen um seine Frau gemacht hat und sie schützen wollte. "Wir konnten uns ja ein anschauliches Bild von Ihrer Gattin machen", begründet sie. (Michael Möseneder, 8.1.2016)

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