Feministischer Jahresrückblick

Blog25. Dezember 2016, 10:00
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Was für ein Jahr! Über die Debatten nach der Kölner Silvesternacht, die Nein-heißt-Nein-Kampagnen, die Niederlage Clintons und den lieben Feminismus

Mein lieber Feminismus,

meine Güte, was war das für ein Jahr! Terror, Gewalt, Tragödien, politische Nebelkerzen. Krieg, Lügen und was nicht alles. Kein Wunder, dass die meisten Menschen von diesem Jahr schon länger die Schnauze voll haben und es schnellstmöglich vergessen wollen.

paul bismuth

Aber was erzähle ich dir, du warst ja mittendrin. Das ging schon los mit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht. Da hat man dir zuerst Untätigkeit vorgeworfen und ein paar Tage in völlig unklarer Nachrichtenlage hämisch gefragt, wo denn angesichts der vielfachen Vergewaltigungen dein #aufschrei bleibt. Und als du dann ziemlich koordiniert und auf vielen Kanälen klargestellt hast, dass sexualisierte Gewalt #ausnahmslos zu ächten ist und nicht nur dann, wenn man gepflegt die eigenen Ressentiments bedienen kann, da wurden schnell Staatsfeminismus und Verschwörung gewähnt.

Mädchenmänner und Frauenrechte

Scheinbar stecken dir all die zahnbehaarten, humorbefreiten Weiber und pudeligen Mädchenmänner wie ich endlose Ressourcen zu. Dass das Geldverschwendung ist, haben viele zwar schon lange gewusst, aber 2016 auch endlich einmal laut gesagt. Zum Beispiel diejenigen, die mit Schildern, auf denen "Beine breit für Weltoffenheit" steht, für Frauenrechte eintraten. Oder die, die finden, dass du wissenschaftlich gesehen totaler Humbug bist und als Beweis dafür ein bisschen Tautologiereiten spielen: Weil du unwichtig bist, wissen sie nichts von dir. Und dass du kein Wissen produzierst, was so bedeutenden Herrschaften bekannt wäre, zeigt, wie unwichtig du bist.

Was machst du auch immer nur für Sachen? Gerade 2016?! Gegen Sexismus protestieren und dich gegen die mediale Berichterstattung über ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer wenden. Hast du wirklich nichts Wichtigeres zu tun?

Hysterisch wie immer

Und dann hast du wieder einmal viel zu hysterisch Stress wegen sexualisierter Gewalt gemacht und mit Nachdruck gefordert, dass Nein auch tatsächlich Nein heißen soll. Das hat die Menschen total verwirrt. Wie damals, als du die Vergewaltigung innerhalb einer Ehe als juristischen Straftatbestand definiert hast. Aber wenigstens konnten ein paar Leute ihre alten Texte hervorkramen und wiederverwerten.

So ging das immer weiter mit dir. Den einen warst du zu laut und zu wütend, den anderen zu cool und zu träge.

Nie hast du dich um Alleinerziehende, Migrantinnen, Opfer von Gewalt, Hausfrauen und sozial Schwache gekümmert. Also außer, wenn du dich um Alleinerziehende, Migrantinnen, Opfer von Gewalt, Hausfrauen und sozial Schwache gekümmert hast. Mit Equal Care Day, Nein heißt Nein, Hebammensolidarität, antirassistischen Kampagnen und so Zeug. Ist aber nicht wichtig. So genau muss man dich nicht kennen. Schließlich kann man heutzutage ja auch islamkritisch sein und braucht dafür nichts über den Islam zu wissen. Das gehört zum Zeitgeist. Genauso wie deine Schuldhaftigkeit übrigens. Da brauchste gar nicht so zu gucken, Feminismus.

Mit Feminismus rumhängen

Das mit dem Trump hast du verbockt. Je nachdem, wen man fragt, hat die Clinton die Wahl verloren, weil sie zu viel mit dir rumhängt oder eben zu wenig. Weil sie sich für Frauenrechte starkgemacht hat oder weil sie nur die Rechte von einigen wenigen privilegierten Frauen vertreten hat. Den Norbert Hofer hast du auch fast nicht verhindern können. Und dass dann der Van der Bellen gewählt wurde, war sicher nicht dein Verdienst. Meinst du, du könntest dir nach 2016 endlich einmal merken, dass du verkehrt bist und bleibst, egal wie du es machst?!

Jetzt habe ich mich ein bisschen aufgeregt. Lieber Feminismus, du kennst mich ja: Ich tendiere zu Zynismus. War aber auch ein echt anstrengendes Jahr. Ich würde dir ja gerne sagen, dass 2017 alles besser wird, aber das wäre glatt gelogen. Du wirst dafür verantwortlich gemacht werden, dass die AfD gewählt wird. Dass wir zu nett und unkritisch mit Geflüchteten umgehen und als Männer und Frauen gar nichts mehr miteinander anfangen können. Die Teile von dir, mit denen Rassismus nicht zu machen ist, werden natürlich auch an Terroranschlägen Mitschuld tragen. Das versteht sich von selbst. 2017 wird aber genau wie 2016 auch ein Jahr sein, in dem man dich aus keiner größeren Debatte wird heraushalten können und in dem du immer wieder neue anstößt. Ein Jahr, in dem man dich mit noch mehr Dreck bewerfen wird und du dir das noch weniger bieten lassen wirst. Und ein Jahr, das einmal mehr zeigen wird:

Totgesagte leben länger! In deinem Fall haben sie oft sogar die besseren Argumente.

Auf ein Neues! (Nils Pickert, 25.12.2016)

  • Mein lieber Feminismus, auf ein Neues!
    foto: getty images/istockphoto/jobongard

    Mein lieber Feminismus, auf ein Neues!

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