Montessori: Unterricht ohne Schulfächer

29. Dezember 2016, 07:00
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Reformpädagogische Schulen sind gefragt, eine lange Tradition hat die Montessori-Methode. Voneinander- und vernetztes Lernen stehen dabei im Zentrum

Das Badezimmer ist das Chemielabor, im Wohnzimmer wird gelesen, gelernt und gebastelt. Mitten in einer Wohnsiedlung im 14. Bezirk in Wien liegt der Montessori-Campus. Aufgeteilt auf verschiedene Häuser, die wenige Gehminuten voneinander entfernt sind, gibt es ab dem Kleinkindalter bis zum International Baccalaureate Lernangebote für jedes Alter.

Betritt man die Räumlichkeiten, glaubt man eher, die Wohnräume einer kinderreichen Familie zu betreten, denn in einer Schulklasse zu sein. Dass hier keine Schulglocke läutet, fällt daher auch gar nicht auf. An klassischen Schulunterricht erinnert hier ohnehin wenig. Auffallend ist auch, dass trotz der vielen Kinder alle Räume relativ aufgeräumt und ordentlich sind.

Unterrichtet wird nach einem Mehrstufenprinzip, das laut der Gründerin dieser Pädagogik, Maria Montessori, der Entwicklungsphase des jeweiligen Alters entspricht. Auf dem Campus in Wien werden jeweils drei klassische Schulstufen einer Primar- beziehungsweise Sekundarstufe zusammengefasst.

Das Voneinanderlernen steht im Mittelpunkt. Unterrichtsfächer, wie sie in der Regelschule bekannt sind, gibt es hier nicht. Vernetztes Lernen ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Und auch die Ordnung ist Teil des Bildungskonzepts. Sie soll als Orientierung dienen und auch zu einer inneren Ordnung führen. Zwei Pädagogen kümmern sich um das Vorankommen der Schülerinnen und Schüler. Das erste Darstellen eines neuen Lernthemas erfolgt durch den Pädagogen, die Folgearbeit leisten die Schülerinnen und Schüler dann selbstständig.

Hohe Lernbegeisterung

Genaue Vorgaben, wann die Schüler was zu machen haben, gibt es nicht. "Es hat aber noch nie eine Diskussion darüber gegeben, dass die Kinder nicht arbeiten, eher das Gegenteil ist der Fall", sagt Birgit Rateniek, seit 13 Jahren Pädagogin am Montessori-Campus. Denn Kinder wollen von sich aus lernen, wenn sie dafür die passende Umgebung vorfinden, so die Überzeugung der Montessori-Pädagogik. Eine gut vorbereitete Umgebung ist die Voraussetzung, damit Schüler in der Freiarbeit für das Vorankommen und die Entwicklung selbstständig sorgen können.

"Vom Greifen zum Begreifen" ist ein Schlüsselsatz in der Montessori-Pädagogik. Vieles wird daher durch praktischen Unterricht gezeigt. Selbstgemachte Marmelade wird beispielsweise von den Schülern auf verschiedenen Märkten verkauft, und gleichzeitig werden so wirtschaftliche Zusammenhänge erklärt. "Ganz Wien ist ein vorbereiteter Ort", sagt Rateniek. Daher findet der Unterricht oft auch draußen statt. Beim Reflektieren mit den Kindern werde überprüft, ob das, was erarbeitet wurde, auch sitzt. "Etwas nicht zu können erlauben wir hier gar nicht", sagt Rateniek. Es sei Aufgabe des Pädagogen zu erkennen, welcher Schüler welche Unterstützung brauche, sagt sie.

Auch die Regeln für das Miteinander werden von den Schülern selbst aufgestellt. "Und da stellt sich oft heraus, dass die Kinder viel strenger sind, als wir es mit ihnen wären", sagt Rateniek.

Vor gut 20 Jahren wurde mit einem Kinderhaus und der Primarstufe I der Grundstein für den Montessori-Campus gelegt, seit vergangenem Jahr können Schüler der Montessori-Schule mit dem International Baccalaureate Diploma abschließen und so ohne zusätzliche Prüfungen ein Hochschulstudium beginnen. Die Prüfung dafür haben alle 13 Teilnehmer bestanden.

Montessori-Methode

Begründet wurde diese pädagogische Methode von der 1870 in Italien geborenen Ärztin Maria Montessori. Bei der Arbeit mit geistig beeinträchtigten Kindern auf der psychiatrischen Station eines Krankenhauses stellte sich heraus, dass diese Kinder keineswegs geistig unterentwickelt waren, sondern ihnen bisher nur jegliche Förderung gefehlt hatte. Daraufhin entwickelte Montessori spezielle Arbeitsmaterialien, mit denen es ihr gelang, die Kinder zu stimulieren, ihre Neugier zu wecken und ihre Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit anzuregen.

1907 gründete sie in San Lorenzo, einem Armenviertel von Rom, das erste Casa dei Bambini ("Kinderhaus"). 1917 wurde das erste Montessori-Kinderhaus in Österreich von Franziskanerinnen in Wien gegründet. 1924 folgte dort die Eröffnung der ersten Montessori-Schule Österreichs.

1938 wurden alle Montessori-Einrichtungen von den Nationalsozialisten geschlossen. Nach 1945 gelang der Wiederaufbau zunächst in Innsbruck, wo 1951 ein internationaler Montessori-Ausbildungskurs stattfand. Ab den 1970er-Jahren entstand in Österreich eine Reihe Montessori-Einrichtungen, die meisten davon im Kinderhausbereich. (Gudrun Ostermann, 29.12.2016)

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    gernot muhr

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  • – und es wird experimentiert.
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