Weihnachtspullover

23. Dezember 2016, 15:00
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Dem Wahnsinn ein Gesicht geben oder optische Belästigung

foto: reuters / toby melville

Pro
von Daniela Rom

Der verwordakelte Baum gibt sein Bestes, doch der Streit um den schlechten Kauf ist schon längst zum Scheidungsgrund geworden. Das Festmahl schmort im Ofen und riecht irgendwie verbrannt. Die Kinder schreien, denn sie wollen jetzt, gleich, sofort ihre Geschenke. Und Onkel Sepp hält sich schon seit zehn Uhr am Vormittag an der Schnapsflasche fest: Herzlich willkommen im emotionalen, bis zu drei Tage andauernden Ausnahmezustand, genannt Weihnachten.

Es ist die härteste der Lektionen in Demut, an den Feiertagen innere Ruhe und weihnachtlichen Frieden auszustrahlen. Während die einen also krampfhaft versuchen, ihr einzementiertes Lächeln und die Nerven zu behalten, greift der geübte Grinch auf einen möglichst kitschigen Weihnachtspullover zurück. Um so das Innerste nach außen zu kehren und dem Wahnsinn ein Gesicht zu geben.

Deswegen: Nur mit einem Schneemann oder Rentier, Sternderln und am besten noch etwas Glitzer am Pullover kann der 24. Dezember kommen. Danach landet das Gewand im Kasten, und alle haben wieder ein Jahr lang ihre heilige Ruh.

Kontra
von Fabian Schmid

Im Garten das kitschig beleuchtete Rentier aus Kunststoff, in der ganzen Wohnung Lichterketten und in der Mitte des Wohnzimmers ein riesiger Tannenbaum, der mit eindeutig zu vielen Kugerln, Kerzen und Lametta überhäuft wurde.

Dazu kommen natürlich Servietten im Weihnachtsdesign, ein heiligabendlich gedeckter Tisch, und sogar von der Extrawurst springt einem ein Weihnachtsmotiv ins Gesicht.

Liebe Dekorateure, das reicht. Lasst dem von Glitzer, Lichteffekten und einer Armee an golden-rot-silbern-tannengrün schimmerndem Nippes überforderten Auge doch noch einen Platz, um sich auszuruhen. Ein weißes Hemd, ein grauer Pullover, ein schwarzes Sakko: Dort findet der Blick seine wohlverdiente Rast. Es ist ja nicht so, als ob die anderen Sinne zu Weihnachten unterfordert wären.

Abgesehen von der optischen Belästigung stellt sich auch die Frage, wie sinnvoll es ist, ein Kleidungsstück zu besitzen, das man nur einmal im Jahr trägt. Da lobt man sich doch den Anzug: Der kann wenigstens zu Hochzeiten, Beerdigungen und bei der Weihnachtsfeier getragen werden. (RONDO, 23.12.2016)

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