Wo Deutschland verfällt: Geisterschlösser und vergessene Fabriken

5. Jänner 2017, 09:00
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Der Deutsche André Winternitz erklärt seine Liebe zu einstürzenden Altbauten

André Winternitz fotografiert verlassene Häuser mit Geschichte. Ob einsame Waldklause, ostdeutsche Industrieruine, Sanatorium, Irren- oder Herrenhaus, er hat schon hunderte rätselhafte Gebäude aufgestöbert. "Lost Places" ist in der Fotografenszene der Terminus für diese gottverlassenen Gemäuer. Winternitz hat seine Website rottenplaces.de getauft.

foto: rottenplaces.de
Schloss Zerbst in Sachsen-Anhalt ist im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden und existiert nur mehr als Rudiment.

Winternitz wohnt und arbeitet in der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock in Nordrhein-Westfalen. Er betreibt rottenplaces.de seit 2009 als freiberuflicher Redakteur.

foto: rottenplaces.de
Biotürme in Brandenburg.

"Wenn man einmal vor Ort ist, die Augen schließt und man mittendrin steht, dann fühlt man etwas. Nicht nur Einsamkeit und Stille, sondern man fragt sich: Was war hier mal los? ‚Wenn Mauern sprechen könnten?‘, mit dieser Frage fängt es an. Die Mauern könnten von der Erbauung bis zur Schließung viele Geschichten erzählen. Schöne, aber oft auch negative Geschichten, vielleicht noch aus dem Krieg oder aus der DDR-Zeit. Ich glaube, jedes Gebäude hat eine Seele", sagt Winternitz.

foto: rottenplaces.de
Ehemaliges Porzellanwerk in Sachsen.

Winternitz lebt etwa eine Autostunde vom Ruhrgebiet – eine ergiebige Region für Fans von Lost Places. "Nordrhein-Westfalen allein hat über tausend Zechen gehabt, mittlerweile hat das Bundesland noch zwei aktive", sagt der 39-Jährige. Besonders vielfältig und interessant sei aber die ehemalige DDR.

foto: rottenplaces.de
Bahnbetriebswerk in Sachsen.

Der Zugang von rottenplaces.de sei das Recherchieren und Dokumentieren des geschichtlichen Hintergrunds der Bauwerke. "Wir katalogisieren, archivieren und versuchen möglichst genau, die Geschichte des Gebäudes herauszufinden", sagt Winternitz. "Wir wollen zeigen: Freunde, in der Stadt, in der ihr lebt, gab es diese und jene Fabriken, Sanatorien und so weiter. Überlegt mal, was die Gebäude für eine Geschichte hatten und ob sie nicht einer neuen Nutzung zugeführt werden können!"

foto: rottenplaces.de
Frühere Lederfabrik in Thüringen.

Der Deutsche sieht auch Irrwege der Lost-Places-Bewegung: Fotografen, denen es nur um ein möglichst spektakuläres oder morbides Motiv gehe und die Gebäude wie Trophäen sammeln würden. Es würden dabei auch Gesetz übertreten werden, was Winternitz verurteilt, wenngleich erst wenige Fotografen wegen Landfriedensbruchs verurteilt worden seien.

foto: rottenplaces.de
Verlassene Papierfabrik in Sachsen-Anhalt.

"Viele suchen, wenn sie keine Genehmigung haben, nicht einfach eine Lücke im Bauzaun oder ein offenes Türchen, sondern verschaffen sich illegal Zutritt", sagt Winternitz. "Durch den Medienhype, vor allem über die sozialen Netzwerke, werden Immobilieneigentümer aufmerksam. Wir haben dann das Problem, dass Eigentümer, wenn wir offiziell anfragen, um das Historische dokumentieren, oft keinen Zugang mehr erlauben."

Gedankenlose Trittbrettfahrer, die ohne Rücksicht auf Gebäude und Rechtslage einfach losziehen, würden seine Arbeit auch vor Ort erschweren. "Wenn wir auf einem Gelände unsere Fotoarbeit beginnen, hast du sofort Menschen ‘rum, die meinen: Das sind Kabeldiebe, oder die machen irgendetwas Illegales."

foto: rottenplaces.de
Ehemalige Betonwerke in Sachsen.

Winternitz sieht sich hingegen als sorgfältiger Chronist. Er frage offiziell bei den Gemeinden an, bei Bau- und Liegenschaftsämtern, um den Eigentümer zu ermitteln. Manchmal begehe er die Anwesen auch mit Zeitzeugen und Eigentümern, um Details über Objekte zu erfahren.

foto: rottenplaces.de
Historische Mühle in Sachsen-Anhalt.

Im Idealfall hat Winternitz am Ende eine Menge Fotos. Außerdem werden Baujahr und ehemalige Nutzung(en) des Gebäudes, manchmal Verkäufe und – etwa bei alten Fabriken – Konkurse dokumentiert.

foto: rottenplaces.de
Boot vor Industriedenkmal in Nordrhein-Westfalen.

Das Herzstück von rottenplaces.de ist das Objektarchiv. Zusätzlich gibt es aktuelle Nachrichten und ein vierteljährliches e-Magazin, das auf Bestellung (vorerst nur in Deutschland) um 15 Euro auch als Printversion zu haben ist.

Winternitz will mit seiner Arbeit Bewusstsein für die vergessenen Gebäude schaffen. Ist der Verfall nicht fortgeschritten, sei auch eine neue Nutzung, etwa als Flüchtlingsheim, möglich. Manchmal werde ihm der Zutritt aber auch verwehrt, oder Eigentümer würden die leerstehenden Gebäude abreißen lassen.

foto: rottenplaces.de
Historische Industrieanlage in Sachsen.

So oft wie möglich begibt sich Winternitz selbst vor Ort. Auch seine Lebensgefährtin, im Hauptberuf Altenpflegerin, fotografiert für rottenplaces.de. "Man erstellt gewisse Listen. Wenn man zum Beispiel sagt, ich will nach Schleswig-Holstein, suche ich mir in einem bestimmten Umkreis acht bis zehn Objekte. Das plane ich und lege mir eine Tour. Zweimal im Monat mache ich eine Wochenendtour, gelegentlich auch eine mehrtägige."

foto: rottenplaces.de
Ehemalige Spielzeugfabrik in Sachsen.

Als der gelernte Zimmerer und Werbegrafiker 2008, damals noch für ein anderes Magazin, das erste Mal ein verfallenes Haus fotografierte, "war das wie ein Virus". Das Gefühl beschreibt Winternitz so: "Seitdem bist du infiziert und kannst auch nicht mehr anders." (Lukas Kapeller, 5.1.2017)

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