Vom Balkan fliegt keiner mehr in den Jihad

    21. Dezember 2016, 18:37
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    Erfolgreiche Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste – 2016 keine Abreisen mehr

    Die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden und Geheimdienste auf dem Westbalkan, um zu verhindern, dass Europäer in den "heiligen Krieg" ziehen, fruchtet immer mehr. "Seit 2016 gingen praktisch keine Kämpfer mehr vom Westbalkan nach Syrien oder in den Irak", erklärt der Sicherheitsexperte Vlado Azinović. Es habe dieses Jahr überhaupt keine "erfolgreichen" Abreisen aus Bosnien, dem Kosovo und Albanien gegeben. "Der Zustrom von anderen ausländischen Kämpfern, die nach Syrien und in den Irak kommen, ist 2016 insgesamt von 2000 pro Woche auf 50 pro Woche gefallen", so Azinović.

    Mehr Salafisten

    Laut den Geheimdiensten wächst hingegen die Zahl der ultrakonservativen Salafisten auf dem Balkan insgesamt an. Die meisten von ihnen sind jedoch nicht gewaltbereit. In den vergangenen Monaten hat die Islamische Glaubensgemeinschaft in Bosnien-Herzegowina versucht, salafistische Gruppen – genannt Para-Dschemats – zu integrieren, und Imame, die dem Mainstream der Hanafi-Schule folgen, zu ihnen entsandt. "Formal hat sich einiges geändert, aber in der Essenz bleiben viele Probleme bestehen, weil die Para-Dschemats dafür bekannt sind, dass sie Narrative erzeugten, die viele Personen radikalisiert haben, die dann möglicherweise nach Syrien oder in den Irak gingen", erklärt Azinović.

    Etwa 200 Bosnier gingen in den vergangenen Jahren als Kämpfer in den Irak oder nach Syrien, 80 Prozent davon waren männlich, ein Drittel hatte einen kriminellen Hintergrund. Es gibt Hinweise, dass viele mittlerweile gestorben sind. Laut den bosnischen Sicherheitsagenturen sind 60 Kämpfer zurückgekehrt. Zwölf bis 15 gingen weiter nach Westeuropa, wo sie zuvor gelebt hatten. Die anderen 40 befinden sich in Bosnien-Herzegowina. "Mehr als 20 Personen wurden bislang wegen ihrer Beteiligung an Terrorgruppen in Syrien und im Irak oder für deren Rekrutierung und Finanzierung verurteilt. Ich würde sagen, dass wir da ziemlich erfolgreich waren", so Azinović.

    Viele hätten angeboten, in anderen Prozessen als Zeugen auszusagen, und müssen deshalb nur eine einjährige Haftstrafe verbüßen. In der Polizei und in der Staatsanwaltschaft wurden Einheiten geschaffen, die auf die Kämpfer spezialisiert sind. Im Juli 2015 wurde auf der Staatsebene eine neue Präventionsstrategie gegen Terrorismus angenommen – unter anderem um die Rückkehrer zu kontrollieren.

    Seitdem die Verschärfung durchgeführt wurde, gibt es eine klarere Vorgehensweise bei den strafrechtlichen Untersuchungen und der Verfolgung von Terrorverdächtigen und ihren Netzwerken. Bosnien-Herzegowina war das erste Land in der Region, das im Juni 2014 die Teilnahme von Bürgern in ausländischen Kriegen unter Strafe stellte.

    Kriegsveteranen anfällig

    Etwa ein Drittel der bosnischen Kämpfer sind ehemalige Teilnehmer des Bosnienkriegs und deshalb in einem entsprechenden Alter. Immer wieder wird in der Propaganda ein direkter Bezug zwischen dem Bosnienkrieg und dem Krieg in Syrien oder im Irak hergestellt, als würde es sich um die Fortsetzung des vergangenen Kriegs handeln.

    Bereits während des Kriegs (1992–1995) stieg der Einfluss der Extremisten in Bosnien-Herzegowina, auch dadurch, dass Geld aus den Golfstaaten und aus dem Sudan nach Bosnien-Herzegowina floss. Es wurden Moscheen mit zwei Minaretten gebaut – anders als die bosnischen mit einem Minarett –, und einige ehemalige Mujahedin gründeten Gemeinschaften, die sich komplett abschotteten, und versuchten jene Gesellschaft nachzubauen, wie es sie zu Lebzeiten Mohammeds im 7. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel gab. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 21.12.2016)

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