"Endspiel": Sprechblase des Untergangs

21. Dezember 2016, 16:52
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Robert Wilson sagt mit Becketts Endzeit-Dauerbrenner sein Adieu zur Ära von Claus Peymann am Berliner Ensemble

Unter dem Titel Endspiel liefert Robert Wilson seine zehnte Inszenierung am Berliner Ensemble (BE) ab. Diesmal zu Samuel Becketts Endzeit-Dauerbrenner. Und gleichzeitig zur Abschlussspielzeit von Claus Peymann, der seit der Jahrtausendwende dem einstigen Brecht-Theater vorsteht. Nicht nur an der Volksbühne wechselt nämlich die Leitung.

Ab kommender Spielzeit kann sich Oliver Reese (derzeit noch der Chef des Schauspiel Frankfurt) mit dem Hauseigentümer der Immobilie, Rolf Hochhuth, rumzanken. Falls er dazu Lust hat. So wie sein Vorgänger. Der hat aus dem BE immerhin ein so gut wie ausverkauftes Hochglanztheater gemacht. Was sich die dort verfertigte Ästhetik an Irritation sparte, reicht der Hausherr immer wieder mit pointierten Statements nach.

Zu "seinen" Regisseuren gehörte auch der Texaner Robert Wilson. Für ihn wurde das BE eine verlässliche Niederlassung in Berlin, gleichsam für Deutschland und Europa. Er lieferte die grandiosen Shakespeare-Sonette, eine quasi hauseigene Dreigroschenoper und eine Faust-Version mit Grönemeyer-Vertonung. Im jüngsten Falle ist das ausgewählte Stück ein Statement. Ein fröhlich designtes, bei dem er alle seine bewährten ästhetischen Versatzstücke hochkonzentriert auffährt.

Lärmsprechblasen

Wir sehen einen hermetischen Raum mit der Grundfarbe Weiß und immer wieder abrupten Farbwechseln. Mit martialischen Lärmsprechblasen, wie sie der Untergang der Welt machen würde. Mit einem griesgrämigen, im schwarzen Rollstuhl thronenden Hamm, der bei Martin Schneider ein schnarrender Dauernörgler ist. Und mit einem zackig die Position seines grinsenden Gesichts und seines Körpers wechselnden Georgios Tsivanoglou als Diener Clov. Ihm ist der Running Gag vorbehalten: Bei jedem Abgang läuft er mit dem Kopf und einem lauten Knall gegen einen imaginären Türrahmen. Bis er sich entschließt, Hamm zu verlassen.

Und dann sind da die beiden Alten. Von denen nur die Hände und dann der Kopf aus den auf die Ränder reduzierten Tonnen ragen. Wenn sie nicht auf ihren wesentlichen Rest reduziert wären, könnte man sagen, dass die beiden (Jürgen Holtz und Traute Hoess) den anderen den Rang ablaufen.

Wilson lässt sich bei seiner Version, ohne ein Problem damit zu haben, getrost von der Wirklichkeit überholen. Zur B.Z. sagte er etwa über Donald Trump, er finde es "sehr beängstigend, dass dieser unkultivierte, bigotte, homophobe und rassistische Mann, der die Presse bedroht, bald Präsident sein wird". Mit dem Endspiel hingegen feixt er sich eher eins mit und über Becketts Vision.

Zum musikalischen Sound von Hans Peter Kuhn macht er aus der Unbeweglichkeit von Hamm eine Parodie des Pathetischen und aus der Umtriebigkeit des Abhängigen Clov ein PS zum Leben. Als Slapstick. Und aus den entsorgten Alten Nell und Nagg den ausgedorrt banalen Rest des Vitalen. Der grandios aus der Tonne leuchtet. (Joachim Lange, 21.12.2016)

  • Martin Schneider (Hamm) und Georgios Tsivanoglou (Clov).
    foto: lovis ostenrik

    Martin Schneider (Hamm) und Georgios Tsivanoglou (Clov).


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