Dem Gegenüber auf den Mund schauen: Kulturelle Unterschiede

7. Jänner 2017, 11:35
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Beim Zuhören simultan die Lippen lesen führt zu besserem Verständnis – doch nur, wenn das früh erlernt wurde

Kumamoto – Videos mit Native Speakers anzuschauen, kann das Erlernen von Fremdsprachen erleichtern. Das gelte interessanterweise jedoch nicht für Menschen mit Japanisch als Muttersprache, sagt Kaoru Sekiyama von der Universität Kumamoto unter Verweis auf frühere Untersuchungen.

Den Grund dafür glaubt Sekiyamas Team nach einer Reihe von Experimenten in einer kulturellen Besonderheit ausfindig gemacht zu haben. Zusammen mit Kollegen von der Medizinischen Universität Sapporo und dem japanischen Advanced Telecommunications Research Institute International (ATR) verglichen sie dafür zwei Gruppen von jeweils 20 Sprachschülern: Japaner zum einen, Englischsprachige zum anderen. Gemessen wurden Gehirnaktivität, Blickverlauf und Reaktionszeiten der Probanden.

Klare Unterschiede

Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die Englischsprachigen – die Universität nennt sie stellvertretend für "Menschen der westlichen Welt" – sahen ihrem im Video gezeigten "Gegenüber" stets auf die Lippen. Laut Sekiyama antizipieren sie so, was sie zu hören bekommen werden, und engen bereits einige hundert Millisekunden vor der eigentlichen Vokalisierung die Möglichkeiten ein.

Menschen mit Japanisch als Muttersprache tun dies offenbar nicht. Ihr Blick war in den Versuchen nicht in gleicher Weise auf die Lippen fixiert, sie verließen sich rein auf das Hören. Und ihre Reaktionszeiten waren im Schnitt langsamer. Die Forscher vermuten, dass Menschen aus dem Westen schon sehr früh lernen, auditive und visuelle Wahrnehmungen zu verknüpfen, was auch zu einer besonders starken Verbindung zwischen den jeweils zuständigen Gehirnregionen führe.

Irritation vor der Glotze

Wie zum Trost für ihre Landsleute weisen die Forscher aber darauf hin, dass dieser sogenannte McGurk-Effekt – also die Beeinflussung der Wahrnehmung akustischer Sprachsignale durch simultane Beobachtung von Lippenbewegungen – auch einen Nachteil hat: Der McGurk-Effekt ist es nämlich, der uns so irritiert, wenn wir im Fernsehen oder Kino einen schlecht synchronisierten Film sehen. (red, 7. 1. 2017)

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