Wie Laien in die Archäologie einsteigen können

Blog22. Dezember 2016, 08:00
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Die Möglichkeiten, als Laie aktiv an archäologischer Forschung teilzunehmen, sind in Österreich bisher begrenzt. Der Verein Archaeopublica möchte das ändern

Mitten im Modegeschäft Neugebauer, zwischen Regalen mit Jeans und sportlichen T-Shirts, stehen ein paar Schneiderpuppen mit ungewöhnlichem Outfit. Sie tragen römische Tuniken und sogar eine komplette Legionärsrüstung. Dies ist eine der 28 Stationen des Römerwegs, der die römische Vergangenheit der Stadt Wels erlebbar macht. Initiiert wurde er vom Verein Römerweg Ovilava. Dank der Aufmerksamkeit einiger Vereinsmitglieder konnten schon etliche römische Funde geborgen oder im letzten Moment vor der endgültigen Zerstörung dokumentiert werden. Und wenn Not am Mann ist, helfen die Mitglieder des Vereins auch selbst bei den Rettungsgrabungen aus.

Gemeinschaftsarchäologie

Der Verein Römerweg Ovilava ist ein gutes Beispiel von Community Archaeology: Archäologie durch die Gemeinschaft für die Gemeinschaft. Im Vergleich zu anderen Ländern, wie etwa Großbritannien oder Frankreich, steckt community archaeology in Österreich noch in den Kinderschuhen.

Um dies zu ändern, gründeten einige Personen aus der Archäologie- und Heimatforschung vor zwei Jahren den Verein Archaeopublica. Allein die Idee dieses Vereins löste bereits Diskussionen aus.

Amateurarchäologen und Hobbychirurgen

Ehrenamtliches Engagement hat in der österreichischen Archäologie einen relativ geringen Stellenwert. Dies zeigt sich bereits in der Bewertung des Begriffs "Amateurarchäologie" (von lateinisch amator, Liebhaber). Anders als in den Niederlanden oder Großbritannien gilt dieser im deutschen Sprachraum bestenfalls als abwertend. Manche sind der Meinung, der Begriff sei ein Widerspruch in sich. Denn als ArchäologIn darf sich nur bezeichnen, wer ein einschlägiges Universitätsstudium absolviert hat. Amateurarchäologe sei also etwas wie "Hobbyelektriker" oder "Hobbychirurg".

Tatsächlich hat die Archäologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine starke Professionalisierung erlebt, die mit Reglementierung verbunden war. Archäologie ist längst Teil von Umweltverträglichkeitsprüfungen und Forschungsstrategien – und somit weit mehr als ein Hobby. Grabungsfirmen, Denkmalbehörden, Universitäten und Museen haben klare Aufgaben in einem System, das der Erhaltung und Erforschung des archäologischen Erbes dienen soll. Für die Heimatforschung ist in diesem System derzeit wenig Platz eingeräumt – auch aus Mangel an Betreuung.

Wem gehört die Archäologie?

Natürlich hat niemand Interesse daran, diese Professionalisierung aufzulösen. Bürgerbeteiligung soll nicht heißen, dass jeder nach Lust und Laune den Spaten ansetzen kann, um archäologische Funde zutage zu fördern. Nur: Wenn sich Archäologen hinter dem Gesetz verschanzen und dadurch jeglichen Kontakt zur archäologisch interessierten Welt außerhalb des eigenen Faches vermeiden, vergessen sie allzu leicht, worum es in diesem Beruf überhaupt geht.

Die Bedeutung der Archäologie für die Gesellschaft ist vergleichbar mit der eines Familienalbums. Die meisten Menschen interessieren sich für ihre Familiengeschichte, da sie ein Teil der eigenen Biografie ist. Um das Wesen und Handeln eines Menschen zu verstehen, muss man dessen Lebenslauf und Vorgeschichte kennen. Was für einzelne Personen und Familien im Kleinen gilt, gilt für die Gesellschaft im Großen. Man kann die Gesellschaft, unsere Umgebung und Kultur nicht verstehen, ohne deren Entwicklung zu studieren. Deshalb liegt Archäologie im öffentlichen Interesse. So zumindest steht es im österreichischen Denkmalschutzgesetz. Tatsächlich ist ein Großteil der österreichischen Bevölkerung an Archäologie interessiert. Die Frage ist nur: Wer hat eigentlich Anrecht darauf, die kulturellen Hinterlassenschaften zu studieren? Oder: Wem gehört die Archäologie?

Streitthema Sondengänger

Das wohl größte Streitthema sind die "Schatzsucher". Sehr viele Leute suchen in ihrer Freizeit mit einer Metallsonde nach Münzen, Schmuck, Waffen und anderen "Schätzen". Die meisten sehen darin wohl ein eher harmloses Hobby, vergleichbar mit dem Schwammerlnsuchen. Vielen Archäologen sind die Metallsondengänger aber ein Dorn im Auge. Denn Funde, die ohne genaue Beobachtung und Dokumentation aus ihrem ursprünglichen Kontext entfernt worden sind, sind für die Wissenschaft nahezu wertlos. Vor allem natürlich dann, wenn man nicht einmal von ihrer Entdeckung erfährt. Und das ist die Krux.

In Österreich hat man versucht, das "Sondeln" zu verbieten. Die gezielte Suche nach archäologischen Denkmalen (dazu gehören eben auch bewegliche Funde) ist laut dem Denkmalschutzgesetz nur mit einer Bewilligung des Bundesdenkmalamtes erlaubt. Diese Bewilligung wird nur Personen erteilt, die ein einschlägiges Hochschulstudium absolviert haben.

Verschwundene Funde

In der Praxis lässt sich wohl kaum ein Sondengänger durch dieses Gesetz von seinem Hobby abhalten, zudem sich die gezielte Suche nach archäologischen Denkmalen schwer nachweisen lässt. Die meisten Sondengänger hüten sich jedoch verständlicherweise, ihre Funde dem Bundesdenkmalamt zu melden. Eigentlich müssen archäologische Zufallsfunde in Österreich spätestens am nächsten Werktag gemeldet werden. Im Fall der Sondengänger käme dies jedoch einer Selbstanzeige gleich. So verschwinden jedes Jahr abertausende archäologische Funde in private Sammlungen, auf den Schrottplatz oder auf den Kunstmarkt, ohne dass die Wissenschaft, das Denkmalamt, allem voran aber die Gesellschaft davon erfährt.

Andersherum halten sich Archäologen bedeckt, was genaue Lageangaben von Fundstellen angeht, um keine Schatzsucher anzuziehen. Die meisten Grabungen werden daher erst gegen Ende oder nach Abschluss bekanntgegeben. Die Gesellschaft hat dadurch wenig Einblick in die Archäologie, die von ihr finanziert wird und in ihrem Interesse stattfindet. Daher ist es auch kaum überraschend, dass ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung ein sehr unrealistisches Bild der Archäologie hat. Nicht selten zeigen sich Menschen sogar überrascht, dass es für Archäologen in Österreich überhaupt etwas zu entdecken gibt. Denn dafür müsse man ja mindestens nach Italien fahren …

Raus aus dem Elfenbeinturm

Inzwischen reift international die Erkenntnis, dass die Öffentlichkeit aktiver in die Wissenschaft und den Kulturerbeschutz eingebunden werden muss. Denn nur so finden diese ihre Berechtigung und eine breite Unterstützung in der Gesellschaft. Dies ist der Kerngedanke der Rahmenkonvention des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft (auch Faro-Konvention), die 2015 von Österreich ratifiziert und eingeführt wurde.

Der Verein Römerweg Ovilava wurde als Beispiel hervorgehoben, wie dieser Gedanke in der Praxis umgesetzt werden kann. Im selben Jahr veröffentlichte die deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, ein großer Verband von Archäologen und archäologisch Interessierten, die Tübinger Thesen zur Archäologie. Das Manifest enthält sechs Thesen, deren ersten zwei lauten: Archäologie braucht Bürgerbeteiligung auf Augenhöhe, und: Die Archäologie sollte Sondengänger zur legalen Kooperation einladen.

Im akademischen Bereich ist eine Zunahme sogenannter Citizen-Science-Projekte zu beobachten. Dabei werden Bürger und Bürgerinnen eingeladen, aktiv an Forschungsprojekten teilzunehmen.

Von Messungen der Wasserqualität bis hin zu Igelbeobachtungen reichen die Beteiligungsmöglichkeiten auf der Plattform "Österreich forscht". Das Konzept dieser Projekte lässt sich durchaus auch auf die Archäologie anwenden. Denn wenn Hobbybotaniker und Hobbyentomologinnen mit ihren Smartphones ins Feld ziehen, um Pflanzen und Tiere zu dokumentieren, warum sollte es dann keine ähnlichen Projekte in der Archäologie geben?

Win-win-Situation

Professionelle Archäologie und ehrenamtliches Engagement bilden keinen Widerspruch, sondern können einander verstärken. Dazu müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen und Vereinbarungen getroffen werden. In Großbritannien, wo jedes Wochenende Horden von Ehrenamtlichen hinausgehen, um archäologische Fundstellen zu dokumentieren, genießt die Archäologie einen unvergleichbar höheren Stellenwert als in Österreich. Die intensive Betreuung der Ehrenamtlichen, aber auch die archäologischen Maßnahmen, die aus der viel größeren Zahl der Fundmeldungen hervorgehen, schaffen Arbeitsplätze für viele Archäologen und Archäologinnen. Eine Win-win-Situation.

Bis wir so weit sind, hat Archaeopublica noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber die Zeiten sind günstig. (Joris Coolen, 22.12.2016)

Joris Coolen stammt aus den Niederlanden und studierte Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Vereins Archaeopublica erforscht er unter anderem mittelalterliche Häfen im Nordatlantik.

Links

  • Römische Kleidung im Welser Modegeschäft Neugebauer, einer Station des Römerwegs.
    foto: albert neugebauer

    Römische Kleidung im Welser Modegeschäft Neugebauer, einer Station des Römerwegs.

  • Ehrenamtliche können auch in der Auswertung von Grabungen willkommene Hilfe leisten.
    foto: laurens mulkens

    Ehrenamtliche können auch in der Auswertung von Grabungen willkommene Hilfe leisten.

  • Spuren einer rezenten Raubgrabung an einem urgeschichtlichen Grabhügel in Kärnten.
    foto: jakob maurer

    Spuren einer rezenten Raubgrabung an einem urgeschichtlichen Grabhügel in Kärnten.

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